Faktencheck Darf ich ein Windrad in den Wald stellen?

Dieses Bild ging vor kurzem durchs Netz: Windkraftanlagen in einer Lichtung. Es folgte der Aufschrei, dass jetzt sogar schon Bäume für die Windräder gefällt werden. Eine echte Öko-Sauerei. Aber stimmt der Vorwurf?

Windräder
Stimmt die Aussage in diesem Facebookpost? Nein. Bildrechte: facebook

Gehen wir der Sache auf den Grund. Erste Frage: Wurde der Wald für die Windräder gefällt?

Was genau in diesem einen Waldstück passiert ist, können wir nicht sagen. Doch es muss nicht unbedingt sein, dass die Lichtung nur für die Windräder entstanden ist. Laut Sven Pasemann, Mitarbeiter des Thüringenforst, könnten derartige Flächen, die beispielsweise im Zusammenhang mit der Borkenkäferplage gerodet werden mussten, für Windkraftanlagen genutzt werden. Er schließt die Energiegewinnung durch Windkraft als Teil der Bewirtschaftung des Waldes nicht aus. Pasemann betont, dass die Mitarbeiter des Forsts gleichermaßen den Aufgaben nachkommen müssen, den Wald zu schützen und zu bewirtschaften.

Pläne für Windräder im Wald werden allerdings oft mit Aussagen wie "Der abgehackte Wald hätte übrigens mehr CO2 aufgenommen, als durch die wenigen lächerlichen Windräder CO2 gespart wird" in Frage gestellt. Stimmt diese Aussage überhaupt?

Zweite Frage: Wie viel CO2 nimmt ein Hektar Wald auf?

Dr. Thomas Grünwald ist Wissenschaftler am Institut für Hydrologie und Meteorologie an der TU Dresden und erforscht den CO2-Austausch zwischen Boden, Pflanzen und Atmosphäre. Mithilfe von Messvorrichtungen in den Baumkronen des Tharandter Waldes misst Grünwald, wie groß der CO2-Austausch des gesamten Ökosystems ist. Obwohl Bäume nachts auch CO2 ausatmen, wird dem Ökosystem insgesamt CO2 entzogen.

Gemäß den Werten von Grünwald bindet der Tharandter Wald pro Jahr 17 Tonnen CO2 pro Hektar. "Die sächsischen Wälder kompensieren etwa 13 Prozent der sächsischen CO2-Emissionen", so der Professor für Meteorologie. Selbst wenn ganz Sachsen bewaldet wäre, könne dieser Wald nur weniger als die Hälfte des emittierten CO2 aufnehmen.

Wenn man ein Braunkohlekraftwerk abschaltet, würde das wahrscheinlich viel mehr bringen, als zu versuchen, die landesweite Waldfläche um ein oder zwei Prozent zu vergrößern. Das würde in der Kohlenstoffbilanz deutlich größere Effekte haben.

Dr. Thomas Grünwald, Professur für Meteorologie (TU Dresden)

Frage 3: Wie viel CO2 wird durch ein Windrad gespart?

Erneuerbare Energien verdrängen fossile Energieträger. Somit wird das Ausstoßen von CO2 und weiteren klimaschädlichen Treibhausgasen zum Teil reduziert. Zu viele Treibhausgase in unserer Atmosphäre tragen zum Treibhauseffekt und damit zur globalen Erderwärmung bei.

Das Umweltbundesamt (UBA) hat für 2017 ausgerechnet, dass durch die Stromerzeugung aus Windenergie in Deutschland rund 606 Gramm CO2 pro Kilowattstunde eingespart werden. Dieser Wert bezieht sich auf Windräder an Land (On-Shore). Für die Berechnungen nutzt das UBA ein Standard-Windrad mit einer Leistung von 1,3 Megawatt als Referenz und bezieht auch den CO2-Ausstoß bei der Herstellung mit ein. Ein solches Windrad produziert pro Jahr rund zwei Gigawattstunden Strom. Rechnet man das auf das gesparte Kohlenstoffdioxid hoch, vermeidet ein einziges Windrad jedes Jahr rund 1.261 Tonnen Kohlenstoffdioxid – 74 mal mehr als ein Hektar Wald aufnehmen kann. Größere Anlagen mit mehr Leistung vermeiden entsprechend noch mehr.  

Fazit:

Erst ab einer gerodeten Fläche von 74 Hektar Wald, wäre die Menge an eingespartem CO2 eines einzigen Windrades geringer als die Menge, die von den Bäumen gespeichert werden könnte. Eine solch immense Fläche wäre aber für ein einziges Windrad nicht nötig: Der Flächenbedarf für ein Standard-Windrad beträgt nur etwa 4.000 Quadratmeter, also nicht einmal die Hälfte  von einem Hektar.

Trotz der enormen Leistung eines Windrades sollte man natürlich nicht sämtliche Bäume fällen und durch Windräder ersetzen. Der Wald ist ein einzigartiger Lebensraum und ein wichtiger Speicherort für CO2. Außerdem wird ein Windrad niemals Sauerstoff produzieren. Doch das Argument "Der abgehackte Wald hätte mehr CO2 aufgenommen, als die Windräder, die jetzt an dieser Stelle stehen, CO2 sparen" stimmt nicht.

Tobias Gruber (Landschaftsgärtner) Sprecher der Bürgerinitiative 'Unser Holzland-kein Windkraftland' 3 min
Bildrechte: MDR/Angela Tesch

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 10. Juli 2019 | 20:44 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2019, 17:17 Uhr