Forschung Vegane Schuhe: Leder, das aus Pilzen wächst

Das, woran die Forschung da tüftelt, haucht dem Begriff Fußpilz eine ganz neue Bedeutung ein, auch wenn der Stoff aus Pilzen wohl kaum so genannt werden wird: Pilze, die flächenartig wachsen, sich anfühlen und verhalten wie Leder. Ökologisch und ethisch läuft das Pilzleder dem Leder aus Tierhäuten klar den Rang ab.

Pilz wächst heran
Ein Pilz, der ausgewachsen nicht zum Essen taugt, den man aber, gut verarbeitet, anziehen kann. Bildrechte: Antoni Gandia (Mogu S.r.l.)

Müssen wir für unsere Schuhe künftig keinem Tier mehr das Fell über die Ohren ziehen? Selbst wenn wir schon gar keine Lederschuhe mehr tragen, sondern solche aus synthetischen Polymeren: Ökologisch und nachhaltig punktet weder der eine noch der andere Stoff in Sachen ökologischer Fußabdruck.

Vor jedem Rinds- oder Schweinslederschuh steht eine enorme Produktionskette, angefangen bei der Abholzung von Wäldern für Viehherden bis hin zu den Produktionsbedingungen dort, wo das Leder weiterverarbeitet wird, bis ein Schuh daraus wird. Und wer auf tierisches Material in der Kleidung verzichtet und auf Kunstleder ausweicht: Auch die synthetischen Polymerstoffe haben ihren Preis - für sie werden Chemikalien aus fossilen Brennstoffen benutzt, deren Abbau wiederum ebenfalls seinen (ökologischen) Preis hat. Wie wir den Schuh auch drehen oder wenden: Eine saubere Weste haben wir ökologisch gesehen nicht, egal, in welchem Leder/Leder-Ersatzmaterial wir durchs Leben gehen oder mit welchem Gürtel wir uns die Hose enger schnallen.

Pilz versus Rind

Zwei Männer sitzen vor dem Eingang eines Gebäudes der Uni Wien und schauen lächelnd in die Kamera.
Alexander Bismarck und Mitchell Jones Bildrechte: Alexander Bismarck

Dabei könnte es auch anders gehen. Dr. Alexander Bismarck und sein Kollege Mitchell Jones, zwei Forscher der Universität Wien, haben sich mit Pilzen als Leder-Ersatzmaterial befasst. Sie haben die Produktion von Rindsleder und Ersatzmaterial aus Pilzen nebeneinandergestellt und dazu auch an selbst gezüchtetem "Pilzleder" geforscht. Das Ersatzmaterial kann demnach sowohl beim Bau zum Beispiel als Dämmmaterial eingesetzt werden, aber auch für die Produktion von Schuhen, Gürteln und Taschen. Bismarck und Jones kommen zu dem Schluss: Der Leder-Ersatzstoff aus Pilz hat demnach großes Potential und wird in Zukunft eine beträchtliche Rolle bei der Herstellung ethisch und ökologisch verantwortungsbewusster Materialien spielen.

Das "Leder" entsteht aus Pilzen, die auf forstwirtschaftlichen Abfällen wie Sägemehl heranwachsen. Das dabei einstehende Pilzmyzel ähnelt Rindsleder tatsächlich in seinen Eigenschaften, verschlingt aber weniger Ressourcen in der Produktion und ist ökologisch abbaubar: Offenbar eine Art eierlegende Wollmilchsau in Sachen saubere Produktion.

Der Pilz für Schuhe, Taschen, Gürtel

Pilzsporen in Petrischale
Sie sind die Basis, aus der dann das Leder wächst: Pilzsporen Bildrechte: Antoni Gandia (Mogu S.r.l.)
Pilzsporen in Petrischale
Sie sind die Basis, aus der dann das Leder wächst: Pilzsporen Bildrechte: Antoni Gandia (Mogu S.r.l.)
Pilz wächst in einem Glas heran
Dieses Bild zeigt den nächsten Entwicklungsabschnitt des Pilzes Bildrechte: Antoni Gandia (Mogu S.r.l.)
Pilz wächst heran
Zum Beispiel aus Sägemehl ziehen die Pilze ihre Nährstoffe Bildrechte: Antoni Gandia (Mogu S.r.l.)
Pilzleder wächst heran
So sieht das lederartige Material vor der Bearbeitung aus Bildrechte: Antoni Gandia (Mogu S.r.l.)
Ledermaterial aus Pilz
Wie kann man die Pilze zu homogenem Wachstum anregen? Das ist noch nicht geklärt. Bildrechte: Antoni Gandia (Mogu S.r.l.)
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Wie haltbar ist das Pilzleder?

Aber wie haltbar sind zum Beispiel Schuhe oder Gürtel aus so einem Leder-Imitat? "Eine richtig gute Frage, schätzungsweise wie Rindsleder", sagt Bismarck im Gespräch mit MDR Wissen. Offenbar fehlen noch größere Erfahrungswerte, aber erste Biotech-Unternehmen vermarkten bereits die aus Pilzen gewonnen Materialien, so die Forscher.

Auch wenn sich das Pilzleder schon anfasst wie herkömmliches Rindsleder und auch ähnliche Eigenschaften hat, einen Haken hat der Ersatzstoff derzeit: Unklar ist noch, wie man dafür sorgt, dass die Myzelmatten ständig gleichmäßig wachsen, gleich dick sind, und farblich und auch in ihren mechanischen Eigenschaften gleichbleibend gut sind. Und was ist mit dem klassischen Pilzgeruch nach Wald und Feuchtigkeit? "Sie haben tatsächlich den typischen Pilzgeruch, aber nicht mehr nach Aufreinigung und Verarbeitung", sagt Bismarck.

Das Pilzleder ist auch für die Bau-Industrie ein spannender Stoff

Aber nicht nur in Sachen Nachhaltig- und Abbaubarkeit ist das Pilzleder der Rinderhaut einen Schritt voraus. Auch beim Wachstum: Das Pilzmyzel kann schon nach wenigen Wochen geerntet und verarbeitet werden. Für Bismarck und seinen Kollegen sind die pilzbasierten Leder-Imitate deshalb die Stoffe der Zukunft. Sie sind nicht nur nutzbar als Schuhe, Gürtel oder Taschen. In einer Studie, die Anfang 2020 veröffentlicht wurde, hatten Bismarck und Jones die Tauglichkeit von Pilz-Material - u.a Champignons und Rötende Blätterwirrlinge - für die Baubranche nachgewiesen: Anwendungsgebiete wären beispielsweise Isolations- und Akustikdämmstoffe, oder Verpackungsschaum.

Anwendungsgebiete für Pilzmaterial
Weitere Einsatzgebiete: a) Spanplattenersatz für Wandverkleidungen und Türkerne, b) Akustikschäume, c) flexible Isolierschäume und d) harzgetränkter Laminatfußboden Bildrechte: Ecovative Design LLC (Green Island, USA) and Mogu s.r.l (Inarzo, Italy)

Link zur Studie

Die Forschungsergebnisse sind unter dem Titel "Leather-like material biofabrication using fungi" in nature sustainability erschienen.

(lfw)

Programmtipp: "Von Mokassin bis Salamander - Schuhproduktion in Weißenfels"
MDR FERNSEHEN | 19.10. 2020
11:45 Uhr

1 Kommentar

part vor 19 Wochen

Ja, tatsächlich es gibt Pilzarten die sich auf Grund ihrer Struktur und Faserigkeit generell für die Herstellung von Naturverbundmaterialen eignen würden. Der Zunderschwamm oder einige Stoppelpilzarten wären dazu bestens geeignet. Nur macht manchmal das Anzuchtsubstrat nicht mit was der Pilzzüchter gern möchte, besonders wenn Stroh aus industrieller Landwirtschaft Bekanntschaft gemacht hat mit Fungiziden und Herbiziden, denn diese scheinen nachhaltig zu wirken.