Viele Regenwürmer auf Laubblättern
Bildrechte: iDiv/Simone Cesarz

Invasive Arten Invasive Arten: Regenwürmer erobern USA

Regenwürmer als Invasoren? Die Vorstellung scheint seltsam. Aber es passiert, in Nordamerika. Dort gab es nach der letzten Eiszeit kaum noch Regenwürmer. Darauf hatte sich die Natur eingestellt. Mit der Besiedlung auch aus Europa kamen sie zurück. Professor Nico Eisenhauer vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig erforscht in den USA die Invasion der Regenwürmer und die zum Teil dramatischen Folgen.

Viele Regenwürmer auf Laubblättern
Bildrechte: iDiv/Simone Cesarz

Nico Eisenhauer ist schon des Öfteren durch nordamerikanische Wälder gestapft und hat nach Regenwürmern gesucht - mit Gummistiefeln, Spaten, Bärenspray und einer Portion Senflösung. Er ist Professor am "Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung" (iDiv) und weiß, wie Regenwürmer aufgespürt werden: "Man sticht die oberen 10 bis 20 cm des Bodens mit einem Spaten aus, durchsucht ihn per Hand und schüttet in das entstandene Loch etwas Senflösung."

Senflösung mögen Regenwürmer überhaupt nicht. Sie flüchten nach oben und kommen an die Oberfläche. In Deutschland erscheinen so 100 bis 300 Würmer pro Quadratmeter, sagt Nico Eisenhauer. Eine unglaublich hohe Dichte, aber nichts gegen die Population in den USA. Wenn Eisenhauer dort Senflösung verschüttet, kommen bis zu 600 Tiere an die Oberfläche.

Das ist dann schon ein bisschen gruselig. Der ganze Boden fängt an zu wabern und sich zu bewegen. Bei den ersten Extraktionen 2004 war ich noch allein im Wald und hab dann Schwierigkeiten gehabt, die ganzen Regenwürmer einzusammeln.

Prof. Nico Eisenhauer, Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung

Das Problem dabei ist: in Nordamerika gab es seit der sogenannten Wisconsian-Eiszeit vor etwa 20.000 Jahren kaum noch Regenwürmer. Vor allem die großen Wälder im Norden der USA und im Süden Kanadas waren frei von ihnen. Sie sind erst mit europäischen Siedlern in die USA gekommen und haben seitdem das Land erobert. Das heißt aber auch, dass die amerikanische Pflanzenwelt über tausende von Jahren ganz gut ohne Regenwürmer leben konnte. Sie sind die unterirdische Konkurrenz nicht gewohnt.

Eine Grafik mit zwei Bäumen und dem Boden unter ihnen - mit und ohne Regenwürmer
Die Grafik des iDiv zeigt die Unterschiede zwischen Böden mit (rechts) und ohne Regenwürmer in Nordamerika. Rechts geht mehr Stickstoff verloren und werden mehr Treibhausgase freigesetzt. Bildrechte: iDiv/Friederike Arndt

Regenwürmer, so die Forscher um Nico Eisenhauer in ihrer Veröffentlichung im Journal of Animal Ecology, verändern das gesamte Biotop. Bakterien und Pilze, die für die Nährstoffaufnahme der Pflanzen wichtig sind, verändern sich oder verschwinden. Regenwürmer setzen Nährstoffe um, die ausgespült werden und in Seen landen. Sie verwerten die dicke Laubschicht, die normalerweise lange in amerikanischen Wäldern liegen bleibt.

Invasion der Regenwürmer

Die Bilder zeigen einen amerikanischen Wald vor und nach der Invasion der Regenwürmer.

Ein Wald ohne Regenwürmer - die Vegeation am Boden ist intakt
Ein Wald ohne Regenwürmer - die Vegetation am Boden ist intakt Bildrechte: iDiv
Ein Wald ohne Regenwürmer - die Vegeation am Boden ist intakt
Ein Wald ohne Regenwürmer - die Vegetation am Boden ist intakt Bildrechte: iDiv
Ein Wald mit Regenwürmern - die Bodenvegetation ist verschwunden
Ein Wald in Nordamerika mit Regenwürmern - die Bodenvegetation ist verschwunden. Bildrechte: iDiv
Professor Nico Eisenhauer vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung erforscht in den USA die Invasion der Regenwürmer
Professor Nico Eisenhauer vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung erforscht in den USA die Invasion der Regenwürmer. Bildrechte: iDiv
Professor Nico Eisenhauer vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung erforscht in den USA die Invasion der Regenwürmer
Sie sind langsam - aber kaum aufzuhalten: Invasive Regenwürmer verändern unaufhaltsam die Wälder der USA. Bildrechte: iDiv
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Die Vorher-Nachher Bilder, die Nico Eisenhauer von amerikanischen Wäldern zeigt, sind beeindruckend. Nach der Besiedlung der Regenwürmer bietet sich ein völlig anderes Bild. Der niedrige Bewuchs ist vollständig verschwunden. Während es amerikanische Pflanzen schwer haben zu überleben, breiten sich immer mehr exotische Pflanzen aus, die mit Regenwürmern zurechtkommen. Das ist ein weiterer Effekt einer Invasion, die keiner mehr stoppen kann:

Generell ist die Invasion nicht aufzuhalten.

Prof. Nico Eisenhauer, Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung

Aber machen die Regenwürmer jetzt wirklich alles platt? "Die Invasion nordamerikanischer Wälder ist besonders besorgniserregend, da es ein vielschichtiges Problem ist, das den Rückgang der biologischen Vielfalt umfasst, Pflanzeninvasionen, Einschränkung der Lebensräume durch Bodenerosion", schreiben Eisenhauer und seine Kollegen in einer neuen Veröffentlichung.

Dort skizzieren sie die umfangreichen Feldversuche, mit denen sie die Folgen der Regenwurminvasion weiter untersuchen wollen. Dazu gehört auch die Frage, wie der Klimawandel sich auf die Entwicklung auswirken wird. Entgegen bisherigen Annahmen, so die Forscher, könnte sich die Erwärmung negativ für die Regenwürmer auswirken. Es sei denn, sie geht einher mit "erhöhter und zeitlich gleichmäßiger Niederschlagsverteilung." Sein Ziel ist es eine komplette Regenwurmkarte für die USA zu erstellen.

Fernsehen

Biologin Katrin Schneider 5 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 19. August 2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2019, 15:21 Uhr