Baby Blues Postpartale Depressionen auch noch nach drei Jahren möglich

Fast 15 Prozent der Mütter in Deutschland leiden unter einer postpartalen Depression. Eine US-Studie stellt nun fest, dass diese noch drei Jahre nach der Geburt des Babys auftreten kann. Doch meist bleibt sie unentdeckt.

Erschöpfte Mutter und Kleinkind beim Plätzchenbacken
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Die Geburt eines Kindes ist in der Regel ein sehr freudiges Ereignis für die frischgebackenen Eltern und ihre Familie. Doch neben all der Freude über den kleinen Menschen, kommt auch viel Verantwortung und Ungewissheit auf die jungen Eltern zu, denn ein Baby bedeutet, ein völlig anderes Leben zu führen als zuvor. Nichts ist mehr wie es war. Der Tagesablauf ist ein anderer, die eigenen Bedürfnisse stehen komplett hintenan, völlig neue Aufgaben müssen jeden Tag aufs Neue gestemmt werden. Nicht zu vergessen der Schlafmangel.

Baby Blues ist normal

Das alles kann eine ziemliche Belastung sein und depressive Verstimmungen sind keine Seltenheit. 50 bis 80 Prozent aller Mütter zeigen im Laufe der ersten Woche nach der Geburt des Babys Symptome des sogenannten "Baby Blues". Dieses kurz andauernde Stimmungstief tritt meist zwischen dem dritten und fünften Tag nach der Entbindung auf und dauert nur einige Stunden oder Tage an. Zu den Symptomen zählen Traurigkeit, Gereiztheit und Erschöpfung. Meist gehen diese "Heultage" mit dem Milcheinschuss und großen hormonellen Veränderungen einher. Behandelt werden müssen sie nicht, da sie in der Regel von selbst abklingen.

Im Gegensatz dazu ist eine postpartale Depression (auch als postnatale Depression bekannt) wirklich ernst zu nehmen. Zehn bis 15 Prozent aller Frauen sind davon betroffen. Die Frauen leiden meist unter ausgeprägter emotionaler Labilität, sind oft unfähig, positive Gefühle fürs eigene Kind zu entwickeln, haben Versagensängste und zweifeln massiv an ihren Fähigkeiten als Mutter. Unbehandelt kann eine postpartale Depression schwere Langzeitfolgen für die Mutter und das Kind haben.

Mütter länger beobachten

Bisher wurde angenommen, dass die postpartale Depression im ersten Jahr nach der Geburt auftritt. Eine neue US-Studie stellt nun aber fest, dass dieser Zeitraum zu kurz gegriffen sein könnte. Die Forschenden des NIH's Eunice Kennedy Shriver National Institute of Child Health and Human Development nehmen an, dass postpartale Depressionen bis zu drei Jahre nach der Geburt auftreten können.

In ihrer Studie wertete das Team rund um Erstautorin Diane Putnick die Daten von 5.000 Frauen aus, die über drei Jahre lang begleitet worden waren. Ein Viertel der Frauen hatte im Laufe dieser Zeit schwere depressive Symptome entwickelt.

Unsere Studie weist darauf hin, dass sechs Monate nicht genug sind, um depressiven Symptomen auf die Schliche zu kommen.

Diane Putnick, National Institute of Child Health and Human Development

In den USA sollen Mütter im Abstand von einem, zwei, vier und sechs Monaten nach der Geburt des Babys vom Kinderarzt darüber befragt werden, ob sie an irgendwelchen depressiven Symptomen leiden. Die Studie von Diane Putnick und ihrem Team legt nahe, dass dieses "Screening" mindestens auf zwei Jahre verlängert werden sollte, um depressive Symptome erkennen und eine frühzeitige Behandlung dieser gewährleisten zu können.

Diese Langzeitstudie ist ein Schlüssel, um unser Verständnis von der mentalen Gesundheit von Müttern zu verbessern. Diese ist extrem wichtig für das Wohlergehen des Kindes und dessen Entwicklung.

Diane Putnick

Keiner fühlt sich zuständig

Auch in Deutschland sind Kinderärzte, Gynäkologen und Hebammen dazu angehalten, auf das mentale Befinden der Mutter zu achten. Eine offizielle Richtlinie gibt es allerdings nicht, sagt Claudia Schumann, Frauenärztin, Psychologin und ehemalige Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG).

Porträt von Claudia Schumann
Bildrechte: DGPFG

Das ist ein ganz großes Manko. Oft werden die Depressionen übersehen. Keiner fühlt sich richtig zuständig. Das Thema fällt zwischen den verschiedenen Versorgungsstrukturen durch.

Dr. med. Claudia Schumann, Frauenärztin

Im Rahmen der Nachsorge werden die Frauen vier bis sechs Wochen nach der Geburt weiterhin betreut. Doch oft treten die depressiven Symptome in dieser Zeit noch gar nicht auf. Zwar gibt es verschiedene Depressionsskalen, wie zum Beispiel die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS), die regelmäßig eingesetzt werden könnten, um eventuelle depressive Störungen zu erkennen. Doch nur die wenigsten Frauen wissen, dass diese Fragebögen überhaupt zur Verfügung stehen.

Ich bin wirklich der Meinung, dass EPDS ein tolles Werkzeug ist, das Ärzte und Hebammen für ein "Screening" einsetzen sollten. Sie müssten die Frauen direkt auffordern, diesen Fragebogen auszufüllen. Mit seiner Hilfe kann man erkennen, ob eine Depression vorliegen könnte. Bei hoher Punktzahl ist eine weitere genauere Diagnostik erforderlich und entsprechend kann dann behandelt werden.

Dr. med. Claudia Schumann

Dieser Befindlichkeitsbogen umfasst zehn Fragen und wird von den Frauen selbst ausgefüllt. Doch auch eine noch niederschwelligere Maßnahme könnte laut Claudia Schumann ergriffen werden. Es gibt die sogenannten Whooley Fragen.

Whooley Fragen:

1. Fühlten Sie sich im vergangenen Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?

2. Hatten Sie im vergangenen Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Zwei Fragen, die Ärzte stellen könnten, um herauszufinden, ob Frauen weiterführend auf Depressionen hin untersucht werden sollten. Doch auch diese Fragen werden in Deutschland nicht standardmäßig gestellt. Es ist also sehr schwer, frühzeitig festzustellen, ob eine Frau unter postpartalen Depressionen leidet.

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Depressionen werden oft nicht ernst genommen und mit einem lockeren Spruch wie "Sicher nur eine Phase" relativiert. So sieht es aus, wenn man das auch bei anderen Krankheiten macht.

MDR SPUTNIK Fr 09.03.2018 15:59Uhr 01:28 min

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Anzeichen erkennen und Hilfe suchen

Die Mütter selbst erkennen oft gar nicht, dass sie unter depressiven Symptomen leiden oder schämen sich sogar. Grund dafür ist unter anderem, dass über die Belastungen des Elternseins meist nicht geredet wird. In der Gesellschaft herrscht ein verklärtes Bild darüber, wie eine gute Mutter, wie gute Eltern zu sein haben. Auch ihr Umfeld könnte dazu beitragen, dass Eltern eventuelle Symptome überhaupt wahrnehmen und ernst nehmen. Bei Selbsthilfevereinen wie Schatten & Licht e.V. können sich Frauen und ihre Angehörigen Hilfe suchen. Diese Initiative für "peripartale psychische Erkrankungen" (peripartal/perinatal - um die Geburt herum) kann sie dabei unterstützen, Selbsteinschätzungstests zu machen oder therapeutische Hilfe zu finden.

JeS

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