Gesetzesänderung 1980 Gleichberechtigung: DDR und BRD im Vergleich

Vor 40 Jahren, am 25. Juni 1980, verabschiedet der Bundestag ein Gesetz über die Gleichbehandlung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz. In der DDR hat die Gleichstellung von Anfang an Verfassungsrang. In Artikel 7 der Verfassung vom Oktober 1949 heißt es: "Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben." Damit ist die DDR zu diesem Zeitpunkt schon deutlich weiter als die alte Bundesrepublik. Doch bis heute gibt es bei der tatsächlichen Gleichberechtigung – beispielsweise bei der Bezahlung – noch Handlungsbedarf.

Grafik: Mann und Frau, ausgeglichen auf einer Waage
Die volle Gleichberechtigung der Frau ist, trotz der Meilensteine in der DDR-Verfassung oder der Gleichberechtigung am Arbeitsplatz von 1980, immer noch nicht abgeschlossen. Bildrechte: Colourbox.de

Zum 50. Internationalen Frauentag verkündet Walter Ulbricht:

Im östlichen Teil haben wir genau entsprechend dem Programm, das wir im Juli 1945 verkündeten, die Gleichberechtigung der Frau verwirklicht. Und in den Thesen unseres Zentralkomitees heißt es, dass die Gleichberechtigung der Frau in der Deutschen Demokratischen Republik eine der größten Errungenschaft ist.

Gleichberechtigung heißt für die SED: die volle Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt. Auf dieses Ziel ist in der DDR alles ausgerichtet. Und Ende der 80er Jahre ist dieses Soll sogar tatsächlich erreicht: Die Erwerbsquote von Frauen liegt bei 91,2 Prozent. Weltweit einzigartig.

Gehorsamsparagraph: "Dem Manne steht die Entscheidung zu"

In der BRD hingegen geht es da noch ganz anders zu. So gibt es bis 1957 den Gehorsamsparagraphen im Bürgerlichen Gesetzbuch. Dieser stammt von 1900 und lautet: "Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu." Eine Frau, die erwerbstätig sein möchte, benötigt bis Ende der 50er Jahre also das Einverständnis ihres Gatten. Es ist dem Ehemann sogar gestattet, das Arbeitsverhältnis der Frau fristlos zu kündigen.

Doch auch mit der Abschaffung des Gehorsamsparagraphen 1957 ändert sich nur in der Theorie etwas. Im Arbeitsleben herrscht in der BRD noch lange keine Gleichberechtigung. 1976 beschließt der Rat der Europäischen Gemeinschaft einen Plan für eine neue Gesetzgebung, die bei der "Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz" helfen soll.

BRD bekommt Ermahnung von Brüsseler Kommission

Alle Mitgliedstaaten sollen sämtliche Gesetze und Vorschriften sofort aufheben, die diesem Gleichberechtigungsgrundsatz entgegenstehen. Doch in der Bundesrepublik geht die Umsetzung nur schleppend voran und "Bonn" wird 1979 von der Brüsseler Kommission gemahnt – und so kommt Bewegung in die Sache: Am 25. Juni 1980 verabschiedet der Bundestag dann ein Gesetz über die Gleichbehandlung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz.

Während in der BRD ein neues Zeitalter beginnt, haben die DDR-Frauen schon seit Jahren eine Doppelbelastung. Anna Kaminsky, Autorin des Buches "Frauen in der DDR", beschreibt diese so: "Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann ist es so, dass Frauen oft zusätzlich zu den 43 Stunden Arbeitszeit, die sie pro Woche im Durchschnitt ableisteten, weitere 43 Stunden mit Arbeiten im Haushalt, mit Einkaufen, mit Wäsche waschen, mit Wohnungputzen zugebracht haben. Das ist die berühmte zweite Schicht."

DDR: Männer und Frauen müssen gleich bezahlt werden

Trotz dieser "zwei Jobs" sind viele Frauen stolz darauf, finanziell unabhängig zu sein. Und es mutet fast visionär an, dass in der DDR-Verfassung festgeschrieben ist, dass Frauen und Männer gleich bezahlt werden müssen. Doch auch hier gilt: "Bis Ende der achtziger Jahre haben Frauen im Durchschnitt dreißig Prozent weniger verdient als Männer", so Anna Kaminsky, Geschäftsführerin Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. "Das hatte zum einen damit zu tun, dass natürlich über Jahrzehnte Frauen einen geringeren Bildungs- und Ausbildungsstand hatten als Männer. Dadurch natürlich auch weniger in leitende Stellungen aufrücken konnten, die besser bezahlt waren."

Anna Kaminsky
Anna Kaminsky Bildrechte: dpa

Und, so führt Kaminsky weiter aus: "Es gibt auch die Kehrseite dieser Medaille: dass auch viele Frauen gesagt haben, sie wollen diese Leitungsposition gar nicht, weil das mit einem verstärkten gesellschaftlichen Engagement verbunden gewesen wäre. Und dieses gesellschaftliche Engagement sah in der DDR vor, dass man vor allem zur Versammlung ging. Und viele Frauen haben gesagt, das schaffen wir gar nicht."

Gleichberechtigung bis heute nicht abgeschlossen

Doch so schön die Gleichberechtigung in der Theorie aussieht, so sehr hinkt die Praxis hinterher: In 40 Jahren DDR gibt es im Politbüro des ZK nicht ein einziges weibliches Mitglied mit Stimmrecht, in den Ministerrat schaffen es nur zwei Frauen. Denn Gleichberechtigung heißt für die SED-Funktionäre nicht politische Gleichberechtigung. Frauen sollen aus der Abhängigkeit von ihren Ehemännern befreit werden, nicht aber aus der von der Partei.

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Die volle Gleichberechtigung der Frau ist, trotz der Meilensteine in der DDR-Verfassung oder der Gleichberechtigung am Arbeitsplatz von 1980, immer noch nicht abgeschlossen. Der so genannte "Gender Pay Gap", die unterschiedliche Entlohnung von Frauen und Männern, liegt in Deutschland nach aktuellem Stand immer noch bei gut 20 Prozent. Wie das Statistische Bundesamt anlässlich des "Equal Pay Day" am 17. März 2020 mitteilt, verdienten Frauen mit durchschnittlich 17,72 Euro brutto in der Stunde 4,44 Euro weniger als Männer (22,16 Euro). 2018 hat die Differenz 4,51 Euro betragen.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR AKTUELL | Frauentag | 08. März 2020 | 21:44 Uhr

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