Verhütungsforschung Keine Hormone, weniger Nebenwirkungen: Kommt jetzt (endlich!) die Pille für den Mann?

Am Sex beteiligt sind meist zwei Personen – geht es aber um Schwangerschaftsverhütung, liegt die Verantwortung gefühlt immer noch oft bei der Frau. Das könnte mitunter auch daran liegen, dass es für Frauen eine große Bandbreite an Verhütungsmethoden gibt – wenn auch nicht ganz ohne Nebenwirkungen. Für Männer hingegen gibt es bislang nur Kondome oder die Vasektomie. Aber das könnte sich ändern.

3D-Illustration einer menschlichen Eizelle (Kugel mit welliger Oberfläche) und vielen kleinen Spermien (ovaler Kopf, kleines Schwänzchen), die darauf zusteuern.
Spermien auf dem Weg zur Eizelle. Die neue Pille würde die Spermienbildung unterdrücken. Bildrechte: imago images/Science Photo Library

Wollen Männer eine Schwangerschaft verhindern, sind die Möglichkeiten für sie im Moment sehr begrenzt. Sie können entweder ein Kondom überziehen oder sich sterilisieren – beides Methoden, die es mittlerweile schon lange gibt. Optimal sind sie aber nicht für jeden. Kondome schützen mit einem Pearl-Index von 2 bis 12 bei korrekter Anwendung einigermaßen zuverlässig vor Schwangerschaften (vereinfacht umgerechnet in 88 bis 98 Prozent der Fälle) – werden aber oft nicht konsequent verwendet.

In einer Studie zu Gesundheit und Sexualität gaben 2020 nur 39 Prozent der Singlemänner an, beim Sex immer ein Kondom zu verwenden. Als Grund für den Verzicht gaben 40 Prozent an, der Sex mit Kondom sei weniger lustvoll.

Verhütungsmethoden für Männer sind unzureichend

Wer sich bei wechselnden Geschlechtspartnern und Partnerinnen vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen will, kommt um Kondome nicht herum – kann dieses Risiko ausgeschlossen werden, gibt es für Männer noch die Möglichkeit, via Vasektomie eine Schwangerschaft zu verhindern. Bei dieser Art der Sterilisation werden die beiden Samenleiter im Hodensack durchtrennt. Das verhindert eine Befruchtung sehr effizient – ist allerdings nur schwer wieder rückgängig zu machen.

Links ruhende Chlamydien (helle Kreise), die ohne Glutamin gehalten werden. Nach der Zugabe von Glutamin (rechts) gehen die Bakterien in die Teilungsstadien über (dunklere Kreise). 3 min
Bildrechte: Lehrstuhl für Mikrobiologie, Universität Würzburg

Grob die Hälfte aller Schwangerschaften weltweit ist ungewollt

Dass es für Männer bislang lediglich diese beiden Methoden gibt, ist eigentlich skandalös, denn die Zahl der ungewollten Schwangerschaften ist hoch. Laut einer Studie des Guttmacher-Instituts wurden von 2015 bis 2019 jährlich weltweit 121,0 Millionen Frauen ungewollt schwanger. Das entspricht grob der Hälfte aller Schwangerschaft überhaupt. Der Bedarf an neuen Ideen ist also hoch. Aber: Obwohl die Debatte um eine "Pille für den Mann" immer wieder aufkommt und Forschende schon lange an dem Thema dran sind, lassen die Lösungen auf sich warten.

Verhütung für Männer funktioniert anders

Das liegt unter anderem daran, dass Verhütung beim Mann biologisch ganz anders ablaufen muss als bei der Frau: Während es hier genügt, einmal im Monat den Eisprung zu unterdrücken, um eine Schwangerschaft zu verhindern, muss beim Mann die Spermienbildung kontinuierlich unterdrückt werden – und das betrifft bis zu 100 Millionen Spermien pro Tag. Keine leichte Aufgabe! Dennoch gibt es immer wieder Ideen, wie eine mögliche "Pille für den Mann" das hinbekommen könnte. Ein weit verbreiteter Ansatz ist dabei, auf das männliche Sexualhormon Testosteron abzuzielen. Das hormonelle Gleichgewicht auf diese Weise zu verändern, ist aber nicht ohne Nebenwirkungen: In klinischen Studien wurden bei Männern beispielsweise Gewichtszunahmen und Depressionen beobachtet. Interessanterweise ganz ähnliche Nebenwirkungen, wie sie auf dem Beipackzettel der Hormonpille für die Frau bereits zu finden sind.

Eine Pille für Männer ohne Hormone

Aber es geht vielleicht auch anders: Die neueste "Pille für den Mann" kommt ganz ohne Hormone aus. Forschende der University of Minnesota stellten auf der Frühjahrestagung der American Chemical Society eine Pille vor, die Schwangerschaften ohne offensichtliche Nebenwirkungen verhindert – zumindest bei Mäusen – an Menschen soll das Produkt erst ab Mitte des Jahres getestet werden. Die Pille soll die Spermienbildung unterdrücken, indem sie ein Protein in den menschlichen Zellen blockiert. Dieses Protein namens Retinsäurerezeptor Alpha bindet Retinsäure, eine Form von Vitamin A, in den Zellen. Es spielt eine wichtige Rolle beim Zellwachstum, der Embryonalentwicklung und der Zelldifferenzierung – letztere umfasst auch die Spermienbildung.

99-prozentige Sterilität

Chemische Strukturformel von YCT529, ein nicht hormonelles Verhütungsmittel für Männer
Chemische Strukturformel von YCT529, ein nicht hormonelles Verhütungsmittel für Männer Bildrechte: MD Abdullah Al Noman

Wird dieses Protein in den Zellen gehemmt, sorgte das bei den Tests an Mäusen für eine 99-prozentige Sterilität – innerhalb von vier Wochen. Mithilfe einer Verbindung namens YCT529 gelang es den Forschenden, gezielt nur Retinsäurerezeptor Alpha zu hemmen – was Nebenwirkungen unwahrscheinlicher macht, weil andere Proteine nicht betroffen sind. Vier bis sechs Wochen nach Absetzen des Medikaments konnten die Mäuse im Versuch wieder Junge zeugen.

Nebenwirkungen unklar

Zumindest im Tierversuch unter Laborbedingungen gelang also, wovon viele, die eine "Pille für den Mann" fordern, träumen: Eine reversible Sterilität mit geringen Nebenwirkungen. Wie übertragbar diese Ergebnisse allerdings auf unser menschliches Leben unter Realbedingungen sind, bleibt bislang ziemlich offen. Bis die hormonfreie Pille eines Tages unser Leben verbessern könnte, wird sie noch mehrere Jahre lang klinische Studien durchlaufen müssen. Und auch die Formulierung der Forschenden, man habe bei den Tests an Mäusen "keine beobachtbaren Nebenwirkungen" festgestellt, wirkt sehr vorsichtig – längerfristige oder indirekte Nebenwirkungen, die nicht beobachtbar waren, können also nicht einmal bei Mäusen ausgeschlossen werden.

Geteilte Verantwortung, besserer Sex

Die hormonfreie Pille mit Retinsäure ist allerdings nicht die einzige Idee, an der gerade geforscht wird. Andere vielversprechende Ansätze sind beispielsweise ein Hormon-Gel, dass Männer sich auf die Brust auftragen können, ein eingebauter "Kippschalter", der den Spermienfluss ein- und ausschalten soll, oder die Idee, den Spermienfluss durch Wärme von außen zu hemmen. Zu hoffen bleibt, dass zumindest eine der (sehr) vielen Ideen, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler derzeit für die männliche Verhütung entwickeln, sich längerfristig durchsetzen und damit unser Sexleben verändern wird. Denn, aus der Perspektive einer hormongeplagten Frau lässt sich festhalten: Sex ist so viel schöner, wenn man sich sicher sein kann, mit der Verantwortung für alle potenziellen Konsequenzen nicht alleine zu sein.  

Informationen zur Studie

A non-hormonal pill could soon expand men’s birth control options: Die Studie ist noch nicht veröffentlich, wurde aber auf der Frühjahrtagung der American Chemical Society vorgestellt.

iz

Anti-Baby-Pille 5 min
Bildrechte: imago/Panthermedia