Eine Hummel saugt Nektar aus der Blüte einer Kornblume.
In dem von den landwirten am Rand des Felds angelegten Blühstreifen tobt das Leben. Bildrechte: MDR/Clemens Haug

F.R.A.N.Z.-Projekt Wenn Landwirtschaft und Naturschutz Freunde werden

Seit zwei Jahren probieren Naturschützer und Landwirte in Deutschland gemeinsam aus, wie Landwirtschaft unkompliziert helfen kann, Arten zu schützen. In der Magdeburger Börde ist daraus eine Freundschaft entstanden.

von Clemens Haug

Eine Hummel saugt Nektar aus der Blüte einer Kornblume.
In dem von den landwirten am Rand des Felds angelegten Blühstreifen tobt das Leben. Bildrechte: MDR/Clemens Haug

Sven Borchert ist kein verträumter Idealist, sondern bodenständiger Landwirt. Der Produktionsleiter der Landwirtschaftlichen Betriebsgemeinschaft Groß Germersleben hat einen kräftigen Händedruck und redet am liebsten über Saatgut, Landmaschinentechnik und Ackerpflanzen. Aktuell baut sein Betrieb unter anderem für eine internationale Fastfoodkette Kartoffeln an, aus denen mal Pommes werden.

Landwirt Sven Borchert steht vor einem Feld, auf dem Sommerweizen in lockeren Reihen wächst.
Landwirt Sven Borchert Bildrechte: MDR/Tilo Weiskopf

Jetzt, Anfang Juni, haben die Pflanzen ihr dunkelgrünes Laub über die Erde geschoben und sind von weißen Blüten überzogen. Die Sorte bilde besonders lange Knollen, damit man später die Fritten gut mit den Fingern aus der Verpackung ziehen könne, erklärt Borchert. Ihr Fleisch sei weiß und schmecke nur gut, wenn man die Kartoffeln frittiere.

Der Aufwand für die Pflege der Pflanzen sei hoch, denn sie seien anfällig für Krankheiten und Schädlinge und sie litten, wenn sie nicht genau die richtige Menge Wasser bekämen, fachsimpelt der Landwirt. Ob sich Insekten am Rand der riesigen Äcker wohlfühlen oder ob Feldhasen und Vogelarten auf den über 1.700 Hektar überleben können, die Borcherts Betrieb bewirtschaftet, all das könnte dem Landwirt dabei eigentlich gleichgültig sein.

Doch seit kurzem freut sich der Produktionsleiter über jede Feldlerche, die er trifft und über bunt blühende Wiesen für Insekten. Borchert ist ein richtiger Freund des Artenschutzes geworden. Und das ist ein erster großer Erfolg des F.R.A.N.Z.-Projekts.

Landwirte sind für Schutz der Biodiversität zentral

Seit November 2016 erproben Naturschützer und Landwirte in diesem Projekt gemeinsam, was Agrarbetriebe in ihrem Arbeitsalltag auf einfache, unkomplizierte und möglichst kostengünstige Weise tun können, damit die Vielfalt von Pflanzen und Tieren in einer von Feldern geprägten Landschaft erhalten bleiben kann.

Wie dringend solche Ansätze sind, zeigten nicht erst mehrere 2017 veröffentlichte Studien, wonach in den vergangenen 30 Jahren die Zahl der Insekten um etwa 75 Prozent zurückgegangen ist. Auch andere sogenannte Indikatorarten wie Vögel oder Feldhasen verschwinden und zeigen damit an, dass etwas schief läuft im Agrarland. Eine der Ursachen für den Schwund von Biene und Co.: Naturschutzgebiete reichen nicht aus als Lebensräume für die Kleinstlebewesen. In den immer intensiver bewirtschafteten Feldern finden sie aber nicht genug Nahrung und Nistplätze und werden darüber hinaus von Pflanzenschutzmitteln bedroht.

Das F.R.A.N.Z.-Projekt F.R.A.N.Z. steht für "Für Ressourcen, Agrarwirtschaft und Naturschutz mit Zukunft". Die Umweltstiftung Michael Otto und der Deutsche Bauernverband koordinieren das Projekt gemeinsam, finanziert wird es von Bundesbehörden und Sponsoren. Insgesamt zehn sehr unterschiedliche Landwirtschaftsbetriebe nehmen deutschlandweit teil, die jeweils typisch für ihre Heimatregionen sind. Manche kombinieren Ackerbau mit Viehzucht, andere mit Ökostromerzeugung. Erprobt werden soll bei F.R.A.N.Z. welche Maßnahmen für welchen Betrieb gut funktionieren, welche Kosten dabei entstehen und welche Probleme in der Praxis oder bei der Verwaltung aufkommen.

Wo die Feldlerchen wohnen

Zwischen endlosen Maisfeldern hat Borcherts Betrieb in diesem Jahr einen etwa 50 Meter breiten und mehrere hundert Meter langen Streifen mit Sommerweizen angelegt. Aber anders, als bei einem gewöhnlichen Weizenfeld, stehen die Halme hier relativ weit auseinander, blüht vereinzelt Klatschmohn zwischen den Ähren und selbst die Fahrgassen für die Traktoren sind bewachsen. Die Maßnahme heißt "Feldlerchenstreifen".

Für kleine Vögel sind diese Bedingungen optimal, sagt Philip Hunke vom Naturschutzbund Nabu, der das Projekt als Biologe wissenschaftlich begleitet. "Schätzungsweise gibt es hier fünf Mal so viele Feldlerchen, wie an anderen Standorten", sagt er. Mais stehe zu dicht und zu hoch, dort könnten die Tiere nicht nisten. Im locker ausgesäten Weizen dagegen bleiben genug Flächen am Boden frei. Dort brüten die Vögel ihren Nachwuchs aus, mehrmals im Jahr. Nur bei mehreren erfolgreichen Bruten können sie ihre Population stabil halten. Die Blüten wiederum locken Insekten an, die Nahrung der Vögel. "Auch Hasen und anders Niederwild kommt. Das ist ein positiver Effekt, weil das ja auch Arten sind, die wir fördern wollen", sagt Hunke.

Normalerweise stehen die Ähren des Sommerweizens eng beieinander (links). Aber damit sich Feldlerchen wöhnen, lassen die Landwirte etwas mehr Platz zwischen den Halmen (rechts).

Blick auf ein Feld, auf dem Sommerweizen in intensiver Anbauart angepflanzt wird.
Bildrechte: MDR/Clemens Haug
Blick auf ein Feld, auf dem Sommerweizen in intensiver Anbauart angepflanzt wird.
Bildrechte: MDR/Clemens Haug
Blick auf ein Sommerweizenfeld, bei dem nur halb so viel Saatgut verwendet wurde, wie normalerweise üblich. Deshalb stehen die einzelnen Weizenhalme weiter auseinander.
Bildrechte: MDR/Clemens Haug
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Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit

Im F.R.A.N.Z.-Projekt ist der Betrieb in der Magdeburger Börde von zentraler Bedeutung. Hier gibt es die fruchtbarsten Böden Deutschlands, nirgendwo sonst wird so intensiv Landwirtschaft betrieben wie hier. Da ist wichtig herauszufinden, wie können die Betriebe angemessen entschädigt werden, wenn sie Naturschutzmaßnahmen machen, anstatt jeden Quadratzentimeter für den Anbau auszunutzen. Den Streifen mit Sommerweizen, den Borcherts Betrieb für die Feldlerchen angelegt hat, kann man zwar am Ende der Brut und Nistzeit abernten. "Aber das ist kein Hochqualitätsweizen hier, den können wir nur als Futterweizen verkaufen", sagt Borchert. Auf Düngung und Spritzmittel musste er hier verzichten.

Biologe Philip Hunke steht vor einem Feld, auf dem Sommerweizen in lockeren Reihen wächst. Drei weiße Säulen weisen auf das Naturschutzprojekt hin, das dort umgesetzt wird.
Dr. Philip Hunke vom Naturschutzbund Deutschland Nabu. Bildrechte: Tilo Weiskopf/MDR

Wirtschaftlich nützt es ihm erstmal nicht viel, wenn er Brutplätze für Vögel in seinen Feldern frei lässt oder wenn er an anderer Stelle breite Wiesenstreifen mit Wildkräutern anlegt. Dort machen Kornblumen, Mohn und Hahnenfuß und 25 weitere in Sachsen-Anhalt heimische Kräuter zwar ein hübsches Blütenmeer. Bienen, Hummeln und Schwebfliegen fühlen sich pudelwohl und summen kreuz und quer durcheinander. Doch wirklich beziffern kann Borchert die Leistung der Tiere nicht, wenn sie auch auf seine Rapsfelder ausschwärmen und dort die Blüten bestäuben.

Hinzu kommt, dass das Saatgut für diese Kräuter teuer ist, weil es nicht industriell hergestellt werden kann. Und das Heu bringt den Landwirten auch nicht viel ein. Auf lange Sicht geht es also nur, wenn die Politik den Umweltschutz auf den Feldern fördert.

Haupthindernis: Planungsrecht

Sven Borchert möchte gerne etwas für den Artenschutz tun. Er glaubt, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Insekten, Vögeln, Hasen und Wildkräutern nütze letztlich auch der Landwirtschaft. Ein zentrales Problem sei derzeit aber die Bürokratie und der rechtliche Rahmen. Planungsrecht und Subventionen für Landwirte erfordern genaueste Vermessung und Abrechnung der Flächen. Jedes Feldlerchenfenster muss er mit Laser-gestützten Vermessungsgeräten auf den Zentimeter genau ausmessen und anschließend am Computer in ein Geoinformationssystem einspeisen. Kleinere Betriebe können so etwas nicht leisten, sagt er über seine Kollegen.

Wie erfolgreich die jeweiligen Schutzmaßnahmen im Einzelnen sind, ob Feldlerchenstreifen oder Kiebitz-Fenster, Blühstreifen oder andere Bienenweiden, darüber können die Wissenschaftler im zweiten Jahr noch keine gesicherten Aussagen treffen. Zu groß sind auch andere Einflussfaktoren wie etwa das Klima. "F.R.A.N.Z. Ist ein Dialogprojekt, kein Laborversuch. Das bedeutet, man muss in echten Betrieben arbeiten", sagt Biologe Philip Hunke. Dies schränke wissenschaftliche Versuchsaufbauwünsche ein.

An anderer Stelle sei das Zwischenfazit aber hervorragend. "Die Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Naturschutz im Betrieb funktioniert wunderbar. Wir sammeln Erfahrungen, wie man so einen Grünstreifen etabliert und beobachten, wie sich die Biodiversität entwickelt", sagt er.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lexi TV | 20. Juni 2018 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2018, 16:17 Uhr