Wie chilenische Flüchtlinge in der DDR lebten

Als Erich Honecker 1991 in der chilenischen Botschaft in Moskau um Asyl bat, war die Überraschung groß. Warum gerade dort? Die Antwort war einfach: Clodomiro Almeyda, der damalige Botschafter Chiles in Moskau, hatte nach dem Putsch der Militärjunta unter General Pinochet am 11. September 1973 in der DDR Zuflucht gefunden. Honecker hatte damals erklärt, die DDR würde verfolgten Chilenen Asyl gewähren. Etwa 2.000 chilenische Flüchtlinge kamen in die DDR.

Augusto Pinochet und Salvador Allende, Santiago de Chile 1970. Der Sozialist, der gerade seinen Wahlsieg feiert, neben seinem späteren Mörder.
Bildrechte: Camera Work/Thomas Bildhardt

Allerdings war die Aufnahme der chilenischen Flüchtlinge an Bedingungen geknüpft. Das SED-Politbüro entschied am 25. September 1973, nur denjenigen Menschen Zuflucht zu gewähren, welche "Mitglieder und Anhänger der Unidad Popular", also der linken Volksfrontbewegung, waren.

Ankunft in der DDR

Die Unterbringung und Eingliederung der Exilchilenen lief vergleichsweise unbürokratisch ab. Über den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) und das "Solidaritätskomitee der DDR" wurden Mittel bereitgestellt, um die Unterbringung, Betreuung und Einkleidung zu finanzieren. Jede Emigrantenfamilie erhielt ein Übergangsgeld von 2.500 DDR-Mark, um die Zeit zu überbrücken, bis eine Arbeitsstelle gefunden wurde.

Michelle Bachelet: Glückliche Zeit in der DDR

Unter den chilenischen Emigranten waren vor allem "Angehörige der Intelligenz", stellte das Ministerium für Staatssicherheit im September 1975 fest: Studenten, Angestellte, Pädagogen, Funktionäre, Künstler. Unter ihnen war auch eine junge Studentin, die mit ihrer Mutter über Australien in die DDR geflohen war und im Jahr 2006 die Präsidentschaftswahlen im demokratischen Chile gewinnen sollte: Michelle Bachelet. Sie studierte in Leipzig und Berlin Medizin und wurde Kinderärztin. Die Zeit in der DDR hat sie rückblickend als eine "sehr glückliche" bezeichnet.

Unterschiedliche Erfahrungen

Nicht alle Exilchilenen teilen diese Einschätzung. Denn trotz guter Qualifikationen hatten nicht alle das Glück, in ihren Berufen arbeiten zu können. Viele Akademiker wurden in der Produktion eingesetzt. Und dort sorgte die Bevorzugung der Exilanten bei der Wohnungsvergabe mitunter für böses Blut, wie sich Sonia Cifuntes, einst Mitglied im Kommunistischen Jugendverband, erinnert: "Ich arbeitete am Fließband in der Endfertigung bei Pentacon. Eine Frau neben mir warf mir immer böse Blicke zu und sagte etwas zu mir, das ich nicht verstand. Später erfuhr ich, dass sie mir vorwarf, den Leuten in der DDR die Wohnungen wegzunehmen und mir riet, doch wieder nach Chile zurückzukehren."

Solidarität mit Chile

Die Solidarität mit Chile wurde zu einem zentralen Thema der offiziellen Propaganda. Tausende Kinder und Jugendliche schickten zum Beispiel Postkarten mit dem Bild von Luis Corvalán nach Chile. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei war von der Militärjunta eingesperrt worden. Als Corvalán schließlich im Dezember 1976 im Austausch gegen einen sowjetischen Dissidenten freikam, wurde dies als "Sieg der Kräfte des Fortschritts" und Beispiel von "moralischer Größe" gefeiert, welche "unsere Jugend zu immer größeren Taten für Frieden und Sozialismus, für die allseitige Stärkung unserer sozialistischen DDR anspornt".

Echte Empörung über den Militärputsch

1977 wurde in der DDR ein Spielfilm über den chilenischen Volkssänger Víctor Jara gedreht, der in den ersten Tagen des Putsches von Pinochets Soldaten umgebracht worden war. Schulen trugen seinen Namen und auch der ermordete Präsident Salvador Allende prangte auf Briefmarken. Doch so viel SED-Propaganda wäre gar nicht nötig gewesen: Die allermeisten DDR-Bürger waren tatsächlich empört über den Sturz der Regierung Salvador Allendes. Etliche Schriftsteller und Künstler beschäftigten sich mit dem brutalen Militärputsch. Wolfgang Mattheuers Gemälde "Requiem Víctor Jara" stellt den Sänger mit gebrochenen Händen und brennender Gitarre dar. In Volker Stelzmanns "Stillleben Herbst 1973" ist ein an den Schrank geklebtes Allende-Foto zu sehen. Hartwig Ebersbach schuf eine Installation mit dem Titel "Widmung an Chile" und  Christoph Wetzel malte den "Toten Präsidenten" mit chilenischer Fahne auf einem von Kugeln durchsiebten Sessel.

Überwachung durch die Stasi

Die in der DDR lebenden Chilenen durften eigentlich das Land verlassen und auch ins westliche Ausland reisen. Allerdings benötigten sie dafür Ausreisevisa. Und deren Vergabe war sehr restriktiv geregelt. Das Ministerium für Staatssicherheit befürchtete, die Chilenen könnten im Westen für Spionageaufgaben angeworben werden und Propagandamaterial einschmuggeln. Generell galten die chilenischen Flüchtlinge dem MfS als ein Risiko für die Sicherheit der DDR. Das Büro "Antifaschistisches Chile", welches von Chilenen geführt wurde und die Reiseanträge der Emigranten bearbeitete, war von Inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit unterwandert. 

Surreales Gastgeberland

Die chilenische Gruppe Quilapayun, Aufnahme ca. 1975
Die exilierte chilenische Gruppe Quilapayun bei einem Konzert 1975 in Leipzig. Bildrechte: IMAGO

Die Befürchtungen der Stasi, die Emigranten könnten eine DDR-kritische Haltung einnehmen, waren durchaus begründet. Viele von ihnen stellten Ausreiseanträge und 1982 verbrannte sich ein Chilene öffentlich, weil ihm die Rückkehr ins Heimatland verweigert worden war. Viele litten, wie der Schriftsteller Carlos Cerda schrieb, am "Zusammenstoß zwischen den Idealen, den Utopien, die uns hierher ins Exil gebracht hatten, und der für uns außerordentlich spannungsreichen, konfliktgeladenen und bis zu einem gewissen Grad entfremdeten Wirklichkeit dieses Staates".

Für ihn wie viele andere war es surreal, dass ihr Gastgeberland seinen Bewohnern keine Reisefreiheit gestattete, während sie sich nur deshalb aus Chile hatten retten können.

Rückkehr in die Heimat

Nach dem Mauerfall 1989 kehrten viele Chilenen in ihre südamerikanische Heimat zurück. Andere wiederum hatten sich an die Beschränkungen, die Ecken und Kanten der DDR gewöhnt, eine mehr oder weniger bescheidene Karriere gemacht, Familien gegründet und in der nun untergehenden sozialistischen deutschen Republik tatsächlich eine neue Heimat gefunden. Heute leben etwa 6.700 Chilenen in der gesamten Bundesrepublik.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "Geschichte Mitteldeutschlands" 03.09.2013 | 21:15 Uhr

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