Gynäkologie Jetzt mal ehrlich: Kennen Sie die Vulva?

Was haben wir in den letzten Jahren nicht alles erfunden und entdeckt? Wir lassen Autos allein fahren, wissen fast alles über den Mond, entdecken jeden Tag neue Tier- und Pflanzenarten. Und in der Schweiz kommt ein Frauenarzt auf die Idee, weibliche Schamlippen zu vermessen, um herauszufinden, wie ein normales weibliches Geschlecht aussieht.

Flache Schale mit reliefartig modellierter Frau mit markanter Vulva.
Skulptur aus Peru: Die Vulva ist deutlich sichtbar. Bildrechte: imago/UIG

Wenn wir über das weibliche Geschlecht reden, spricht man über die Möse, die Mumu. Oder wenn wir ganz korrekt sein wollen, von der Scheide oder Vagina. So viele Begriffe und alle sind sie falsch. Denn wenn wir den Teil des weiblichen Genitals meinen, der von außen sichtbar ist, gibt es nur einen einzigen korrekten Begriff: Vulva. Die Fachärztin für Frauenheilkunde an der Uni Leipzig, Anne Kreklau, erklärt:

Damit sind die großen Schamlippen gemeint, die kleinen Schamlippen, die Klitoris, die Harnöffnung, der Scheideneingang, bis hin zum Damm und zum Anus hinter. Das ist letztendlich nichts anderes als die anatomisch korrekte Bezeichnung für das äußere Genital.

"Da unten" - was ist da überhaupt und warum hat es keinen Namen?

Eine Schematische Darstellung der Vulva
Es gibt keine Normen, für das äußere weibliche Genital Bildrechte: imago images / UIG

Die Vulva ist also deutlich mehr als nur ein Loch. Und sie ist erst recht kein "Behältnis für eine Klinge", wie es Begriffe wie "Scheide" oder "Vagina" nahelegen. Obwohl die Vulva seit etwa zehn Jahren immer stärker in den Blick genommen wird, wissen weniger als 30 Prozent der Frauen überhaupt etwas mit dem Wort anzufangen. Manche sprechen immer noch beschämt von "da unten". Das fand eine Studie heraus, an der Anne Kreklau aus Leipzig beteiligt war. Es handelt sich dabei um die bis dato größte Vulva-Studie weltweit. Bis dahin war nie beschrieben worden, wie eine normale Vulva aussieht. Vor zwei Jahren wurde sie veröffentlicht.

Es hat sich lange keiner mit dem Normvarianten auseinandergesetzt, sondern immer nur mit den krankhaften Vorstellungen. Wenn man hingegen mit den Männern das Ganze vergleicht: Da gibt es große Studien, da weiß man alles! Länge, Breite, schlaffer Zustand, erigierter Zustand. Das ist alles breit publiziert und man kann das sogar in diverse Länder unterteilen, wie groß der Durchschnittspenis ist. Bei der Frau existiert das nicht. Das ist wirklich lange unerforschtes Territorium gewesen.

Anne Kreklau, Fachärztin für Gynäkologie

Die Vermessung der Vulva

Die Leipziger Gynäkologin Anne Kreklau hat zusammen mit Andreas Günthert, der inzwischen die Klinik für Frauenheilkunde in Luzern leitet, etwas gemacht, was recht simpel klingt: Sie vermaßen Vulven von mehr als 650 Frauen. Es ging um die Breite und Länge der äußeren und inneren Vulvalippen und die Abstände zwischen Klitoris, Harnröhre, Scheideneingang und Anus. Was kam heraus? So gut wie alles. Äußere Vulvalippen können beispielsweise zwischen einem und 18 Zentimeter breit sein. Innere Vulvalippen unterscheiden sich zum Teil um bis zu sieben Zentimeter: Und alles ist normal.

Wir konnten in dieser Studie wirklich aufzeigen, dass eine normale Vulva in dem Sinne nicht wirklich existiert. Es gibt eine sehr sehr große Spannbreite, was wirklich normal ist. Das ist das, was wir aufzeigen wollten, weil das sieht man als Gynäkologe auch tagtäglich.

Anne Kreklau, Fachärztin für Gynäkologie

Symmetrie ist ein Trugschluss. Normal ist die Vielfalt – das hat die Studie herausgefunden und dabei hatte sie gerade nur weiße Frauen im Alter von 15 bis 84 Jahren untersucht – sie ist also erst der Anfang. Denn die Vielfalt könnte noch viel größer sein. Das deutlich zu machen, sei wichtig, sagt Anne Kreklau, denn die Zahl der "schönheits"-chirurgischen Eingriffe steigt. Auch Anne Kreklau hat regelmäßig Frauen in ihrer Sprechstunde, die ihre Vulvalippen verkleinern lassen wollen, weil sie sich unnormal fühlen. In Internetforen wird das Thema rege debattiert:

Internetforum "Hallo, ich bin 16 Jahre und mein Freund und ich wollen bald miteinander schlafen. Ich habe Angst, dass er meine Vagina nicht schön findet, ich selber fühle mich zwar wohl in meinem Körper, aber das Thema stört mich schon. Habe schon oft darüber nachgedacht, diese Operation zu machen, fand und finde den Zeitpunkt aber zu früh. Ab wann kann man sich einer OP unterziehen?"

Die schönheitsnormierte Vulva ist ein Produkt der Pornoindustrie. Sie sieht aus wie ein frisch gebackenes Brötchen, die äußeren Lippen umschließen die Inneren, nichts hängt raus, nichts ist faltig, nichts dunkel verfärbt. Die Vulva erscheint in einem frischen zartrosa. Dabei sieht sie so aber in den meisten Fällen gar nicht aus und das ist ganz normal und kein Grund zur Scham.

Internetforum "Als kleines Kind habe ich immer geweint, weil ich es nicht verstanden habe und dachte, ich hatte auch noch einen Penis und wollte es mir immer mit der Schere abschneiden. Heute ist es nicht mehr so schlimm, aber es macht mich immer noch seelisch fertig."

Die Vulva, mehr als die Schamlippen

Zur Vulva gehört aber deutlich mehr als die Lippen. Ein weiteres bisher wenig erforschtes Organ der Frau ist die Klitoris, heute spricht man vom klitoralen Organ. Was aber ist das? Keinesfalls nur diese kleine von außen sichtbare Perle am oberen Ende der Vulva, dort wo die Lippen zusammenkommen. Die Klitoris ist überraschend groß, wie erst vor gut 20 Jahren bekannt wurde - dank der australischen Chirurgin Helen O‘Conell. Etwa elf Zentimeter lang erstrecken sich zwei Klitorisschenkel mit ihren Schwellkörpern ins Körperinnere. Damit ist die Klitoris größer als der durchschnittliche Penis. Wie beim Penis werden auch die Schwellkörper hart, wenn die Frau erregt ist. Im Gegensatz zum Penis aber ist das gesamte klitorale Organ nur dafür da, um Lust zu empfinden.

Es ist lange so dargestellt worden, dass nur Männer was vom Sex haben sollen oder haben. Dass die Frauen auch in ihrer Sexualität voran geschritten sind und auch ein Lustempfinden haben dürfen und sich mit ihrer eigenen weiblichen Lust auseinandersetzen, das ist auch alles erst in den letzten Jahren entstanden. Früher ging es dabei um den Mann. Das ist ja heute nicht mehr so. Gott sei Dank!

Anne Kreklau, Fachärztin für Gynäkologie

Die Wissenschaft muss umdenken

Gerade die Wissenschaft muss mit veralteten Vorstellungen aufräumen. Einige Behauptungen sind mittlerweile eindeutig widerlegt, wie die von Siegmund Freud zu Beispiel. Er hatte der Frauenwelt keinen Gefallen getan, als er behauptete, dass nur reife Frauen über die Vagina kommen können. Heute weiß man: Biologisch sind vaginale Orgasmen überhaupt nicht möglich. Der Orgasmus ist immer klitoral. Mit Reife und Unreife hat das sowieso nichts zu tun, obwohl die Vorstellung noch weit verbreitet ist. Genauso wie falsche Darstellungen der Vulva in Anatomie und Biologiebüchern. Das geht so weit, dass die eine oder andere Frau denkt, ihr Geschlecht wäre eine Scheide, also das Behältnis für eine Klinge.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur Spezial | 14. Juli 2020 | 18:00 Uhr

0 Kommentare

Das könnte Sie auch interessieren