Mosaic-Expedition: Leipziger Forscher fliegen zum Schichtwechsel ins ewige Eis

Seit Oktober 2019 treibt der Eisbrecher "Polarstern" eingefroren in eine Eisscholle durch das Nordpolarmeer. Jetzt ist wieder Schichtwechsel bei der MOSAIC Expedition, einer der spannendsten Forschungsunternehmungen der Neuzeit, die noch bis Oktober 2020 den Geheimnissen der Arktis auf den Grund geht. Dieses Mal gehen auch Forscher der Uni Leipzig an Bord.

Forschungsschiff Polarstern
Bildrechte: AWI/Michael Gutsche

Update 17. März 2020

Corona schränkt Forschungsmission Mosaic am Nordpol ein

Das Forschungsschiff Polarstern untersucht derzeit die Atmosphäre und den Klimawandel über der Arktis. Mehrere begleitende Messflüge über dem nördlichen Polargebiet müssen jetzt allerdings wegen der Coronakrise kurzfristig abgesagt werden. Wie die Universität Leipzig am Montag mitteilte, sollten die beiden Forschungsflugzeuge Polar 5 und 6 am 11. März im norwegischen Spitzbergen eintreffen.

Allerdings war ein Teilnehmer zuvor positiv auf Corona gestestet worden. Damit war eine Einreise des Teams nach Norwegen nicht mehr möglich. Der Leipziger Professor Manfred Wendisch, der die Messkampagnen leiten sollte, bedauerte die Absage, sagte aber zugleich, es wäre verantwortungslos gewesen, unter diesen Umständen die Flüge durchzuführen. "Wir nehmen damit auch unsere Verantwortung für die Gesundheit aller Beteiligten war. Außerdem gilt: aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und wir bleiben optimistisch, dass unsere Sommermesskampagne planmäßig stattfinden kann."

Verspätung beim Schichtwechsel

Mit knapp zweiwöchiger Verspätung hat es den nächsten Schichtwechsel auf dem Forschungsschiff "Polarstern" gegeben. Das Versorgungsschiff "Kapitan Dranitsyn", das neue Vorräte und frische Crew-Mitglieder zum Forschungsschiff bringt, hat schließlich auch an der Eisscholle angedockt, mit der die "Polarstern" seit Herbst 2019 mitdriftet.

Mann mit Mütze und pelzbesetzter Jacke
Markus Rex Bildrechte: Alfred-Wegener-Institut

Die Verspätung sieht man im Team sportlich, denn an sich sei es ein Rekord, sagt Expeditionsleiter Markus Rex, dass es ein Schiff so früh im Jahr so weit in den Norden geschafft hat, knapp 156 Kilometer vom Nordpol entfernt.

Einziger Haken: Das Schiff hat auf der Fahrt mehr Treibstoff verbraucht als geplant, aufgrund des festen Meereises. Ein Fall für die Logistiker der Expedition - wie kann schnell zusätzlicher Treibstoff in diese unwirtliche Gegend kommen? Die Lösung fällt ganz anders aus - das Versorgungsschiff fährt zurück und ab Murmansk sticht ein dritter Eisbrecher in See, die "Admiral Makarov", und kommt der "Kapitan Dranitsyn" entgegen.

Unterdessen herrschte auch auf der Eisscholle geschäftiges Treiben: Per Schlitten, zu Fuß, mit Schneemobilen und Pistenraupen kamen die neue Crew und neues Versorgungsmaterial von einem Schiff zum anderen und die "alten Hasen" weisen das Nachfolgeteam in die Abläufe an Bord ein. Nach Angaben des AWI ist es so kalt - gefühlt minus 56 Grad Celsius -, dass Gemüse und Obst in beheizten Containern übers Eis transportiert werden müssen. Sogar die Kräne arbeiten in der Kälte langsam.

"Polarstern": Austausch auf dem Eis

Polarstern - trifft Versorgungsschiff
Bildrechte: AWI/Folke Mehrtens
Polarstern - trifft Versorgungsschiff
Bildrechte: AWI/Folke Mehrtens
Polarstern - Pistenbully
Bildrechte: AWI/Eric Brossier
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Aktuelle Fakten von unterwegs

Fahrt der zweiten Etappe: 13. Dezember 2019 bis 27. Februar 2020: Die "Polarstern" ist 672 Kilometer in der Eisscholle mitgedriftet, aber nur 406 Kilometer vorangekommen. Geschwindigkeit im Durchschnitt: 1,7 km/h. Technische Leistungen: Mit Pistenraupen wurde eine 900 Meter lange Landebahn auf der Scholle geschaffen. Temperaturen: zwischen 11,4 Grad bis minus 38,2 Grad Lebensmittelverbrauch: 8.100 Eier, 1.360 kg Kartoffeln und 86 Gläser Nutella. Eisbärsichtungen: Ein einziger, der zufällig von einer Kamera aufgenommen wurde, während er eine technische Fernerkundungsstation beschnupperte.

Bilanz nach der zweiten Etappe

Die Wissenschaftler haben Unmengen an Daten gesammelt, so Meereisforscher und Fahrtleiter Christian Haas.

In den vergangenen Monaten haben wir den Winter am Nordpol kontinuierlicher und präziser beobachten können als es jemals vorher möglich war. Die Eisdicke hat sich seit Dezember verdoppelt auf durchschnittlich 160 Zentimeter, was einer Wachstumsrate von ca. zehn Zentimetern pro Woche entspricht.

Christian Haas
Mann mit verschneiter Mütze und Sonnenbrille
Christian Haas Bildrechte: Alfred-Wegener-Institut

Und sie haben direkt beobachten könnne, wie sich das Eis verändert, wie sich kleinere und dünnere Schollen bilden und übereinanderstapeln. Oder dass die Temperatur direkt über dem Eis viel niedriger ist als zum Beispiel in 20 Metern Höhe, in den untersten zehn Metern gibt es Temperaturunterschiede bis vier Grad. Auch was das Leben im ewigen Eis angeht, hat das Forschungsteam erstaunliche Beobachtungen gemacht, wie Haas schildert:

Nie zuvor konnten wir Zooplankton und Polardorsche hier oben zu dieser Jahreszeit so umfangreich erforschen. Im Februar haben wir sogar häufiger eine Robbe unter dem Eis beobachtet, die offenbar selbst kurz vor dem Nordpol ausreichend Nahrung findet.

Ablösung auch bei der Fahrtleitung

Haas wird nun auch abgelöst, die Leitung an Bord während der nächsten Forschungsetappe übernimmt Torsten Kanzow vom Alfred-Wegener-Institut. Mit zunehmender Sonne und damit mehr Licht in den kommenden Wochen wird sich auch der Forschungsschwerpunkt auf andere Gebiete verlagern.

Auf einem Eishügel steht ein Mann und leuchtet mit einem Scheinwerfer  die Dunkelheit aus
Eisbärwart Lukas Piotrowski hält Ausschau nach Eisbären Bildrechte: Alfred-Wegener-Institut

Leipziger Forscher kommen mit dem Flugzeug

Zur neuen Besatzung gehören ab Mitte März auch Meteorologen der Uni Leipzig. Die Forschergruppe um Prof. Manfred Wendisch wird mit den Forschungsflugzeugen Polar 5 und Polar 6 des Alfred-Wegener-Institutes zur Expedition fliegen und bereits auf dem Flug neue Daten für das Uniforschungsprojekt "Arktische Klimaänderung" sammeln.

"Mit den Flugzeugen können wir von Spitzbergen aus starten und nach einem Tankstopp auf Grönland dann entlang der Luftmassen fliegen, die sich zur Polarstern bewegen. Damit bekommen die punktuellen Messungen auf der Polarstern sozusagen eine regionale Anbindung", so Wendisch. Schwerpunkt der Leipziger Uni-Forscher wird also der Luftraum über dem Forschungsschiff sein, den sie gemeinsam mit Kollegen vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung ebenfalls aus Leipzig mit den Flugzeugen aber auch einem Fesselballon untersuchen werden.

Frontalansicht eines AWI Forschungsflugzeuges beim Stop in Barrow,Alaska
Das Forschungsflugzeug "Polar 5" des Alfred-Wegener-Instituts. Bildrechte: Stefan Hendricks Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

lfw

Ein Gasballon. 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die MOSAIC-Expedition und ihr Blog

Wissenschaftler aus 20 Nationen erforschen mit der MOSAiC-Expedition ein Jahr lang die Arktis. Von Herbst 2019 bis Herbst 2020 driftet der deutsche Eisbrecher Polarstern dazu eingefroren im Eis durch das Nordpolarmeer. MOSAiC wird unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) realisiert. Über 80 Institute arbeiten für dieses Projekt in einem Forschungskonsortium zusammen. Das Budget der Expedition beträgt über 140 Millionen Euro. Und hier können Sie die Arbeit im MOSAIC-Blog verfolgen.

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