Schlafforschung Sind Schlaf und Nahtod verwandt?

Gibt es eine Verbindung zwischen Schlaf und dem Nahtod-Erlebnis? Wissenschaftler aus Dänemark haben den beiden "Brüdern" auf den Zahn gefühlt und Erfahrungen von Menschen aus 35 Ländern eingeholt. Daraus haben sie einen Fragebogen, entwickelt, mit dem jeder seine eigenen Erlebnisse überprüfen kann.

Junge Frau liegt schlafend im Bett 3 min
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Im Jahr 1795 fiel der damals 21-jährige Francis Beaufort aus einem Schiff in das Hafenbecken von Portsmouth und ertrank beinahe. Was er in seiner Bewusstlosigkeit erlebte, beschrieb der leidenschaftliche Kartograph, nach dem die Windstärken-Skala benannt wurde, später so:  

Ein ruhiges Gefühl der vollkommensten Gelassenheit verdrängte die vorhergehenden ungestümen Empfindungen (…)Die Sinne waren zwar gedämpft, nicht so jedoch der Verstand; seine Aktivität schien in einem Maße belebt zu sein, die jeder Beschreibung spottet (…) rückwärts reisend schien jedes vergangenes Ereignis meines Lebens in meiner Erinnerung in rückläufiger Reihenfolge vorüberzuziehen.

Francis Beaufort

Mit seiner Beschreibung hätte Beaufort mindestens drei der 16 Fragen aus dem Fragebogen zu Nahtoderfahrungen bejahen können und mindestens sechs Punkte erreicht. Wissenschaftlich gesehen braucht es sieben Punkte um von einer validierten Nahtoderfahrung zu sprechen.

Eben diese Fragen haben die Wissenschaftler um den Neurologen Daniel Kondziella von der Universität Kopenhagen mehr als 1.000 Menschen aus 35 Ländern gestellt. Mit dem Ergebnis, dass zehn Prozent bereits eine Nahtoderfahrung hatten.

Das hört sich viel an, andererseits muss man auch bedenken, dass diese Erfahrung vielleicht einmal im Leben gemacht wird, vielleicht maximal zweimal und das sind Erfahrungen, die sehr persönlich sind.

Daniel Kondziella, Universität Kopenhagen

Auch das Schlafverhalten spielt eine Rolle

Die Studienteilnehmer wurden aber nicht nur nach Nahtoderfahrungen gefragt, sondern auch nach ihrem Schlafverhalten. Genauer gesagt: nach dem Moment des Einschlafens und des Aufwachens. Zum Beispiel, ob sie beim Aufwachen schon mal Dinge gesehen oder gehört haben, die nicht da waren. Und obwohl nach den Grenzen des Schlafes gefragt wurde, ging es Daniel Kondziella bei diesen Fragen um die tiefe, traumstarke REM-Schlafphase:

Das ist häufig dort, wo sich diese Traumphasen in das normale Bewusstsein einschleichen. Wo man zum Beispiel aufwacht und das hat, was man ein lucides Träumen nennt. Das heißt, dass man weiß, dass man träumt und das Bewusstsein hat, dass man tatsächlich träumt. Diese REM-Schlaf-Phänomene treten nachts auf, wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Aber auch an den Grenzen von Schlaf und Wachsein.

Daniel Kondziella

Dem dänischen Wissenschaftler ist aufgefallen, dass sich bestimmte Eindrücke bei Nahtoderfahrungen und der traumstarken REM-Phase decken. Etwa, dass man sich fernab von der Realität befindet und dennoch alles als hyperreal empfindet. Kondziella glaubt deshalb, dass Nahtod-Erfahrungen und der REM-Schlaf auf ähnlichen biologischen Mechanismen beruhen könnten.

Wie die Studie die Nahtod-Erfahrung definiert: Nahtoderfahrungen können als bewusste Wahrnehmungserfahrungen definiert werden, einschließlich emotionaler, selbstbezogener, spiritueller und mystischer Erfahrungen, die bei einer Person in der Nähe des Todes oder in Situationen unmittelbar bevorstehender physischer oder emotionaler Bedrohung auftreten.
Berichte über Nahtoderfahrungen umfassen, ohne darauf beschränkt zu sein, eine erhöhte Geschwindigkeit von Gedanken, eine Verzerrung der Zeitwahrnehmung, außerkörperliche Erfahrungen sowie visuelle und auditive Vorstellungen.
Die pathophysiologische Grundlage für nahezu totale Erfahrungen ist jedoch weiterhin unbekannt.

Die Studienergebnisse

Die Ergebnisse seiner Untersuchung scheinen das zu bestätigen: Menschen, die einen besseren Zugriff auf ihre tiefen Traumphasen haben, deren realwirkende Träume das Aufwachen oder Einschlafen begleiten, können sich mit höherer Wahrscheinlichkeit an eine Nahtoderfahrung erinnern, bzw. haben auch eine Nahtoderfahrung. Damit ist Daniel Kondziella dem physiologischen Mechanismen hinter der Nahtoderfahrung vielleicht näher gekommen. Was der Tod aber ist, bleibt ein ewiges Rätsel: Was tatsächlich passiert, wenn wir einmal sterben, wissen wir nicht. Denn davon kann eben - anders als beim Nahtod - niemand mehr berichten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 23. November 2019 | 10:20 Uhr

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