Geduld Wissen Sie, was Schlangen alles über uns verraten?

Wir warten auf den Bus und an der Supermarkt-Kasse, wir warten an der Ampel, beim Arzt und auf dem Amt. Wir warten auf die große Liebe, auf bessere Zeiten, auf einen Impftermin oder gar ein Spenderorgan. Und wir sind nicht allzu gut darin: Mehr als die Hälfte der Deutschen nimmt Wartezeiten als größtes Ärgernis im Alltag wahr. Doch als Forschungsgegenstand liefern diese alltäglichen Geduldsproben und Wartesituationen erstaunliche Erkenntnisse über uns Menschen.

Meine Challenge

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Es ist ein Klassiker der Wartekultur: das gefühlt ewige Ausharren entlang endlos erscheinender Büroflure in deutschen Ämtern und Behörden. Lethargisch vor sich hinstarrend, allein mit sich und seinen Gedanken, das kleine vom Handschweiß gewellte Nummern-Zettelchen als letzter Rettungsanker inmitten der Ungewissheit.

Warum wir Warten oftmals als negativ, anstrengend und nervig empfinden, wollte auch Rainer Paris herausfinden. 2001 untersuchte der Soziologe verschiedene Wartesituationen in Berliner Ämtern und fasste daraufhin fünf systematische Merkmale des Wartens zusammen. Da ist zum Beispiel die Zeit-Wahrnehmung: Wenn wir warten, nehmen wir das – gefühlt langsame – Vergehen der Zeit als überpräsent wahr, während wir, wenn wir im sonstigen Alltag mit anderen Dingen beschäftigt sind, dem Ticken der Uhr eher wenig Aufmerksamkeit schenken.

Wenn wir warten, innehalten und auch unser Smartphone nicht aus der Tasche holen, dann macht es ticktack, ticktack. Und wenn die Zeit vergeht, dann vergehen auch wir. Wir spüren das und das kann auch sehr unangenehm werden.

Timo Reuter, Journalist und Buchautor aus Frankfurt am Main

Wer abgelenkt ist, wartet weniger

Dieses Phänomen unterstreicht eine Studie der Psychologin Madalina Sucala von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Sie und ihr Team legten Studierenden einen Text vor und baten einen Teil der Gruppe, alle Wörter mit dem Anfangsbuchstaben "S" zu markieren. Der andere Teil der Gruppe sollte zusätzlich noch Synonyme für die markierten Wörter finden. Am Ende sollten alle Probandinnen und Probanden angeben, wie viele Minuten sie für die Aufgabe gebraucht hatten. Das Ergebnis: Die Studierenden mit der komplexeren Aufgabe schätzten die vergangene Zeit als deutlich geringer ein.

Patienten im Wartezimmer
Studien zeigen: Wer abgelenkt und beschäftigt ist, für den vergeht die Zeit schneller. Bildrechte: colourbox

Wer gefordert, beschäftigt oder in eine Aufgabe versunken ist, hat weniger Aufmerksamkeit für das Vergehen der Zeit übrig. Wer sich hingegen langweilt, dem kann die Zeit schnell zäh wie Kaugummi vorkommen. Das erklärt auch, warum in den Wartebereichen von Arztpraxen und Friseur-Salons häufig Zeitschriften ausliegen: Sie sollen Ablenkung liefern und so die Zeit unbemerkt verstreichen lassen.

Gemeinsam wartet es sich besser als allein

Ein weiteres Merkmal, das der Soziologe Rainer Paris als typisches Charakteristikum des Wartens nennt, ist die Isolation des Wartenden: Jeder und jede wartet für sich allein. Wir stehen zwar gemeinsam mit anderen Personen am Bahnsteig oder in der Kassenschlange im Supermarkt, doch Interaktion und Austausch finden kaum statt. Dabei könnte genau das das Elend des Wartens lindern. Eine Studie von Shumin Feng vom Harbin Institute of Technology in China, in der mehr als 230 Menschen an Bushaltestellen befragt wurden, zeigt: Wer nicht allein wartet, sondern eine Begleitung dabei hat, mit der er sich unterhalten kann, empfindet die Wartezeit für gewöhnlich als kürzer.

Warum wir nur schwer passiv sein können

Laut Rainer Paris sind außerdem Passivität und Machtlosigkeit Eigenschaften und Gefühle, die für viele Menschen mit Wartesituationen einhergehen: Man sehnt ein Ereignis herbei, auf dessen Eintreten man keinen oder nur begrenzt Einfluss hat. Dieses Gefühl der Ohnmacht widerstrebe dem menschlichen Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit. Und es läuft auch einem evolutionär in uns eingeschriebenen Code zuwider, den die Verhaltensforschung "Action Bias" nennt: Es fühlt sich besser für uns an, aktiv zu handeln, als die Hände in den Schoß zu legen und der Dinge zu harren, die da kommen.

Selbstgewähltes versus auferlegtes Warten

Diese Handlungsneigung machen sich beispielsweise Vergnügungsparks zunutze, die ihre Kundschaft trotz häufig langer Warteschlangen an den Fahrgeschäften bei Laune halten müssen. "Im Disneyland bekommen die Leute beispielsweise am Einlass einen sogenannten Fast-Lane-Pass", erklärt der Soziologe Andreas Göttlich von der Universität Konstanz.

Soziologe Andreas Göttlich im Portrait.
Der Soziologe Andreas Göttlich beschäftigt sich in seiner Forschung unter anderem mit dem Warten als sozialem Alltags-Phänomen. Bildrechte: MDR/Andreas Göttlich

"Die Leute bekommen die Möglichkeit, sich zwei-, dreimal am Tag in der Warteschlange eines Fahrgeschäftes gewissermaßen vorzudrängeln. Man kommt sofort dran. Und das gibt den Menschen ein bisschen Kontrolle, sie haben das Gefühl: Ich entscheide eigentlich selbst, ob ich warten muss oder nicht." Denn, so Göttlich: Die Frage, ob eine Wartesituation von außen auferlegt oder – wenigstens gefühlt – selbst gewählt ist, kann einen fundamentalen Unterschied machen in der Frage, als wie belastend die Wartezeit empfunden wird.

Gefährliche Warteschlangen

Überhaupt sind Warteschlangen vielleicht eines der meisterforschten Phänomene, wenn es um die Frage geht, wie geduldig wir Menschen sind und mit welchen Tricks sich unsere Bereitschaft, Wartezeiten auszuhalten, beeinflussen lässt. Erste Erkenntnisse hierzu wurden beispielsweise Mitte des 20. Jahrhunderts im New Yorker Stadtteil Manhattan gesammelt, wo sich vor den Aufzügen der aufkommenden Wolkenkratzer regelmäßig lange Warteschlangen bildeten – und es immer wieder zu Beschwerden, Streitereien und sogar körperlichen Auseinandersetzungen kam.

Die Lösung: Wurden die Foyers mit deckenhohen Spiegeln ausgestattet, gingen die Beschwerden und Konflikte rasant zurück. Denn anstatt sich zu ärgern oder aufeinander loszugehen, betrachteten die Wartenden nun sich und die anderen in den Spiegeln, richteten ihre Krawatten und überprüften das Make-up und ihre Frisuren. Die ärgerliche Wartezeit wurde zu einer Mischung aus Abgelenktsein und sinnvoll genutzter Mini-Pause.

Dem Neid auf die Nachbarschlange entgegenwirken

Großes Frustrationspotenzial in Warteschlangen liefert ein Phänomen, das sicher viele von uns kennen – sei es im Stau auf der Autobahn oder an der Kasse im Supermarkt: das dumpfe Gefühl, ausgerechnet in der "falschen" Schlange zu stehen und dass es nebenan deutlich schneller vorangeht. In Banken und Post-Filialen wird diesem Unbehagen inzwischen entgegengewirkt: Statt mehrerer parallel verlaufender "Spuren" gibt es dort nur eine einzige Warteschlange, die sich dann an ihrem vorderen Ende auflöst; wer vorn steht, geht zum nächsten frei gewordenen Schalter. So wird sichergestellt, dass es keinen Neid auf die Nachbarschlange gibt – und dass derjenige, der zuerst da war, auch zuerst drankommt.

Immer schön der Reihe nach

Weiteres Konfliktpotenzial in Warteschlangen liefern Menschen, die sich vordrängeln. Hierzu führte der US-amerikanische Verhaltenspsychologe Stanley Milgram – weltbekannt geworden durch das Stanford-Prison-Experiment – eine Versuchsreihe in New York durch: Er trug einem Assistenten auf, sich in verschiedenen Warteschlangen mit den Worten "Entschuldigen Sie, ich möchte hier rein" einfach dreist an die dritte Stelle vorzudrängeln. Ergebnis: Nur in knapp der Hälfte der Fälle musste Milgrams Assistent Protest über sich ergehen lassen, manchmal auch nur in Form ablehnender Gesten oder verächtlicher Blicke. Kam jedoch ein zweiter Vordrängler dazu, lief das Fass offenbar über. Dann schnellte die Protest-Rate auf über 90 Prozent nach oben. Einen Querschläger scheinen wir also noch zähneknirschend erdulden zu können; bei einem zweiten reißt den meisten von uns aber der Geduldsfaden.

Warten ist immer schon auch eine Frage von Macht und Privilegien gewesen. Menschen, die Macht und Geld haben, müssen weniger warten.

Timo Reuter, Journalist und Buchautor aus Frankfurt am Main

Nach dem Warten kommt das Glück

Auch aus ökonomischer Sicht ist die Psychologie der Warteschlange interessant. Denn wer möchte in seinem Geschäft schon Kundenschwund und schlechte Bewertungen kassieren, weil die Menschen unzufrieden wegen etwaiger Wartezeiten waren? Der Marketing-Professor Ziv Carmon und der Verhaltensökonom Daniel Kahneman konnten jedoch in einer Untersuchung zeigen: Unsere Laune während des Schlangestehens spielt für gewöhnlich ab dem Moment, in dem wir an der Reihe sind, nur noch eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist das Erlebnis, das auf das Warten folgt.

Journalist und Buchautor Timo Reuter im Portrait.
Das Smartphone verspricht uns, auf nichts mehr warten zu müssen. Wir leiden unter "digitalem Sofortismus", schreibt Timo Reuter in seinem Buch "Warten. Eine verlernte Kunst". Bildrechte: MDR/Timo Reuter

Auch hier arbeiten wieder die bereits erwähnten Freizeitparks mit einem Trick: Mit Schildern wie "Ab hier noch 30 Minuten Wartezeit" vor den Fahrgeschäften geben sie vor, ihre Kundschaft sachlich über den Stand der Dinge zu informieren. Tatsächlich sind die angegebenen Werte aber um ein paar Minuten zu hoch angesetzt. Und wenn der Kunde dann früher als erwartet an die Reihe kommt, setzt dieses "Glückserlebnis" in seinem Kopf das Wohlfühlhormon Dopamin frei – was ein positives Erleben und Erinnern wahrscheinlicher werden lässt.

Die innere Kosten-Nutzen-Rechnung

Doch manchmal braucht es gar nicht unbedingt die kleine Manipulation von außen, um das Warten für uns erträglicher zu machen. Die menschliche Psyche greift da in ihre ganz eigene Trickkiste. So zeigen Studien, dass wir eine erworbene Ware oder Dienstleistung als wertvoller erachten, wenn wir im Blick haben, wie viele Menschen hinter uns stehen. Wir fühlen uns den hinter uns Stehenden überlegen. Und parallel schlägt sich hier auch ein gewisser Herdentrieb nieder: Wenn so viele Menschen für dieses eine Produkt anstehen, muss es auch einfach die ganze Warterei wert sein!

Soziologe Andreas Göttlich verweist zudem auf die sogenannte kognitive Dissonanzreduktion: Statt unser Handeln zu ändern, verändern wir einfach unsere Einstellung zum Handeln. Geraten wir beispielsweise in eine unerwartet lange Wartesituation, sind wir irgendwann gezwungen, uns zu überlegen: Lohnt es sich überhaupt noch weiter zu warten? Trotzdem brechen wir das Warten oftmals nicht ab, sondern werten es innerlich auf und reden uns ein, dass dieses Ereignis durchaus wichtig sei und lohnenswert wäre – obwohl wir wissen, dass es vielleicht doch gar nicht so wichtig ist.

Wie wir lange Wartezeiten besser aushalten

Aus all den Studien und Untersuchungen rund ums Warten haben Forschende auch Tipps extrahiert, wie wir lange Wartezeiten besser aushalten. Ablenkung – egal ob durch ein mitgebrachtes Buch, ein Spiel auf dem Smartphone oder Kopfrechnen – lässt die Zeit schneller verstreichen. Auch wer die Wartezeit für eine bewusste Pause, etwa ein tiefes Durchatmen, nutzt, empfindet sie nicht mehr unbedingt als Belastung, sondern vielleicht sogar als kleine geschenkte Auszeit im stressigen Alltag. Die Psychologin Donya Gilan empfiehlt zudem, Wartesituationen mit kleinen Achtsamkeits-Übungen zu begegnen:

Nutzen Sie die Wartezeit positiv und rekapitulieren Sie beispielsweise die drei schönsten Momente des Tages.

Donya Gilan, Psychologin am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz

Und ebenso gilt: Manchmal kann es auch einfach richtig sein, das Warten abzubrechen und zu gehen. Wann hier aber der richtige Zeitpunkt erreicht ist, darauf hat die Wissenschaft noch keine eindeutige Antwort.

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