Urzeitforschung Im Ostallgäu liefen die ersten Affen aufrecht

Wann wurden Affen zu Zweibeinern? Bisher eine ungelöste Rätselnuss. Eine Forscherin aus Tübingen hat sie jetzt geknackt - anhand von Knochenfunden aus dem Allgäu. Erste Affen waren demnach schon Millionen Jahre früher als bisher geglaubt auf zwei Beinen aufgerichtet unterwegs - und zwar im Gebiet, das heute zum Ostallgäu gehört, und damit nicht wie bisher angenommen in Griechenland oder Kenia.

Knochen
Aufschlussreiche Fundstücke: Insgesamt 37 Knochen, darunter vollständige Arm und Beinknochen, Wirbel, Zehen und Fingerknochen. Bildrechte: Christoph Jäckle

Für einen Hund wären es einfach nur ein paar Knochen im Wald gewesen, in der Welt der Forschung sind sie die Nussknacker für harte Brocken: Knochenfunde aus dem Bachbett einer Tongrube im Allgäu, die zu einer bislang unbekannten Affen-Spezies gehören: dem Danuvius guggenmosi.

Warum Danuvius guggenmosi ... ist benannt nach der Donau und Sigulf Guggenmoos, einem Hobby-Archäologen aus dem Allgäu, der seit Mitte der 1960er-Jahre immer wieder spektakuläre Funde aus der Mittelsteinzeit und der Zeit der Römer gemacht hatte.

Dessen Knochenreste haben es in sich: Sie zeigen, dass im Allgäu Affen viel früher aufgerichtet, auf zwei Beinen unterwegs waren, als man bisher wusste. Der Fund der Danuvius-Art ist somit für die Forschung eine Sensation, wie es in der Veröffentlichung des Fachmagazins Nature heißt: Der neu entdeckte mögliche Vorfahr von Mensch und Menschenaffe war schon vor fast zwölf Millionen Jahren teilweise auf zwei Beinen unterwegs - Millionen Jahre früher als bislang angenommen wurde. Die Knochenfunde stellen damit so ziemlich alles auf den Kopf, was man bisher über die Evolution der großen Menschenaffen und des Menschen zu wissen glaubte, wie Madelaine Böhme sagt:

Lächelnde Frau mit Brille
Professorin Madelaine Böhme Bildrechte: Christoph Jäckle

Das ist eine Sternstunde der Paläoanthropologie und ein Paradigmenwechsel. Dass sich der Prozess des aufrechten Gangs in Europa vollzog, erschüttert die Grundfeste der Paläoanthropologie.

professorin Madelaine Böhme

Dass in Afrika noch ältere aufrecht gehende Menschenaffenformen existierten, ist nach Böhme so gut wie ausgeschlossen.

Aufrechter Gang - seit wann bekannt?

Der Danuvius guggenmosi hat den Forschungen zufolge vor 11,62 Millionen Jahren gelebt. Die Primaten waren offenbar sowohl auf zwei Beinen als auch kletternd unterwegs. Bislang galt der aufrechte Gang als ausschließliches Merkmal von Menschen. Die bisher ältesten Belege für den aufrechten Gang sind rund sechs Millionen Jahre alt und stammen von der Insel Kreta und aus Kenia.

Was ist neu und anders am Danuvius Guggenmosi

Der Danuvius hielt sich den Analysen zufolge dank einer S-förmigen Wirbelsäule aufrecht. Menschenaffen haben nur eine einfach gebogene Wirbelsäule. Die X-Beine des Danuvius und sein stabiles Fußgelenk wären für ausschließlich kletternde Menschenaffen unpraktisch. Trotzdem hat der Danuvius auch klassische Merkmale von Baumbewohnern: verhältnismäßig lange Arme und Greiffüße.

Handknochen vom Affen
Diese Knochen erzählen unsere Geschichte neu. Bildrechte: Christoph Jäckle

Hinten also eher zweibeinig, vorne eher Kletterer, war der neue Vorfahr des Menschen etwa einen Meter groß. Knochenfunde eines Weibchens weisen auf ein Gewicht von etwa 18 Kilogramm hin, die des Männchens auf 31 Kilogramm. Wichtige Gelenke wie Ellbogen, Hüfte, Knie und Sprunggelenk zeigen Paläontologin Madelaine Böhme zufolge, dass einige Knochen mehr dem Menschen als dem Menschenaffen ähnelten. Anhand von Gebissresten lässt sich darauf schließen, dass die Affenart lieber auf härteren Pflanzenteilen herumkaute statt auf weichen Blättern.

Scanneraufnahme des Gehirns eines Frettchens. 4 min
Bildrechte: Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik Dresden

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2019, 19:00 Uhr