Genetik Romanze oder nicht? Die Gene machen's!

Menschliche Nähe und gute Beziehungen liegen der Natur am Herzen. Deshalb hat sie sich einen Trick einfallen lassen, um gute Beziehungen zu fördern – und damit unser Seelenwohl.

Lesbisches Paar umarmt sich in einem Wald
Einfühlsam und kommunikativ? Gene könnten beeinflussen, wie wir unsere Beziehungen gestalten. Bildrechte: imago images/Cavan Images

Sie haben's nicht so mit romantischer Gefühlsduselei? Beziehungen sind für Sie am ehesten eine praktische Sache, mehr nicht? Zum Leidwesen Ihres Partners oder Ihrer Partnerin? Geben Sie nicht sich selbst die Schuld, ziehen sie sich diesen Schuh nicht an. Schieben Sie einfach alles auf CD38.

20 Tage Beziehung bei 222 Menschen

CD38 ist nicht der 38. Tonträger aus der Kuschelrock-Reihe, sondern der Name eines Gens, das möglicherweise maßgeblich unser Verhalten in Beziehungen beeinflusst. Zu dieser Erkenntnis kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Scientific Reports. Von CD38 ist bereits bekannt, dass es das Bindungsverhalten von Tieren, zum Beispiel bei Nagern, beeinflusst. Warum also auch nicht unseres?

Eine Frau und ein Mann (nur Oberkörper und Beine zu sehen) in formeller Berufskleidung stehen in einem Aufzug und berühren sich unauffällig mit den Fingern.
Offen in der Kommunikation? Oder höchstens den kleinen Finger reichen? CD38 macht's! Bildrechte: imago/PhotoAlto

Die Forschenden haben dazu Daten zu 111 heterosexuellen Paaren untersucht, also 222 Menschen. Diese Daten beinhalten Berichte über das soziale Verhalten der Probandinnen und Probanden in einem Zeitraum von zwanzig Tagen. Erhoben wurden z.B. Verhaltensweisen wie Lachen, Sarkasmus, Aufforderungen etwas zu tun oder klein beizugeben, aber auch wie das Verhalten des Partners oder der Partnerin wahrgenommen wurde und wie sich die Interaktion miteinander anfühlt. Für eine erfolgreiche, romantische Beziehung sind das nicht ganz unwesentliche Punkte. Das Team konnte außerdem auf genetische Informationen von etwas mehr als der Hälfte der Probandinnen und Probanden zurückgreifen.

Typ CC: Weniger Frust, mehr Gemeinschaft

Und siehe da: Bei den Untersuchungen hat sich gezeigt, dass eine Variation von CD38 tatsächlich dafür verantwortlich ist, wie wir uns verhalten und Zuneigung kommunizieren. Diese Variation trägt den für Nicht-Biologen etwas unglücklichen Namen rs3796863. Außerdem, und das ist wichtig, gibt es zwei verschiedene Varianten: A und C, die sich untereinander in drei verschiedenen Genotypen zusammensetzen lassen: AA, CC und AC. Und je nachdem, welchen Genotyp eine Person besitzt, zeigt sich das im Verhalten innerhalb der Beziehung.

Zwei Personen übereinander in einem Bett, Ansicht vom Fußende aus, bedeckt mit Decke, unscharf im Hintergrund Oberkörper einer Frau mit Top.
CD38 ist zwar kein Sex-Gen, könnte aber dazu beitragen, dass wir in Corona-Zeiten mehr davon haben. Nützlich ist es, sagen Wissenschaftlerinnen. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Die Forschenden haben beobachtet, dass Menschen vom Typ CC am gemeinschaftlichsten orientiert waren – und das auch von Partner oder Partnerin berichteten. Und: Sie haben weniger schlechte Gefühle wie Angst, Sorgen und Frustruation erfahren. Zudem haben diese Menschen eine höhere Bereitschaft gezeigt, ihre Beziehung anzupassen und die Qualität der Beziehung im Auge zu behalten. Das Team fand außerdem heraus, dass nicht nur der eigene Genotyp, sondern auch der der Partnerin oder des Partners für Verhalten und Wahrnehmung in der Beziehung verantwortlich ist.

Kuscheln und Sex ist wichtig – vor allem in Corona-Zeiten

Und wieso macht die Natur das? Weil Beziehungen für Menschen (und andere Tiere) überlebenswichtig sind. Haben Sie mal Die Sims gespielt? Dann kennen Sie vermutlich den pastellfarbenen Sozihasen, der immer dann zum Knuddeln auftaucht, wenn die Spielfigur sehr einsam und traurig ist. Um dem Sozihasen möglichst viel Arbeit zu ersparen, hat sich die Natur also CD38 ausgedacht. Das funktioniert besonders gut, wenn wenigstens einer der Liebenden die Variante CC in sich trägt.

Eine Frau sitzt alleine an einem Fenster und schaut hinaus
Corona ist nicht nur für Paare eine Herausforderung, sondern vor allem für einsame Menschen. Bildrechte: imago images/Cavan Images

Das Thema könnte aktueller nicht sein und hat durch die Covid-19-Pandemie noch einmal an Relevanz zugelegt. In einem Standpunktgespräch im Fachmagazin Nature Review weisen Wissenschaftlerinnen darauf hin, dass geltende Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen zum einen problematisch für bestehende Beziehungen sein können, aber auch die Einsamkeit alleinstehender Menschen verstärken können. Sprich: Es ist für viele nicht nur doof, während der Pandemie allein zu sein, sondern auch komplizierter mit den Dates, was in der Situation wiederum nicht gerade hilft. Doch auf der anderen Seite ist auch nicht alles grüner: Während die einen die Lockdown-Zeit nutzen würden, sich intensiver mit ihrer Sexualität auseinander zu setzen, sinke das Verlangen bei den anderen, weil man ständig aufeinander hockt oder eh alles so stressig ist. Praktisch, wenn da schon mal durch eine passende Gen-Variante gesegnet ist. (Denn, nicht zu vergessen: Wer ähnlich lacht, hat besseren Sex.)

Sex nicht hinten anstellen

So unterschiedlich wie die Menschen ist der Umgang mit der Extremsituation. Die Wissenschaftlerinnen raten zumindest davon ab, den Sex hinten anzustellen, frei nach dem Motto "Gibt ja jetzt wichtigere Probleme". Auch wenn wir uns in diesen Zeiten nicht so sexy fühlen, sollten wir nicht vergessen, was Sex für ein großartiger Stresslöser sei. Und dafür können wir uns ja irgendwie auch bei Gen CD38 bedanken.

flo

Link zur Studie

Die Studie CD38 is associated with communal behavior, partner perceptions, affect and relationship adjustment in romantic relationships erschien am 20. August 2020 im Fachjournal Scientific Reports.
DOI: 10.1038/s41598-020-69520-y

Die Diskussion Viewpoint: Making love in the time of corona — considering relationships in lockdown erschien am 20. August in Nature Reviews.
DOI: 10.1038/s41585-020-0365-1

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Die Liebe fühlt sich an wie ein Zauber. Doch tatsächlich verbirgt sich hinter dem Kribbeln im Bauch ganz einfache Chemie.

Di 21.11.2017 15:11Uhr 02:10 min

https://www.mdr.de/wissen/bissen-wissen-liebe100.html

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