Interview zur Amtsübergabe Paläoklimatologe wird neuer Präsident der Leopoldina

Die 1.600 Mitglieder der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina bekommen einen neuen Präsidenten. Der 51-jährige Paläoklimatologe Gerald H. Haug leitet ab März die älteste Wissenschaftsakdamie Deutschlands. MDR WISSEN sprach mit Haug schon vor seiner Amtsübergbabe (20. Februar 2020) über das "Jahrhundertthema Klima", einen Generationswechsel in der Wissenschaft und welche Akzente er in Halle setzen will.

MDR WISSEN: Herr Haug, herzlichen Glückwunsch zur Wahl! Der Präsident der Leopoldina bekleidet ein besonderes Amt, mit dem auch eine besondere Ehre einhergeht. Dennoch: Fürchten Sie, keine Zeit für die Forschung mehr zu haben?

Gerald H. Haug: Ich bin da sehr zuversichtlich. Ich mache im Hauptamt den Leopoldina-Präsidenten, bin ja Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, werde meine Abteilung behalten und das in einer Art 80/20-Regelung machen.

Ich bin 51 Jahre alt, da ist es doch sehr sinnvoll, sich auch in der Wissenschaft immer noch ein bisschen die Hände schmutzig zu machen, wie man so sagt. Ich halte das für eine gute Sache.

MDR WISSEN: Als Klimaforscher und Paläontologe befassen Sie sich mit dem Klima aus längst vergangener Zeit. Kann die Wahl eines Klimaforschers auch als gesellschaftliches Signal interpretiert werden?

Gerald H. Haug: Nun gut, ich bin Meeresgeologe und mache Klimarekonstruktion. Ich glaube, das Klima-Thema ist ein Jahrhundertthema. Das hat möglicherweise für den Findungsausschuss eine Rolle gespielt, aber die Themen gehen natürlich viel weiter.

Das ist mit dem Energiethema ganz eng verknüpft, es geht um andere große Themen wie die Digitalisierung, es gibt Revolutionen in der Medizin. Da ist man zwar kein Experte, aber in dem Fall bin ich Fan – und es geht darum, die Wissenschaft in ihrer gesamten Breite darzustellen.

MDR WISSEN: Wenn man nach Halle kommt und sich für einen solchen Posten bewirbt – macht man sich da im Vorfeld schon Gedanken über Akzente, die man setzen will?

Gerald H. Haug: Klar, das entwickelt man gemeinsam - mit den 1600 Mitgliedern. Die Leopoldina ist nicht nur die älteste Akademie, es ist auch eine der feinsten Akademien. Es gibt ja verschiedene Arbeitsgruppen, wissenschaftliche Kommissionen, und ich glaube, dass das unaufgeregte Antizipieren von Themen ganz wichtig sein wird, um auch in Zukunft Politik und Gesellschaft zu beraten.

MDR WISSEN: Sie sind Jahrgang 1968, bisher standen der Leopoldina immer ältere Semester vor. Signalisiert Ihre Wahl einen Generationswechsel?

Gerald H. Haug: Ich bin 51 Jahre alt. In Finnland wurde jetzt eine Regierungschefin gewählt, die ist 34. Ich denke mal, 51 ist für diese Aufgabe vergleichsweise jung, aber die Jugend ist definitiv vorbei. Ich denke, es ist schon wichtig, dass jetzt auch die Generation 30, 40, 50 entsprechende Aufgaben übernimmt.

MDR WISSEN: Wenn man über Sie liest, dann liest man über den Leibniz-Preis, aber auch über spektakuläre Projekte zur Klimageschichte, die Sie im Lauf Ihrer Forschungskarriere umgesetzt haben - Stichwort Mayas! Was würden Sie als das Highlight Ihrer bisherigen Arbeit bezeichnen?

Gerald H. Haug: Ein Highlight ist immer, wenn man eine spektakuläre Zeitreihe erstellen kann - wir machen das ja mit Sedimentbohrungen - und wenn diese Zeitreihe so gut ist, dass man damit Klima und Geschichte, Klima und Kultur, Klima und Mensch korrelieren kann. Wir haben mal über die Rolle des Regenfalls auf die Mayakultur oder die Rolle des Monsuns auf die chinesischen Kulturen gearbeitet.

Aber wir sehen natürlich auch Klimaschwellenwerte im System, Ozean und Atmosphäre. Mein Lieblingsthema ist immer noch die sogenannte pliozäne Warmzeit. Das ist erdgeschichtlich das letzte Mal gewesen, dass wir genau die atmosphärische CO2-Konzentration von heute hatten, also etwa 450 ppm.

Die Nordhemisphäre war eisfrei, der Meeresspiegel 20 Meter höher – und das sind natürlich genau solche Eckpunkte, die aus der Forschung kommen und die einem Sorge bereiten, wo wir als Menschheit das Klimasystem denn auch hinfahren.

Das Interview führte Karsten Möbius.

Zur Person: Gerald H. Haug

Prof. Dr. Gerald H. Haug, geboren 1968 in Karlsruhe, legte sein Diplom in Geologie an der Universität in Karlsruhe 1992 ab und promovierte 1995 an der Universität Kiel. Seine internationale Wissenschaftskarriere führte ihn unter anderem nach Vancouver, Massachusetts und Los Angeles.

Im Jahr 2007 erhielt er den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis. 2012 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt. Seit 2015 ist Gerald Haug Direktor der Abteilung Klimageochemie und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz.

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