Biodiversität Pflanzenblindheit: Gefährlich, aber heilbar

Wer kann noch Weizen von Gerste unterscheiden? Oder Tannenbaum von Fichte? Oder Giersch von Salat? Oder ist Giersch vielleicht Salat? Die Wissenschaft nennt das Pflanzen-Blindheit. Ist dagegen ein Kraut gewachsen?

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"Was für ein Unkraut ist das und wie krieg ich das weg?" Eine beliebte Frage in unzähligen Garten-Freunde-Gruppen sozialer Netzwerke. Die Diskussionen, die sich auf solche Fragen entspinnen, ähneln sich: "Das ist kein Unkraut, das schmeckt lecker im Salat" oder "Da mach ich immer Pesto draus".

Für diese Art von Unkenntnis hat die Forschung einen wissenschaftlichen Begriff: Pflanzenblindheit. Sie beschreibt das Phänomen, wie sich die moderne Zivilisation gefährlich von unserer Pflanzenumwelt entfernt hat. Das spiegelt sich bei Kindern genauso wider wie bei Erwachsenen und führt zu Fragen wie: "In welcher Fabrik werden eigentlich die Bananen in die Schale gesteckt?" oder eben "Was wächst denn da neben meinen Rosen - muss das weg?".

Was hat Pflanzenblindheit mit Biodiversität zu tun?

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Blühender Lauch Bildrechte: imago/blickwinkel

Pflanzenblindheit geht offenbar Hand in Hand mit der schwindenden Biodiversität: Warum sollte man sich für das Wohlergehen von Pflanzen, oder auch Tieren, interessieren, die man weder beim Namen nennen, noch draußen auf dem Feld identifizieren könnte? Oder ihre Aufgaben im ökologischen Gleichgewicht sind komplett unbekannt - Pflanzen, die Böden wieder fruchtbar machen, uns mit Baumaterial versorgen oder Sauerstoff. Wir atmen ein, sitzen auf Holzstühlen und rupfen Spitzwegerich aus dem Gras, dabei könnte der im Falle eines Mückenstichs den Juckreiz lindern. "Wir können uns diese Pflanzen-Blindheit nicht mehr leisten angesichts globaler Probleme wie Klimawandel, zerstörter Lebensräume, schrumpfender Biodiversität", warnt Sarada Krishnan, Direktorin  des Instituts für Gartenkultur & Globale Initiativen in Denver. Aber ist gegen diese schleichende Krankheit eigentlich ein Kraut gewachsen?  

Wie wir Konsum und Pflanze wieder verknüpfen

Dabei ist es einfach, sich wieder mit der Natur zu verbinden: Liebe geht durch den Magen, sagt der Volksmund. Die Forschung sagt: Über das Essen sind wir theoretisch ganz eng dran an der Natur und mit den Pflanzen verbunden. Allerdings ist die Verbindung gekappt. Vorlieben für Essen sind inzwischen rund um den Globus angeglichen: Pizza und Hamburger mögen irgendwie alle und deren Zutaten sind in den meisten Fällen meilenweit von den ursprünglichen Pflanzen und natürlichen "Speiseplänen", den regionalen Ressourcen, entfernt. "Hier hilft nur Bildung, das ist der Schlüssel", sagt Colin Khouy vom internationalen Institut für Tropen-Landwirtschaft (CIAT):

Essen ist die beste Quelle zur Bildung, zu unserer eigenen Geschichte und wie Menschen weltweit mit Pflanzen verbunden sind.

Colin Khouy

Ihre Rezepte gegen zunehmende Pflanzenblindheit sind Besuche in botanischen Gärten und alle möglichen Bildungsangebote, die sich mit der Artenvielfalt der Pflanzen beschäftigt. Ob Wild-Kräuterspaziergänge mit Experten, angeleitete Radtouren zu Streuobstwiesen oder wilden Obstbäumen: Wer Pflanzen, Kräuter und Beeren beim Namen nennen kann, rupft bald weniger Unkraut aus der Wiese. Oder kocht sich Marmelade aus Beeren, an deren Sträuchern er immer achtlos vorbei lief oder trocknet vermeintliches Unkraut, aus dem sich leckerer Tee brühen lässt. Und man erkennt Pflanzen als Notfallhelfer bei Insektenstichen oder als leckere Zutat für Kräuter-Quark.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | Radio | 06. Mai 2019 | 13:30 Uhr

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