Hand hält Erde mit Regenwürmern
Bildrechte: imago/Westend61

Biodiversität Müssen wir die Regenwürmer retten?

Forscher haben zum ersten Mal die weltweite Verteilung der Regenwürmer untersucht. Ergebnis: Wir haben die meisten. Aber sie sind sehr anfällig für Klimaschwankungen. Wir müssen die "Ökosystemingenieure" schützen.

Hand hält Erde mit Regenwürmern
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Wenn die Regenwürmer bei den Menschen einen Präsidenten wählen dürften, dann wäre die Chance sehr hoch, dass sie Nico Eisenhauer ihre Stimme geben. Der Professor am Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig weiß ganz genau, was die Würmer als "Ökosystemingenieure" für uns bedeuten. Und er fordert deshalb einen Paradigmenwechsel, einen neuen Blick auf die "erstaunlichen Kreaturen unter unseren Füßen“.

Ein Mann mit Plastikhandschuhen schaut sich einen Regenwurm auf seiner Hand an.
Bildrechte: Nico Eisenhauer/iDiv

Regenwürmer mögen mysteriös sein und nicht das Charisma eines Pandabären haben, aber sie sind äußerst wichtig für andere Organismen und das Funktionieren unserer Ökosysteme.

Prof. Nico Eisenhauer, iDiv

Zusammen mit einem internationalen Forscherteam hat Eisenhauer jetzt erstmals eine weltweite Verteilungskarte der Regenwürmer erstellt. Eines der Ergebnisse: Anders als sonst im Tierreich nimmt die Zahl der Regenwürmer nicht in Richtung Tropen zu. Die meisten von ihnen, sowohl nach Masse als auch nach lokaler Vielfalt, gibt es in den gemäßigten Zonen, in Europa, auch in Deutschland, im Nordosten der USA und in Neuseeland.

Die unterirdischen Biodiversitätsmuster stimmen also nicht mit denen der überirdisch lebenden Organismen überein, so die Studienergebnisse. Die Artenvielfalt von Pflanzen, Insekten oder Vögeln (Anzahl der Arten in einem bestimmten Gebiet) steigt nämlich normalerweise von hohen zu niedrigen Breiten. Das heißt, dass die Anzahl der Arten in den Tropen am höchsten ist.

Gewicht: Mehr Regenwürmer als Säugetiere

Regenwürmer sind echte Ökodienstleister – Nährstoffversorgung, Süßwasserversorgung, Kohlenstoffspeicherung oder Saatgutverbreitung gehören zu ihren Aufgaben. Und sie sind in vielen Ökosystemen weltweit anzutreffen. Nur zu feuchte, zu saure, zu trockene oder gefrorene Böden (Permafrost) mögen sie nicht. Überall sonst graben sie Löcher, mischen Bodenkomponenten und fressen organische Abfälle. Auch in unseren Breiten sind sie damit im wahrsten Sinne des Wortes Schwergewichte, so die Forscher, denn die gesamte Regenwurmbiomasse ist häufig größer als die aller Säugetiere, die in demselben Gebiet leben.

7 Fakten über Regenwurm & Co. So wenig wissen wir über das Leben "da unten" im Boden...

In einer Handvoll Erde leben mehr Organismen als Menschen auf der Erde. Soweit so gut! Wir haben uns für Sie mal angeschaut, was wir wirklich wissen - und was nicht. Und: ohje... Da gibt's noch viel zu entdecken.

Fadenwurm, Nematode (Nematoda)
Unglaubliche 80 Prozent aller lebenden Tiere auf unserem Planeten sind Fadenwürmer. So viele gibt es von ihnen! Dafür wissen wir aber ganz schön wenig über diese Lebewesen. Wir kennen gerade einmal 2 Prozent ihrer Arten. Bildrechte: imago/blickwinkel
Fadenwurm, Nematode (Nematoda)
Unglaubliche 80 Prozent aller lebenden Tiere auf unserem Planeten sind Fadenwürmer. So viele gibt es von ihnen! Dafür wissen wir aber ganz schön wenig über diese Lebewesen. Wir kennen gerade einmal 2 Prozent ihrer Arten. Bildrechte: imago/blickwinkel
Ameise
Schon besser wissen wir über Ameisen Bescheid. Wahrscheinlich kennen wir etwa 50 bis 60 Prozent der Arten auf unserem Planeten - und es gibt 25.000 bis 30.000! Bildrechte: PantherMedia / bereta
Regenwürmer
Im Reich der Regenwürmer dagegen tappen wir im Dunklen. Wir kennen gerade einmal 20 Prozent ihrer Arten. 7.000 verschiedene Regenwurmarten unterscheiden wir. Wahrscheinlich sind es aber eher rund 30.000. Bildrechte: PantherMedia / Stootsy
Einzeller
Jetzt wird's unübersichtlich. Wir wissen, dass sich auch eine unfassbar große Menge von Einzellern im Erdreich tummelt. 21.000 Arten können wir unterscheiden. Das ist eine verschwindend geringe Menge, über die wir Bescheid wissen... Forscher gehen davon aus, dass es bis zu 70 Millionen Arten geben könnte. Bildrechte: PantherMedia / wir0man
Termiten
Da kennen wir uns schon besser mit Termiten aus. Fast 90 Prozent der rund 3.000 Arten haben wir bereits entdeckt. Glückwunsch! Bildrechte: PantherMedia / membio
zwei Pilze
Unglaubliche 100.000 verschiedene Pilzarten können wir neben dem Exemplar mit diesen Fruchtkörpern unterscheiden. Doch echte Pilzkenner sind wir damit nicht. Denn wahrscheinlich gibt es über fünf Millionen Pilzarten. Tja, da haben wir noch einiges an Forschungsarbeit vor uns. Bildrechte: PantherMedia / TTstudio
Springschwänze
Schätzungen zufolge tummeln sich rund 50.000 Arten von Springschwänzen in der Erde. Immerhin: Über 8.000 dieser Sechsfüßer (zu denen gehören auch die Insekten) kennen wir inzwischen. Bildrechte: imago images/Ardea
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Klimawandel gefährdet auch unterirdisch

Wie bei allen anderen Lebewesen, so hat auch bei Regenwürmern der Klimawandel Einfluss auf die Entwicklung. Häufigkeit und Biomasse sind bei ihnen besonders stark an Niederschlag und Temperatur gebunden. "Aufgrund dieser starken Klimaeffekte kommen wir zu dem Schluss, dass der Klimawandel Veränderungen in den Regenwurmgemeinschaften hervorrufen und die Funktionen und Dienstleistungen der Ökosysteme verändern kann", sagt Nico Eisenhauer.

Vogel mit Wurm im Schnabel
Bildrechte: imago images / blickwinkel

Angesichts ihrer Rolle als Ökosystemingenieure sind wir besorgt über mögliche Kaskadeneffekte auf andere Organismen wie Mikroben, Bodeninsekten und Pflanzen.

Prof. Nico Eisenhauer

Womit wir wieder am Anfang des Artikels sind und dem Wunsch von Nico Eisenhauer, den Blick auf den Boden zu richten. Auf die wichtigen Kreaturen unter unseren Füßen.

Veröffentlichung in "Science"


An den Forschungen waren insgesamt 140 Wissenschaftler weltweit beteiligt. Sie erhoben Daten an 6.928 Standorten in 57 Ländern. Geleitet wurden sie von Nico Eisenhauer (iDiv, Uni Leipzig) und Erin Cameron (Saint Mary's University, Halifax/Kanada). Die Ergebnisse sind im Magazin Science veröffentlicht worden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 19. August 2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2019, 20:00 Uhr

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