China In China werden Daten zur Währung

Das Portemonnaie aus der Hosentasche hervorholen und bezahlen - das war vorgestern. In China sind digitale Bezahlapps, wie Alipay und WeChat Pay, schon Alltag. Hiermit lässt sich nicht nur der Einkauf bezahlen, sondern das gesamte Leben auf einer Plattform organisieren.

Bezahlen mit dem Handy
Bezahlen mit dem Handy ist in China Normalität. Bildrechte: IMAGO

Der Einkauf im Supermarkt kann genauso mit Alipay bezahlt werden, wie die Bestellung im Internet. Im Supermarkt wird dazu einfach ein QR-Code mit den eigenen Zahlungsinformationen zum Scannen vorgezeigt. Der Betrag wird dann vom Konto abgebucht. Kontaktlos, einfach und schnell geht das. Das gefällt auch 900 Millionen Menschen in China, die Apps wie Alipay nutzen. Mehr oder weniger freiwillig, wie Kai von Carnap vom Mercator Institut für China-Studien (MERICS) erklärt:

Obwohl es keine Nutzungspflicht gibt, ist die Verbreitung von Alipay, WeChat Pay und anderen QR-Code-Bezahlsystemen so groß, dass es schlichtweg unmöglich ist, in größeren Städten sein Leben nicht damit zu bestreiten.

Kai von Carnap

Es gäbe Restaurants und Einkaufsmärkte, die Scheine und Münzen gar nicht mehr akzeptieren. "Damit entsteht natürlich Druck und sogar gesellschaftlicher Zwang, digitale Bezahlsysteme zu nutzen", meint von Carnap, der Experte für digitale Entwicklung Chinas ist.

Politisch gewollt - und bequem

Allerdings ist auch die Bequemlichkeit ein wichtiger Faktor für die Beliebtheit der Bezahl-Apps. Mit Alipay können sich Nutzende etwa ein Taxi bestellen, ihre Strom- und Wasserrechnungen bezahlen, einen Termin im Krankenhaus ausmachen und Versicherungen abschließen. Auch eine Reinigungskraft kann gerufen werden, genauso ein Kredit aufgenommen werden oder sogar Lotto gespielt. Eine einzige App, die einfach alles kann. Aufgrund der Pandemie werden etwa die aktuellen Fallzahlen von Covid-19 auf der Startseite angezeigt. Die vielfältige App ermöglicht es den Nutzenden, ihr gesamtes Leben zu organisieren.

Kai von Carnap
Kai von Carnap ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mercator für China-Studien in Berlin. Bildrechte: Marco Urban/Merics

Mit einem integrierten Bonussystem werden außerdem Punkte gesammelt. Wer viel kauft, bekommt mehr Rabatt und kleine Geschenke. Auch pünktliche Bezahlung, ein positiver Kontostand und das Einkaufsverhalten bedeuten Punktgewinne. Umgekehrt gibt es aber auch Minuspunkte. Eine zu spät überwiesene Rechnung bedeutet Abzug. Selbst wenn selten bestellt wird, wirkt sich das negativ auf das Social-Credit-System aus. Es ist die Entstehung gläserner Kundinnen und Kunden.

Der Preis sind die Daten

Fast alle Dienstleistungen, die in der App integriert sind, sind kostenlos. Einzig Überweisungen von einem Konto auf ein anderes kosten einen kleinen Betrag. Allerdings sind selbst diese Kosten günstiger als bei einer regulären Bank. So nutzen viele Menschen in China Alipay auch für den sogenannten Hong Bao, also den roten Umschlag, mit dem Geldgeschenke an chinesischen Feiertagen und Festen zunehmend virtuell überreicht werden. Der wirkliche Preis liegt in der Weitergabe persönlicher Daten. Wenn derart viele Dienstleistungen mit einer App verbunden sind, fließen die aufkommenden Daten in einem Knotenpunkt zusammen. So muss schon zur Nutzung von Alipay ein Foto des Personalausweises sowie die Kreditkartendaten hinterlegt werden.

China
Das Bild zeigt in der obersten Reihe die persönlichen QR-Codes zum Bezahlen und Empfangen von Geld. In den drei Zeilen darunter sind verschiedene Services abgebildet. Die arabischen Zahlen geben die aktuellen Corona-Fallzahlen an. Bildrechte: Screenshot aus der Alipay-App / Thilko Gläßgen

Besonders schwerwiegend ist das, wenn es um hochsensible Daten, wie solche zur persönlichen Gesundheit, geht, meint von Carnap: "Gerade wurden sogenannte QR-Gesundheitscheck-Apps eingeführt. Diese sind angeschlossen an die Bezahlapps und nun läuft die Gesundheitsauswertung Gefahr, mit finanziellen Transaktionsverläufen vermischt zu werden." Das führe auch in der chinesischen Bevölkerung zu Diskussionen, allerdings schränkt von Carnap ein:

Es gibt wenige Möglichkeiten für die Zivilgesellschaft, auf Legislative oder Judikative Einfluss zu nehmen, um den Datenschutz und Gesetzesvorschläge zugunsten der Nutzenden zu lenken.

Kai von Carnap

Stattdessen gelte in China, Datenschutzfragen nach dem Willen der Regierung und des Marktes zu entscheiden. Vielerorts sei das Bewusstsein für Datenschutz geringer als in Deutschland. Die Vorteile von Gesichtserkennung, personalisierter Werbung und die große Bequemlichkeit überwiegen für viele Nutzende der App ihre Nachteile. Auch von Carnap verweist auf die Unterschiede: "Es ist eine sehr schwierige Debatte um die kulturellen Werte einer Gesellschaft. China hat auf jeden Fall eine weniger große Aversion gegenüber technologischer Adaption. In Deutschland steht man Technik generell etwas vorsichtiger gegenüber."

Eine Frau bezahlt im Restaurant kontaktlos mit Karte 3 min
Bildrechte: imago images / Westend61

0 Kommentare