Drei Finger halten einen Wasserkugel
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Der lange Weg zu Zero Waste Von wegen Müll: Verpackung essen und selber wachsen lassen

Ist gegen die Müllflut wirklich kein Kraut gewachsen? Die einen erforschen wissenschaftlich, wie Verpackungen am effektivsten zum Kauf verführen. Die anderen tüfteln an Verpackungen, die sich essen oder selber anbauen lassen. Und zwischen allen Stühlen – der Verbraucher: Wofür entscheidet er sich – für die sehr konkrete, weil erlebbare Bequemlichkeit oder die abstrakte Rettung und den Erhalt einer gesunden Umwelt irgendwo am anderen Ende der Welt?

Drei Finger halten einen Wasserkugel
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Die umweltfreundlichste Verpackung ist die, die keinen Müll hinterlässt. Aber beim Thema Müll ist es wie im Märchen von Hase und Igel, ein ewiger Wettlauf zwischen Erfindung neuer Verpackungen und deren Vermeidung.

Auf der einen Seite die Verpackungsbranche, die wissenschaftlich erkunden lässt, wie Verpackungen wirken und welches Werbepotential sie für Kundenbindung, Firmenimage und Kaufimpuls haben. Auf der anderen Seite der Verbraucher, der sich des Problems bewusst ist - aber trotzdem jede Woche fassungslos vor der randvollen Plastikmülltonne steht.

Zwar hat die Politik dem Müll den Kampf angesagt, Hersteller müssen seit Januar 2019 ihre Verpackungsart registrieren lassen und sind an den Kosten der Entsorgung beteiligt. Und nicht zufällig hat sich die Verpackungsmesse FachPack in Nürnberg ihr Treffen 2019 unter das Motto "Das umweltgerechte Verpacken" gestellt. Winfried Batzke, Geschäftsführer des Deutschen Verpackungsinstituts e.V. warnte die Branche schon 2017 in einem Interview:

Schlussendlich sitzt der Konsument am längeren Hebel, der seine Überzeugung klar formuliert und diese nicht zuletzt über seine Kaufentscheidung kommuniziert.

Winfried Batzke, Verpackungsinstitut

Käufer stimmen mit den Füßen ab - oder auch nicht

So richtig sorgen muss sich die Verpackungsidustrie nicht, nur wenige Verbraucher nutzen oder begreifen ihre Macht an der Kasse.

Passanten transportieren ihre Einkäufe auf Fahrrädern in der Innenstadt.
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Denn vor dem Einkauf steht die grundlegende Wahl, die zwischen Pest und Cholera: Hier die eigene Bequemlichkeit, da die Umwelt und Gesundheit irgendwelcher Menschen am anderen Ende der Welt. Entweder "im klimatisierten/beheizbaren Auto zum Großmarkt" oder schwitzend mit Dosen und Schraubgläsern auf dem Rad zum Unverpacktladen. Die finden viele gut, aber nur wenige gehen tatsächlich hin. Der positive Effekt bewussten Einkaufens, Verzicht auf Auto oder Jogurt im Plastikbecher ist abstrakt. Es sagt keiner: "Danke, dank Dir schwappen jetzt fünf Jogurtbecher weniger durch das Meer vor meiner Haustür!" Oder, "Oh, jetzt riecht die Luft gleich viel besser."

Die Halbherzigkeit des Verbrauchers

Plastiktüten am Obst- und Gemüsestand.
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Auch das kann die Halbherzigkeit in Sachen Müllvermeidung erklären, wie das Beispiel der Plastiktüten zeigt. Seit 2017 muss man für sie bezahlen, der Verbrauch ist von 5,6 Milliarden Stück auf 2,4 Milliarden jährlich gesunken. Die hauchfeinen Beutel für Obst- und Gemüse sind aber fast überall weiter Alltag. Erst langsam setzt ein Umdenken ein, indem Supermärkte und Discounter die Tüten durch Papier ersetzen oder auch für die dünnen Beutel Geld verlangen. Dass es konsequenter geht, zeigen z.B. Kenia, Uganda, Tansania und Ruanda. Dort sind Plastiktüten verboten und bei Missachtung drohen hohe Geldstrafen.

Den Großteil des Verpackungsmülls in Deutschland machen aber all die anderen Plastikverpackungen aus - angefangen bei den handlichen Plastik-Kartons, die sich so prima stapeln lassen, mit Trauben, Salat oder Beeren drin, die Plastikbecher mit Kartoffelsalat, Brotaufstrich oder Sahne. Und da haben wir noch gar nicht in die anderen Schränke unseres Alltags geschaut - einzeln verpackte Tabletten für Spül- oder Waschmaschine, Duschgels, Shampoos, Kosmetikprodukte...

Essbare Verpackung - ein alter Hut

Hände häten einen Döner Kebab.
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Essen ohne Verpackung ist an sich nichts Neues. Beim Eis verspeist man die Waffel, im türkischen Döner stecken Gemüse und Fleisch in einer Teigtasche, im mexikanischen Taco im Maisfladen. Auf Volksfesten werden inzwischen vereinzelt warme Gerichte in knusprigen Ess-Schalen gereicht, Hotels bieten zum Frühstück statt verschweißten Mini-Plastikschalen Mini-Waffelschälchen als Behälter für Marmelade oder Honig an. In Japan ist nicht die Waffel die Verpackung, sondern eine Alge: Das Onigirazu, eine Art Sandwich aus Reis und Gemüsen, umwickelt von essbaren Algen.

Essbar oder kompostierbar: Flüssigkeitsbehälter

Eine Hand hält einen Waffelbecher mit Likör
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Likör trinken und Waffel knabbern - der schokolierte Waffelbecher ist eher ein Livestyleprodukt als eine Notwendigkeit. Die Milchkapsel, die sich im Kaffee einfach auflöst ist dagegen ein echter Gewinn - erfunden in Halle. Gegen das weltweite Sorgenkind, die Plastikwasserflasche, sind zwar keine Kräuter, aber möglicherweise Algen gewachsen:

2017 hat eine Londoner Firma Blasen als Flüssigkeitsbehälter entwickelt und zwar aus Algenextrakt. Man steckt sie in den Mund, zerbeißt / zerkaut sie nach dem Trinken. Die Erfindung machte Schlagzeilen, das Start-up startete eine Crowdfunding-Aktion, sie galten als die Hoffnung schlechthin - und sind es geblieben. Inzwischen bietet "Skipping Rock Labs" ihre Produkte für Partys und Sportevents an. Und hat Ende Mai 2019 in Berlin einen Green Award als Start-up of the Year gewonnen.

Auch österreichische Entwickler aus Wien haben das Plastikflaschendilemma im Visier und einen Biokunststoff aus Polymilchsäure aus Getreide und Maisstärke entwickelt. In den Flaschen können Getränke, Kosmetika und Reinigungsmittel gelagert werden, sie sind leichter als Plastik, aber härter und spröder und in 90 Tagen kompostierbar.

Haben Styropor und Plastikfolien ausgedient?

Styroporverpackungen könnten bald ausgedient haben - eine amerikanische Firma lässt aus Pilzmyzelen, die sich von zerkleinerten Bioabfällen ernähren, Verpackungen wachsen.

Ebenfalls nicht unersetzlich ist die Plastikfolie, in die Sandwiches gewickelt oder Wurst und Käse verpackt werden. 2016 hatten US-Forscher der American Chemical Society aus Casein, einem Protein der Milch, eine Verpackungsfolie hergestellt - sie ist im Gegensatz zur Folie auf Ölbasis essbar und biologisch. welcher ökologische Fußabdruck, der vom Öl oder der Milch, größer ist, ist noch nicht bekannt.

Das deutsche Forschungsschiff SONNE auf offenem Meer mit zahlreichen Aufbauten und Kränen für wissenschaftliche Großgeräte. 4 min
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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 04. Oktober 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2019, 12:32 Uhr