Forschung in Jena Ist es gesund, den Mutterkuchen zu essen?

Was geschieht mit meiner Plazenta? Manche junge Mütter stellen sich diese Frage. Denn der Plazenta werden besondere Effekte nachgesagt. Jenaer Forscherinnen wollen das genau wissen: Soll ich die Plazenta essen?

Menschliches gewebe wird untersucht 3 min
Bildrechte: Anna Scholl

Zugegeben, eine appetitliche Vorstellung ist es nicht, den Mutterkuchen nach der Geburt zu essen. Aber es gibt jede Menge Effekte, die diesem Mahl nachgesagt werden. Die Plazenta, den Mutterkuchen, zu essen, soll die Milchproduktion ankurbeln, gegen Wochenbett-Depressionen helfen und dafür sorgen, dass Mütter schneller wieder fit werden.

Proträt der Ärztin Tanja Groten
Dr. Tanja Groten Bildrechte: Anna Schroll

Es gibt dazu diverse Kochrezepte und auch Anleitungen, wie das Gewebe für einen späteren Gebrauch verarbeitet werden kann. Forscherinnen vom Uniklinikum Jena wollen das jetzt endlich genau untersuchen. Denn es gibt ein Problem mit den Aussagen zum Verzehr der Plazenta: "Alles was im Umlauf ist, ist wissenschaftlich nicht belegt", sagt Privatdozentin Dr. Tanja Groten, geschäftsführende Oberärztin an der Klinik für Geburtsmedizin der Uniklinik Jena.

Alles was im Umlauf ist, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Dr. Tanja Groten

"Es gibt dazu noch kaum wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Studien", bestätigt die Biologin Jana Pastuschek. Sie gehört mit Tanja Groten zu den Wissenschaftlerinnen, die das ändern wollen. Die Plazentophagie – so der Fachbegriff für den Verzehr des Mutterkuchens – wird deshalb im Placenta-Labor der Klinik für Geburtsmedizin des Uniklinikums Jena wissenschaftlich untersucht.

Porträt der Ärztin Sophia Johnson
Ärztin Sophia Johnson ist selbst Mutter von drei Kindern. Bildrechte: privat

Bereits seit 2014 beschäftigt sich die heute 34-jährige Ärztin Sophia Johnson für ihre Promotion zusammen mit Tanja Groten mit diesem Thema. Und das sowohl theoretisch als auch praktisch. Sechs Plazenten konnte Johnson für ihre Arbeit untersuchen. Die Mütter hatten sie der Forschung zur Verfügung gestellt. Die Gewebe wurden vor allem auf ihre Hormonzusammensetzung untersucht, heißt es in der Mitteilung des Klinikums. Sie wurden nicht gegessen, sondern weiter verarbeitet.

Auf der Suche nach den Hormonen

Das Interesse galt dabei neben Sexualhormonen wie Östrogen und Progesteron auch Hormonen, die die Milchbildung fördern und Stressreaktionen des Organismus regulieren wie Oxytocin. Oxytocin, auch "Kuschelhormon" genannt, steuert zum Beispiel den Milchspendereflex und sorgt dafür, dass zwischen Mutter und Kind eine Bindung entsteht.

Was bleibt von diesen Hormonen nach der Verarbeitung der Plazenta übrig? Die Messergebnisse waren nach Angaben der Jenaer Forscherinnen eher ernüchternd. Der Hormongehalt sank dabei deutlich. "Beim Verarbeiten gemäß der traditionellen chinesischen Medizin zum Beispiel beträgt der Hormonverlust im Vergleich zum Rohzustand bis zu 99 Prozent", so Biologion Jana Pastuschek. "Sie sind also faktisch nicht mehr nachweisbar."

Alles nur Placebo-Effekt?

Aber was ist dann mit Erfahrungsberichten von Frauen, in denen sie positive Effekte durch die Einnahme von Plazentapulver schildern? "Möglicherweise handelt es sich dabei um einen sehr guten Placeboeffekt", vermutet Pastuschek. Allerdings kann das mit den bisherigen Laboruntersuchungen nicht geklärt werden. Wie der Organismus der Frauen die Wirkstoffe aus dem Mutterkuchen aufnimmt, könne in einer reinen Laborstudie nicht untersucht werden.

Die Doktorarbeit ist somit nur ein erster Schritt. Eine weitere Doktorarbeit ist bereits in Arbeit, so die Mitteilung aus Jena. "Es ist uns wichtig, Frauen gut und wissenschaftlich fundiert zu dem Thema beraten zu können", begründet Tanja Groten, die die Arbeit betreut. "Deshalb kümmern wir uns um dieses Thema."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 27. April 2017 | 21:00 Uhr