Insektenforschung Neben der Silberameise sieht Usain Bolt alt aus

In der Sahara bei 60 Grad Celsius kann man sich eigentlich nur in einer Höhle verkriechen und auf kältere Zeiten warten. Nicht so die Silberameise - die blüht dann so richtig auf und geht auf Nahrungssuche. Und zwar unglaublich schnell.

Ameise
Bildrechte: Prof. Harald Wolf

Das schnellste Tier der Welt? Für die meisten Leute ist das der Gepard, der bis 120 Stundenkilometer schnell laufen kann. Das klingt erst mal beeindruckend und prompt hat man die eleganten Sprünge der Raubtiere vor Auge. Dabei gibt es im Reich der Insekten einige, die - umgerechnet auf ihre Größe - um einiges flotter unterwegs sind, wie nämlich die Silberameise. Forscher der Uni Ulm haben sich im tunesischen Teil der Sahara die winzigen Insekten näher angeschaut und Erstaunliches herausgefunden. Ihre Forschungsergebnisse haben sie im "Journal of Experimental Biology“ veröffentlicht.

Silberameise: 20 Mal schneller als Usain Bolt

Die Wüstenbewohner gehen in der größten Mittagshitze auf Nahrungssuche - auf ihrem Speiseplan stehen tote Insekten. Nämlich die, die es nicht mehr rechtzeitig vor der ganz großen Hitze in den Schatten geschafft haben. Die winzigen Silberameisen laufen dann zur Höchstform auf und schaffen 85 Zentimeter pro Sekunde mit 47 Schritten. Klingt wenig, aber mit fünf Millimetern Körperlänge sind das enorme Leistungen. In einer Sekunde legen sie so das 108fache ihrer eigene Körperlänge zurück. Zum Vergleich: Sprint-Weltmeister Usain Bolt macht 41 Schritte um 100 Meter weit zu laufen, in 9,6 Sekunden. Aber Bolt ist 1,95 Meter groß, schafft pro Sekunde also nur das Fünffache seiner Körperlänge. Und die Geparde, bis 1,5 Meter lang, schaffen bis zu 33 Meter pro Sekunde. Das ist das 22fache ihrer Körperlänge.

Ein Mann gräbt in einer Wüste einen Graben.
Nahe der tunesischen Oasenstadt Douz hat das Ulmer Forschungsteam Nester der Silberameise gefunden. Bildrechte: Dr. Sarah Pfeffer

Unterschiede zu anderen Wüstenameisen

Aber was macht die winzige saharische Silberameise Cataglyphis bombycina schneller als größere Wüstenameisen? Beim Vergleich mit ähnlichen Arten stieß das Forscherteam auf einige Unterschiede: Die Beine der Silberameisen sind fast 20 Prozent kürzer als die von anderen Wüstenameisen. Diesen offensichtlichen Nachteil müssen die Silberameisen durch einen besonderen Laufstil wettmachen, vermutet das Ulmer Team. Das belegt auch ihre Videoanalyse: Silberameisen verfallen beim Laufen in eine Art Galopp, wobei zeitweise alle Beine gleichzeitig in der Luft sind. Forscherin Dr. Sarah Pfeffer spricht von einer annähernd perfekten Koordination:

Die drei zusammengehörigen Beine arbeiten beinahe synchron, wodurch die Körpermasse gleichmäßig verteilt wird. Jedes Bein berührt den Boden nur sieben Millisekunden lang.

Eine Frau sitzt vor einer silbernen Leitung im Sand
Dr. Pfeffer beobachtet die "Rennstrecke" für Silberameisen in der Wüste: Am Höhleneingang wurde ein mit Sand ausgelegter Aluminiumsteg angelegt. Die Ameisen wurden mit Mehlwürmern in den Steg gelockt und auf ihrem Weg dorthin gefilmt. Bildrechte: Dr. Sarah Pfeffer

Wie halten sie überhaupt die Hitze aus?

Andere Insekten verdorren in der Sahara, Silberameisen dagegen werden bei 50 bis 70 Grad erst so richtig aktiv. Nur - warum halten die solche Temperaturen aus? Forscher der Uni Zürich und New York hatten 2015 das Geheimnis ihrer Hitzeresistenz gelüftet: Es liegt in der Körperbehaarung der Insekten. Oberseite und Seiten der Silberameisen sind von feinsten, dreikantigen und spitz zulaufenden Härchen bedeckt und die geben je nach Bedarf Hitze ab oder speichern sie. Aus den Erkenntnissen über die Eigenschaften und Fähigkeiten der Ameisen erhoffen sich die Forscher nützliche Hinweise zur Entwicklung von Folien, mit denen sich Objekte passiv kühlen lassen.

Blattschneiderameisen transportieren Blattstücke 4 min
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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 17. März 2019 | 07:20 Uhr