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Forschung Tierversuche: Plattwurm statt Versuchskaninchen

Wie reagiert empfindliches Hautgewebe auf chemische Substanzen? Offenbar kann man das an Plattwürmern testen, winzig kleinen Lebewesen mit verblüffenden Eigenschaften.

Planaria Plattwurm
Bildrechte: imago images / agefotostock

Vielleicht können wir den Begriff Versuchskaninchen bald aus unserem Vokabular streichen. Zumindest da, wo an Kaninchen getestet wird, ob bestimmte Substanzen das menschliche Hautgewebe reizen oder nicht. Die Forschungen der Universitäten Reading und der Universität Newcastle, die im Fachmagazin Toxicology in Vitro veröffentlicht wurden, zeigen nämlich, dass Planarien geeigneter Ersatz sein könnten, also eine Art von Plattwürmern. Bei den Versuchen wurde untersucht, ob sie zum Screening für Produkte verwendet werden können, die die menschliche Haut angreifen.

Warum Plattwürmer?

Die Wissenschaft forscht schon lange mit den im Süßwasser lebendenen Plattwürmern, zum Beispiel um die Giftigkeit von Substanzen zu ermitteln. Die Würmer sind hochentwickelte wirbellose Tiere, sie haben ein primitives Gehirn und ähnliche Merkmale wie das Nervensystem von Wirbeltieren. Außerdem verblüffen sie die Forscher mit einer faszinierenden Fähigkeit: Sie können sich selbst komplett regenerieren. Zum Beispiel, wenn man ein Stück von ihnen abtrennt: beide Teile entwickeln sich wieder zu neuen, vollständigen Plattwürmern. Und was ebenfalls für die Forschung an diesen Würmern spricht: Sie sind einfach und billig zu züchten.

Planarai Plattwurm unter dem Mikroskop
Planaria-Plattwurm unter einem Mikroskop, der einem Hautreizstoff ausgesetzt wurde, der mit einem Fluoreszenzfarbstoff gemischt ist Bildrechte: University of Reading

Was aber macht die Planarien nun für Wissenschaftler interessant, die Hautreaktionen auf chemische Produkte testen wollen? Sie haben eine einfache, aber gut charakterisierte epidermale Membran, ähnlich der Haut, die als erster Kontaktpunkt zwischen dem Wurm und der Testsubstanz dient. Während andere Tests an menschlichen Hautzellen lediglich in einer Petrischale durchgeführt werden, könnte die neue Testmethode genauere Hinweise darauf liefern, wie ein chemisches Produkt mit lebendem Gewebe interagiert. Studienleiter Professor Vitaliy Khutoryanskiy erläutert das:

Unsere Tests mit Plattwürmern zeigen, dass es potenzielle Möglichkeiten gibt, Hautreizstoffe auf ethisch verantwortungsvollere Weise zu testen.

Der Draize-Test rollt aufs Abstellgleis

Vielleicht wird dann der sogenannte Draize-Test wirklich einmal überflüssig, hofft Forscher Khutoryanskiy. Dieses für die Versuchstiere sehr grausame Testverfahren ist nach einem US-Toxikologen benannt, John Henry Draize, der das Verfahren 1944 entwickelte. Dabei werden chemische Substanzen in den Augenlidsack eines Kaninchens geträufelt, um die Reizstärke der Chemikalie zu testen. Anhand des anderen Auges hatte man den direkten Vergleich, wie das beträufelte Auge reagierte.

Allerdings werden inzwischen auch spanische Nacktschnecken für diesen Zweck benutzt sowie Gewebe von Hühnern beziehungsweise Rindern.

(lfw)

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