Heilkraft der Natur Waldbaden gegen Corona-Melancholie

Dieses Ostern ist anders: keine Besuche bei der Familie und Freunden, kein Osterfeuer, kein Urlaub anderswo. Spätestens jetzt wird auch dem größten Optimisten das Herz schwer. Dagegen gibt es eine Medizin: Waldbaden - natürlich unter den aktuell geltenden Bedingungen! Die heilsamen Wirkungen auf Seele und Körper wurden intensiv erforscht und sind dadurch aus verschiedenen Perspektiven wissenschaftlich belegt.

Baum Umarmung.
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Seit den 1980er-Jahren beschäftigen sich Ärzte, Landschafts- und Umweltmediziner, Ökopsychosomatiker und Wildnispädagogen mit der Frage, warum uns der Wald so gut tut und ein Aufenthalt dort viele Krankheiten lindern, Heilung beschleunigen und vermutlich sogar vor Krebs kann. Einer der ersten wissenschaftlichen Belege dazu stammt von dem schwedischen Arzt Roger Ulrich, der feststellte, dass Patienten schneller gesund werden, wenn sie vor ihrem Krankenhausfenster einen Baum sehen. Seine Studie dazu wurde 1984 im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlicht und von anderen Forschern geprüft.

Der österreichische Biologe Clemens Arvay hat sich intensiv mit den Untersuchungen zur Heilkraft des Waldes beschäftigt und dazu das Buch "Der Biophilia-Effekt" veröffentlicht. Er erklärt, warum das "Waldbaden" überhaupt wirkt.

Clemens Arvay
Der Biologe Clemens Arvay hat Studien zur Waldtherapie in seinem Buch "Der Biophilia-Effekt" zusammengefasst. Bildrechte: MDR/ Lukas Beck

Im Wald kommunizieren Pflanzen untereinander. Sie schütten chemische Verbindungen aus, sogenannte Terpene, und geben sie an die Luft ab. So warnen sie andere Pflanzen vor Angreifern oder Schädlingen, die daraufhin ihr Immunsystem hochfahren, um sich zu schützen.

Clemens Arvay, Biologe

Das ist wissenschaftlich belegt. Inzwischen sind ca. 40.000 dieser "Pflanzenvokabeln" sogar entschlüsselt worden. Auch wir Menschen empfangen diese Signale, wenn wir durch den Wald gehen und auch unser Immunsystem reagiert darauf, indem es aktiv wird. Das haben Forscher der Nippon Medical School in Tokio herausgefunden.

Ein Waldspaziergang gegen Krebs?

Illustration einer Fresszelle, die nach einem Tumor greift
Unterstützt bei Krebs: Die Anzahl der Killerzellen in unserem Körper steigt während eines Waldspazierganges um ca. 40%. Bildrechte: IMAGO

Fährt unser Immunsystem hoch, werden mehr weiße Blutkörperchen gebildet, sogenannte Killerzellen. Nach einem Waldspaziergang sind es etwa 40 Prozent mehr als davor. Sie sind dann auch lang anhaltend aktiver und bekämpfen nicht nur körperfremde Keime, sondern auch körpereigene Krebszellen. Was sich anhört wie ein kleines Wunder, wurde von der Nippon Medical School statistisch untermauert. Der Mediziner Dr. Qing Li konnte einen Anstieg der Killerzellen nach einem längeren Aufenthalt im Wald um etwa 40 Prozent in mehreren Studien belegen.

Die japanischen Forscher konnten belegen, das Menschen, die in Waldnähe leben, deutlich weniger an Krebs erkranken als die, die keinen Wald in der Nähe haben.

Clemens Arvay, Biologe und Buchautor

Inzwischen gibt es auch Krebstherapien, die Terpene berücksichtigen. Und natürlich werden auch Diäten mit terpenhaltigen Gemüsen wie Stangensellerie und Karotten empfohlen. Beides begünstigt möglicherweise eine positive Veränderung, reicht aber allein für einen durchschlagenden Erfolg nicht aus.

Bäume sind gut fürs Herz und halten jung

Waldspaziergänge schützen auch unser Herz-Kreislauf-System. Sind wir im Grünen, schüttet unser Körper vermehrt das Hormon DHEA aus. Es wird in der Nebennierenrinde gebildet und stärkt unser Herz und unsere Gefäße. Bei Stress und mit zunehmendem Alter lässt die DHEA-Produktion im Körper nach, deshalb ist Zeit unter Bäumen neben Seelenbalsam in gewisser Weise auch ein Jungbrunnen.

Wald schenkt innere Ruhe und macht glücklich

Waldatmosphäre zum Beispiel mit Vogelgezwitscher und dem Rauschen eines Wasserlaufs aktiviert auch den Parasympatikus, den sogenannten Ruhenerv. Er ist für Stoffwechsel, Erholung und den Aufbau körpereigener Reserven verantwortlich. Im Wald sorgt er also dafür, dass die Stresshormone zurückgefahren werden und der Blutdruck sinkt. Ein Geschenk für Burnout-Patienten und alle, die sich gestresst fühlen - perfekt also in unsere aktuellen Situation.

Wo und mit wem können wir während der Corona-Krise Waldbaden?

Je nach Bundesland gelten dafür derzeit verschiedenene Regelungen. Während man sich in Sachsen nicht weiter als 15 km vom Wohnort entfernen darf, ist das in Thüringen und Sachsen-Anhalt durchaus möglich. Und auch mit wem ein Waldspaziergang möglich ist, ist unterschiedlich geregelt:

Eine Hand auf Moos 2 min
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Dr. Qing Li's Tipps fürs Waldbaden

Für alle, die sich auch unter diesen Umständen für ein Bad im Wald entscheiden, hat der japanische Mediziner und Waldwissenschaftler Dr. Qing Li folgende Tipps:

Waldbaden ist eine vorbeugende Maßnahme, um gesund zu bleiben. Wenn du dich krank fühlst, solltest du einen Arzt aufsuchen und nicht den Wald.

Dr. Quing Li, Waldmediziner

  • Mache dir einen Spazier- oder Wanderplan nach deiner persönlichen Konstitution.

  • Du solltest beim Waldbaden nicht müde werden. Sobald du müde wirst, solltest du dich ausruhen.

  • Wenn du durstig wirst, solltest du Wasser oder Tee trinken, bitte ausreichend mitnehmen.

  • Du solltest mindestens 4 Stunden Waldbaden und dabei zu Fuß etwa 5 Kilometer zurücklegen.

  • Wenn du weniger Zeit hast, solltest du mindestens 2 Stunden im Wald bleiben und etwa 2,5 Kilometer zurücklegen.

  • Suche dir einen Platz im Wald, der dir gefällt.

  • Du kannst dort sitzen und lesen oder einfach nur die schöne Landschaft genießen.

  • Wenn du möchtest, nimm nach dem Waldbaden ein warmes Bad zu Hause.

  • Wenn du dein Immunsystem steigern und die Anzahl und die Aktivität deiner Killerzellen erhöhen willst, nimm einmal im Monat ein dreitägiges Waldbad.

  • Wenn du "nur" den Stress reduzieren willst, unternimm einen Tagesausflug in ein Waldgebiet in deiner Nähe.

Es muss übrigens nicht immer ein ausgewiesener Heilwald sein. Jeder Wald ist dafür geeignet.