83 % der EU-Bürgerinnen Aus Angst vor Gewalt: Frauen schränken ihre Freiheit ein

83 Prozent der Frauen zwischen 16 und 39 Jahren in der Europäischen Union schränken ihre persönliche Freiheit ein, um sich vor Gewalt und Belästigung zu schützen. Auch im eigenen Zuhause ist Gewalt für viele Frauen Normalität.

Symbolbild - Gewalt gegen Frauen - Porträt einer Frau
Bildrechte: imago images/Rolf Kremming

Außerhalb der eigenen Haustür fühlen sich einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) viele Frauen nicht sicher. 83 Prozent der Frauen zwischen 16 und 39 Jahren schränken ihre eigene Freiheit ein, um Gewalt und Belästigung gegen sich selbst zu vermeiden. Sie gehen nicht mehr überall hin oder ändern ihr eigenes Verhalten aus Furcht vor gewalttätigen Übergriffen.

Vier von zehn Frauen geben an, dass sie dauerhaft Angst vor Angriffen haben. Weitere 41 Prozent meiden eine bestimmte Person aus ihrem Bekanntenkreis, mit der sie aus Furcht nicht allein sein wollen. Auch wenn jeder vierte Mann angibt, die Erfahrung zu teilen, so sind Männer doch in den meisten Fällen, insbesondere bei sexualler Gewalt, Täter und nicht Opfer.

Immerhin werden in Deutschland EU-weit überdurchschnittlich viele Gewalttaten an die Polizei gemeldet: 37 Prozent nämlich. Damit liegt Deutschland drei Prozentpunkte hinter Spitzenreiter Frankreich, aber sieben über dem EU-Schnitt. Schlusslichter sind Finnland und Griechenland. Generell ist aber auch von Nachbarinnen und Nachbarn Zivilcourage gefragt. Wer Gewalt mitbekommt, muss eingreifen:

In der Öffentlichkeit können andere Menschen eingreifen, deeskalieren, die Polizei rufen oder die Gewalt bezeugen.

Agentur der Europäischen Union für Grundrechte

Dass das viel zu selten passiert, führt Studienautorin Joanna Gooday auf das gesellschaftliche Klima zurück. Hier haben alle Länder großen Nachholbedarf. Allerdings hätte die MeToo-Debatte, aber auch die generelle Anerkennung der Gleichstellung der Geschlechter großen Einfluss auf viele Frauen. Wo Frauen gleichgestellt sind, geschieht nicht nur seltener Gewalt, sondern sie wird vor allem auch angezeigt und zieht Konsequenzen nach sich.

Schlimme Folgen für Frauen

Für die Opfer von Gewalt sind die psychischen Folgen gravierend: Die Hälfte von ihnen hat Angst und fühlt sich verwundbar. Mehr als jede Dritte leidet an Panikattacken, Schlafproblemen, Depressionen und Verlust des Selbstvertrauens. Bei häuslicher Gewalt leiden Kinder ebenfalls. Einerseits wenn die Gewalt gegen die eigene Mutter vor ihren Augen geschieht, andererseits wenn sie selbst direktes Opfer väterlicher Gewalt werden.

Lissy Herrmann, Interventionsstelle Stalking häusliche Gewalt Magdeburg
Lissy Herrmann berät in Magdeburg Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Auch Lissy Herrmann und die Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt und Stalking Magdeburg stellt fest, dass insbesondere häusliche Gewalt weit verbreitet ist:

Der Fakt der häuslichen Gewalt zieht sich durch alle Schichten auch durch alle kulturellen Gegebenheiten. Gewalt kommt überall vor, auch in den besten Familien.

Lissy Herrmann

Herrmann berichtet, dass die telefonischen Beratungen in Zeiten von Corona um mehr als ein Viertel im Vergleich zu vorher gestiegen sind. Die Hilfsorganisation Weißer Ring stellt ebenfalls verstärkt häusliche und sexuelle Gewalt fest. 2020 sei die Zahl um zehn Prozent gegenüber 2019 nach oben gegangen. Sowohl die EU-Studie als auch Herrmann verweisen darauf, dass Armut einen Einfluss auf Gewalt haben. Herrmann betont, dass insbesondere finanziell ärmere Frauen häufiger Angebote von Schutzhäusern in Anspruch nehmen als reichere Frauen, denn:

Die haben dann auch die Möglichkeit, einfach mal raus zu gehen und sich in eine Pension einzumieten oder wegzufahren. Das soziale Umfeld mit entsprechenden Unterbringungsmöglichkeiten und auch Unterstützung finanzieller Art macht was aus.

Kein Grund zur Erleichterung

So könne eine Trennung schneller herbeigeführt werden, dennoch betont Herrmann, dass oft Akademikerinnen in ihre Beratungen kommen. Stephanie Wagner ist Einrichtungsleiterin des Frauenhauses in Bernburg. Zwar gab es hier keinen Ansturm durch verstärkte Gewalt gegen Frauen während des Lockdowns, allerdings sei das kein Grund zur Erleichterung:

Wir können ja nur von den Anfragen sprechen, die uns hier erreichen. Die sind nicht mehr oder weniger geworden. Wir gehen aber von einer großen Dunkelziffer aus.

Stephanie Wagner

Eine Frau im Porträt.
Stephanie Wagner leitet das Frauenhaus in Bernburg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schwieriger ist es allerdings, überhaupt Hilfe zu bekommen. Denn Lockdown bedeute nun mal, dass der Gewalttäter genauso wie das Opfer zu Hause ist. Ein ungestörter Hilferuf, der rettende Sozialtreff oder die Arbeitskollegin, die das blaue Auge bemerkt, sind im Lockdown schwieriger zu erreichen. Dennoch richtet Lissy Herrmann einen Appell an die Opfer von Gewalt: "Ich möchte allen Betroffenen sagen: Thematisiert es. Sucht euch Unterstützung. Gewalt ist nicht normal. Sprecht mit eurem Umfeld."

Eine Möglichkeit, in Videokonferenzen auf Gewalt aufmerksam zu machen, ist ein Handzeichen, das die Stiftung kanadischer Frauen entwickelt hat: Zunächst wird die Handfläche offen in die Kamera gehalten, anschließend der Daumen in die Handfläche gelegt und dann von den anderen Fingern umschlossen.

Hier gibt es Hilfe Die Nummer gegen Kummer bietet unter 116 111 ein Kinder- und Jugendtelefon und unter der 0800 - 111 0 550 ein Elterntelefon. Diese Beratungsangebote werden von lokalen Vereinen vor Ort betreut, die dann auch weitere Hilfsangebote empfehlen können. Das können Gewalt-Interventionseinrichtungen sein, die es in vielen kleineren und größeren Städten gibt, oder Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen. Letztere sind bundesweit einheitlich unter 08000 - 116 016 erreichbar.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es zudem mehrere Gewaltopferambulanzen oder Gewaltschutzambulanzen, die sich im Ernstfall um das Sichern von Beweisen kümmern. In allen drei Bundesländern gibt es Interventionsstellen "Häusliche Gewalt", bei denen sich Betroffene selbst melden können oder von der Polizei dorthin vermittelt werden.

Der Kinderschutz in Sachsen empfiehlt als Ansprechpartner auch den Allgemeinen Sozialdienst (ASD) der Jugendämter vor Ort. Dort könnten sich auch Nachbarn oder Familienangehörige hinwenden, denen etwas auffällt. Die Beratungsstellen Täterberatung sind aus Sicht der Helfer auch "aktiver Opferschutz": Dort wird bei häuslicher Gewalt mit den Tätern gearbeitet, um weitere Fälle zu verhindern.

1 Kommentar

Erichs Rache vor 31 Wochen

Was für eine ach so humane Gesellschaft! :-(