Gentechnik-Forschung Designer-Babys: Dürfen wir Menschen für immer verändern?

Vor knapp einem Jahr meldeten chinesische Forscher die Geburt der ersten genmanipulierten Babys der Welt. Die angewandte Genschere CRISPR/Cas9 könnte Krankheiten besiegen – aber auch hochgezüchtete Designer-Menschen schaffen. Eine Debatte in China blieb jedoch aus. Jetzt will ein russischer Forscher menschliche Eizellen mit der Genschere verändern. Eine Bestandsaufnahme.

von Steffen Wurzel, Shanghai

In wenigen Wochen jährt sich das aufsehenerregende Gen-Experiment des chinesischen Forschers He Jiankui zum ersten Mal: Er hatte bekannt gegeben, zwei Neugeborene per Gentechnik-Eingriff lebenslang gegen die Krankheit Aids geschützt zu haben. Die Nachricht löste eine weltweite Welle des Protestes aus – vor allem in Europa und den USA. Seitdem ist es sehr ruhig geworden um den umstrittenen Forscher im Speziellen und um Chinas Gentechnik-Forschung im Allgemeinen.

Genforschung inmitten bewaldeter Hügel

Die neue Firmenzentrale des chinesischen Unternehmens BGI Genomics ist beeindruckend. Sie liegt am Rand der südchinesischen Stadt Shenzhen inmitten einer parkähnlichen Anlage, umringt von bewaldeten Hügeln. Das mehrstöckige weiße Gebäude ist in Terrassen-Form gebaut und schmiegt sich elegant in die Landschaft. Im Inneren wuseln Medizintechnik-Experten und Gen-Forscher durch die Gänge.

Größte Gendatenbank der Welt

BGI ist einerseits eine Forschungseinrichtung. Sie beherbergt eine der größten Gen-Datenbanken der Welt. Andererseits ist BGI Genomics auch eines der erfolgreichsten Biotech-Unternehmen Chinas. Es ist an der Shenzhener Börse gelistet und verdient mit Biotech-Anwendungen und Gen-Analysen Geld.

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Firmenchef ist Vorsitzender des Ethikkomitees

Besucher aus Europa fragen bei Führungen durch die BGI-Zentrale gern nach den ethisch-moralischen Aspekten der Gentechnik-Forschung.  Ein Firmensprecher verweist auf ein internes Ethik-Komitee, das sich mit den entsprechenden Fragen und Herausforderungen beschäftige - in Absprache mit den Behörden in Peking. Vorsitzender dieses Ethik-Komitees ist Yang Huanming alias Henry Yang. Er hat der BGI mitgegründet und ist heute Präsident des Unternehmens.

Ein unabhängiges Sachverständigen-Gremium, vergleichbar mit dem Deutschen Ethikrat, gibt es in China nicht. Und das, obwohl Forschung und kommerzielle Nutzung der Gentechnik in China massiv ausgebaut werden. BGI Genomics ist dafür nur ein Beispiel.

Genmanipulation, um Babys gegen Aids zu immunisieren

Für Schlagzeilen in Sachen Gen-Forschung sorgten in China Ende November vergangenen Jahres nicht BGI oder andere große Institute und Unternehmen, sondern ein bis dahin unbekannter Gentechnik-Forscher. In einem Internetvideo verkündete der Mitte 30-jährige He Jiankui eine wissenschaftliche Sensation: Sein Forscher-Team habe das Erbgut zweier kurz zuvor geborener Mädchen mit einer so genannten Gen-Schere manipuliert; und zwar so, dass die beiden Zwillingsschwestern nun lebenslang immun seien gegen die Immunschwächekrankheit Aids.

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Scharfe Kritik durch chinesische Akademie der Wissenschaften

"Nach diesem Vorfall wurde in der chinesischen Wissenschaftsgemeinschaft sehr schnell und auch ausführlich darüber diskutiert," sagt Wang Haoyi, Zellforscher in Peking und Mitglied der chinesischen Akademie der Wissenschaften. "Die Schlussfolgerung war eindeutig: Es gab eine scharfe Kritik am Experiment von He Jiankiu. Zahlreiche Wissenschaftler haben seitdem entsprechende Stellungnahmen und Fachartikel veröffentlicht. Die Meinung ist eindeutig: Alle sind sich einig, dass es mehr Aufsicht braucht, wenn es um die ethisch-moralischen Fragen geht."

Breite gesellschaftliche Debatte in China bleibt aus

Das Bemerkenswerte: Während Forschung und Wissenschaft in China seit Bekanntwerden des Gen-Experiments intern diskutieren, bleibt eine breite gesellschaftliche Debatte aus. In den Medien und in der Öffentlichkeit wird über die Chancen und Risiken der humangenetischen Forschung so gut wie nicht geredet. Von der Staats- und Parteiführung in Peking wird diese Debatte ganz offensichtlich nicht gewünscht. Relevante zivilgesellschafte Akteure gibt es in China sowieso fast keine mehr.

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Chinesen haben weniger Hemmungen

Ganz grundsätzlich gebe es in China im Bereich von Forschung und Wissenschaft deutlich weniger Hemmungen als etwa in Europa, erklärt Soziologieprofessor Yu Hai von der Shanghaier Fudan-Universität. In Europa sei die öffentliche Unterstützung für neue Forschungsansätze sehr gering, so lange die ethisch-moralischen Fragen noch nicht geklärt seien. In China sei das anders: "Hier denkt man vorher kaum über rechtlich-moralische Aspekte einer neuen Errungenschaft nach", sagte Yu Hai.

Zellforscher ist aus der Öffentlichkeit verschwunden

Der umstrittene Zellforscher He Jiankui ist kurz nach Bekanntwerden seines Gen-Experiments mit den zwei Babys aus der Öffentlichkeit verschwunden. Nach Medienberichten ist er beurlaubt. Die Behörden sagen, der Wissenschaftler habe allein gehandelt und mit seinen Forschungen gegen das Gesetz verstoßen. He Jiankui werde von der chinesischen Justiz zur Rechenschaft gezogen, schrieb die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.

He Jiankui spricht während eines Interviews in einem Labor in Shenzhen in der südchinesischen Provinz Guangdong.
Der chinesische Genforscher He Jiankui in einem Labor in Shenzhen in der südchinesischen Provinz Guangdong - seit dem Bekanntwerden seines Gen-Experiments ist er abgetaucht. Bildrechte: dpa

Genexperiment hat zumindest Debatte in China angestoßen

Nach Ansicht des Pekinger Zellforschers Wang Haoyi hat das Gen-Experiment aber zumindest eine Debatte über neue Regeln in der Wissenschaft angestoßen.  

Der Fall He Jiankui hat Chinas Wissenschafts- und Medizin-Gemeinschaft in Bezug auf unverantwortliche Forschungsansätze wachgerüttelt - vor allem im Bereich der Humangenetik. Jegliche Anwendungen an Menschen müssen genau überprüft werden, insbesondere müssen die moralischen Fragen beachtet werden.

Wang Haoyi Zellforscher aus Peking

Weitere Meldungen über Designerbabys

Doch die Geburt der kleinen Mädchen Lulu und Nana sollte nicht die einzige Meldung über Designerbabys bleiben. Nur zwei Monate später – im Januar dieses Jahr – vermeldete die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua eine zweite Schwangerschaft mit einem sogenannten Designerbaby. Das Embryo soll ebenfalls von He Jiankui gentechnisch verändert worden sein. Schon im November hatte der Mediziner He bei einem Kongress in Hongkong im November angekündigt, dass eine "zweite potenzielle Schwangerschaft" bestehe. Insgesamt acht Paare hatten sich nach Angaben des Forschers an der CRISPR-Genscheren-Studie beteiligt, wobei die Väter HIV-positiv und die Mütter HIV-negativ gewesen seien.

Russischer Genetiker will jetzt Gen für Taubheit ausstauschen

Erst vor wenigen Tagen hat der russische Forscher Denis Rebrikov angekündigt, menschliche Embryonen zu verändern und zu implantieren. Der Forscher vom Kulakov National Medical Research Center in Moskau erklärte in der Fachzeitschrift Nature, er wolle mit der Genschere verhindern, dass Menschen ihre Taubheit vererben. Bei der Methode des "Genome-Editing" wie CRISPR/Cas werden Genabschnitte auf der DNA durch eine Art Schere herausgeschnitten und durch andere ersetzt. Die Methode ist ethisch umstritten, vor allem, wenn es sich um Eingriffe in der Keimbahn handelt, bei denen die Veränderung auch an künftige Nachkommen weitergegeben wird. Die Ankündigung Rebrikovs wird von vielen Seiten kritisiert, auch wenn honoriert wird, dass der russische Forscher seine Pläne und Ergebnisse "offen" kommuniziert.

Deutscher Ethikrat: Genome Editing zum jetztigen Zeitpunkt nicht zu verantworten

Nach dem Fall der chinesischen Zwillingsmädchen hatten führende CRISPR-Forscher dazu aufgerufen, die Methode in der klinischen Nutzung bis auf weiteres nicht zu nutzen, um einer Debatte über Chancen und Grenzen des Genome-Editing Zeit zu geben. Auch der Deutsche Ethikrat warnt vor der Anwendung des Verfahrens an menschlichen Embryonen.

Der Einsatz von Genome-Editing am menschlichen Embryo ist zum jetzigen Zeitpunkt und beim derzeitigen Stand der Technik in keiner Weise zu verantworten, erst recht nicht ohne einen dringenden medizinischen Grund.

Peter Dabrock Vorsitzende des Deutschen Ethikrates

Die in China behandelten Embryonen hätten sich auch ohne einen solchen Eingriff zu gesunden Menschen entwickeln können, argumentierten die Ethiker. Die Menschheit müsse ein Mitspracherecht haben. Immerhin handelt es sich um einen Eingriff in die biologische Grundlage des Menschen. Er betreffe ja nicht nur einen Einzelnen, sondern potenziell alle seine Nachkommen. Kurzum, so Dabrock: "Bei den Experimenten handelt es sich um unverantwortliche Menschenversuche. Die Politik muss sich auf globaler Ebene endlich des Themas annehmen."

Bearbeitung: Katrin Tominski

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 29. Oktober 2019 | 20:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2019, 17:07 Uhr

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