Botschaftsbesetzung von Prag Genschers berühmte Balkonrede - und wie sie wirklich endete

Prag, Berlin, Bonn, Moskau, New York: Im Herbst 1989 wurde das Botschaftsdrama von Prag zu einem weltpolitischen Ereignis. Auf dem von DDR-Flüchtlingen besetzten Botschaftsgelände drohte eine humanitäre Katastrophe. Es war Hans-Dietrich Genschers große Stunde - er fand, quasi in letzter Minute, eine Lösung. Seine anschließende Rede vom Balkon am 30. September 1989 ist weltberühmt - wie sie wirklich endete, wissen allerdings nur die wenigsten.

Im Sommer 1989 wurde die bundesdeutsche Botschaft in Prag - ebenso wie die westdeutschen Vertretungen in Ost-Berlin, Warschau und Budapest - zum Zufluchtsort von ausreisewilligen DDR-Bürgern. Am 19. August 1989 lebten "nur" 120 Flüchtlinge dort, täglich kamen aber weitere hinzu. Zum Schluss hielten sich mehrere Tausend Ausreisewillige auf dem Botschaftsgelände auf. Im Garten der Botschaft wurden Zelte und sanitäre Anlagen aufgestellt, sogar im Torbogen der Botschaft standen drei- und vierstöckige Betten.

Prager Botschaft platz aus allen Nähten

Die meiste Zeit verbrachten die Flüchtlinge mit dem stundenlangen Schlangestehen - an der Essensausgabe sowie vor den Duschen und WCs. Bei Regen spülte das Wasser Fäkalien aus den überlasteten Chemietoiletten. Obwohl die Prager Stadtwerke tankwagenweise Wasser lieferten und täglich Berge von Müll entsorgten, verschlechterten sich die hygienischen Bedingungen zusehends. Und dennoch wollten die Regierungen der DDR und Tschechoslowakei nicht nachgeben und die Ausreise der Botschaftsbesetzer gestatten.

Die Flucht über die Prager Botschaft

Wie ging es damals zu im Sommer 1989 auf dem Gelände der Prager Botschaft, als Tausende DDR-Bürger dort campierten, und auf ihre Ausreise in den Westen hofften? Eine Chronologie der Ereignisse in Bildern.

Auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag ist ein Zeltlager für DDR-Bürger aufgebaut
Mitte August: Die bundesdeutsche Botschaft in Prag wird ebenso wie die westdeutschen Botschaften in Ostberlin, Warschau und Budapest zum Zufluchtsort von ausreisewilligen DDR-Bürgern. Am 19. August 1989 leben rund 120 Flüchtlinge dort, täglich kommen 20 bis 50 weitere hinzu. Am 23. August muss der Botschafter Hermann Huber das Lobkowicz-Palais wegen Überfüllung für den Publikumsverkehr schließen. Bildrechte: dpa
Auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag ist ein Zeltlager für DDR-Bürger aufgebaut
Mitte August: Die bundesdeutsche Botschaft in Prag wird ebenso wie die westdeutschen Botschaften in Ostberlin, Warschau und Budapest zum Zufluchtsort von ausreisewilligen DDR-Bürgern. Am 19. August 1989 leben rund 120 Flüchtlinge dort, täglich kommen 20 bis 50 weitere hinzu. Am 23. August muss der Botschafter Hermann Huber das Lobkowicz-Palais wegen Überfüllung für den Publikumsverkehr schließen. Bildrechte: dpa
Zelte vor der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, 1989
Im Park der Botschaft werden Zelte und sanitäre Anlagen aufgestellt. Die meiste Zeit verbringen die Flüchtlinge mit dem stundenlangen Schlangestehen vor den WC. Bildrechte: dpa
DDR-Bürger klettern 1989 über den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag.
Da die ČSSR ab dem 24. August die Kontrollen an der Grenze zu Ungarn verschärft, wird die Prager Botschaft immer mehr zum Sammelpunkt für DDR-Flüchtlinge. Zeitweise halten sich bis zu 4.000 Flüchtlinge gleichzeitig auf dem Botschaftsgelände auf. Vor allem junge Menschen und junge Familien mit Kindern riskieren trotz Polizei-Streifen den Sprung über die Mauer auf das Botschaftsgelände. Bildrechte: dpa
Botschaftsflüchtlinge in Prag 1989
Nicht allen gelingt die Flucht in die Botschaft. Einige werden noch am Zaun zum Botschaftsgarten von der tschechischen Polizei zurückgehalten und die DDR zurückgebracht. Bildrechte: imago/Sven Simon
Geheimdokument der Prager Kommunisten vom 29.09.1989
29.09.1989: Die Situation wird immer dramatischer. Die tschechoslowakische Parteiführung fordert deshalb in diesem Telegramm vom 29.9.1989 die DDR auf, endlich aktiv eine Lösung herbeizuführen und schlägt vor: "Die DDR könne doch anlässlich des 40. Jahrestages ihrer Gründung eine Amnestie verkünden. […] Die DDR wird Busse zustellen und ihre Bürger […] über das DDR-Gebiet an die BRD-Grenze transportieren, dort entlassen." Bildrechte: Archiv des Auswärtigen Amtes Prag
Telegramm vom DDR-Außenminster in Prag, Ziebart, an SED-Politbüromitglieder (BStU Berlin. MfS, HA II, 32922, Bl. 5-7)
29.09.1989, 16:35 Uhr: Noch am selben Tag wird eine kurzfristige Politbüro-Sitzung einberufen, die über im Blitztelegramm von Helmut Zierbart, dem DDR-Außenminster in Prag, aufgelisteten Forderungen und Vorschläge der Genossen aus Prag berät. 29.09.1989, 17:20 Uhr: Die Krisensitzung des Politbüros dauert lediglich 20 Minuten. Das Politbüro stimmt einstimmig den Forderungen der tschechoslowakischen Genossen zu: "Dem Vorschlag, die in den Botschaften der BRD in Prag und Warschau befindlichen DDR-Bürger mit Zügen der Deutschen Reichsbahn von Prag bzw. Warschau über das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik in die BRD zu transportieren, wird zugestimmt." Bildrechte: BStU
Hans Dietrich Genscher, 30. September 1989 in Prag
30.09.1989, 18.58 Uhr: Der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist nach Prag gereist, um den Flüchtlingen die Ausreise mitzuteilen - einer der bewegendsten Tag im Leben Genschers. Bildrechte: dpa
Ausreisewillige DDR-Bürger steigen 1989 auf dem Prager Bahnhof in einen bereitstehenden Zug.
30.09.1989, 21:00 Uhr: Doch die Ausreisegenehmigung hat einen Haken: Die DDR-Flüchtlinge werden in verriegelten Sonderzügen über das Territorium der DDR in die Bundesrepublik gebracht, was bei vielen Ausreisewilligen Angst und Sorge auslöst. Noch in derselben Nacht verlässt der erste Zug mit DDR-Flüchtlinge Prag. Bildrechte: dpa
DDR-Übersiedler lesen nach ihrer Ankunft in Hof eine Zeitung, die über die Ausreise der DDR-Bürger berichtet
1.10.1989: Ankunft in der Freiheit: DDR-Übersiedler lesen nach ihrer Ankunft in Hof eine Zeitung, die über die Ausreise der DDR-Bürger berichtet. Bildrechte: dpa
Vor der bundesdeutschen Botschaft in Prag warten  am 4. Oktober 1989 DDR-Bürger, die in die Bundesrepublik ausreisen möchten
4.10.1989: Nachdem sich am 1. Oktober die Botschaft geleert hatte, setzte eine zweite Ausreisewelle ein. Erneut fanden sich Tausende Ausreisewillige ein. Am 4. Oktober wurden über 5000 DDR-Bürger im Gelände, weitere 2000 davor gezählt. Auch sie dürfen in verriegelten Sonderzügen in die Bundesrepublik ausreisen. Am Dresdener Hauptbahnhof kommt es in der Nacht zum 5. Oktober zu einer Straßenschlacht zwischen Ordnungskräften und etwa 10.000 Demonstranten, die auf die Flüchtlingszüge aufspringen wollen. Bildrechte: dpa
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DDR-Außenminister will sich Zeit lassen

Eine Lösung bahnte sich erst auf internationalem Parkett an. Am 25. September 1989 begann in New York die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Außenminister Hans-Dietrich Genscher vertrat die Bundesrepublik Deutschland und nutzte die Gelegenheit, um das Thema der Botschaftsflüchtlinge mit dem DDR-Außenminister Oskar Fischer zu bereden. Genschers langjähriger Büroleiter Frank Elbe, damals "vortragender Legationsrat", erinnert sich:

Der DDR-Außenminister hörte uns zwar zu, und versprach auch etwas zu tun, wollte die Frage aber erst nach der Rückkehr in die DDR aufgreifen. Das wäre dann eine Woche später gewesen. Und deswegen war die Reaktion von Herrn Fischer in einem hohen Maße unbefriedigend, denn uns erreichten inzwischen Nachrichten, dass die Botschaft überlaufe, dass die Statik des Gebäudes es nicht hergeben würde, noch mehr Personen aufzunehmen und dass die Gefahr einer Entwicklung von Seuchen bestehe.

In dieser Situation habe Genscher spontan entschieden, die Sache mit dem sowjetischen Außenminister zu besprechen, erinnert sich Frank Elbe. Sofort habe er sich mit dem Büro von Schewardnadse in Verbindung gesetzt. "Zu unserer sehr freudigen Überraschung, bekamen wir den Termin, schon 20 Minuten später", so Elbe.

Genscher fährt mit Blaulicht zum "Großen Bruder"

Hans-Dietrich Genscher schilderte die Situation in New York immer mit einem Schmunzeln: "Schewardnadse ließ einen anderen Außenminister warten und bat mich sofort in die sowjetische Botschaft zu kommen. Das war insofern noch unter ganz einzigartigen Umständen, als unsere Fahrzeuge nicht vor dem Hotel standen, so dass schließlich Herr Elbe und ich in einen Polizeiwagen der Verkehrspolizei von New York stiegen und mit Blaulicht und Sirene vorfuhren vor der sowjetischen Botschaft. Das war wahrscheinlich auch noch nicht dagewesen. Und ich sagte, 'die Zahl steigt immer weiter an, die Lage wird unerträglich.' Und da sagte Schewardnadse: 'Sind Kinder dabei?' Und ich sagte: 'Viele!'. Und er sagte: 'Ich helfe Ihnen!'" Das war am Donnerstag.

DDR-Bürger klettern 1989 über den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag.
Ausreisewillige DDR-Bürger klettern über den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Im September 1989 ist das Botschaftsgelände so überfüllt, dass eine humanitäre Katastrophe droht. Bildrechte: dpa

Und tatsächlich: Mit sowjetischer Hilfe kam endlich Bewegung in die Sache. Am Freitag, 29. September 1989, feierte das Politbüro der SED in der Deutschen Staatsoper Berlin den 40. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China. Am Rande des Festaktes traf sich Erich Honecker mit den Mitgliedern des Politbüros. Zwischen 17:00 und 17:20 Uhr gab das Führungsgremium der SED zu Protokoll:

  1. Dem Vorschlag, die in den Botschaften der BRD in Prag und Warschau befindlichen DDR-Bürger mit Zügen der Deutschen Reichsbahn von Prag bzw. Warschau über das Territorium der DDR in die BRD zu transportieren, wird zugestimmt. Der Minister für Auswärtige Angelegenheiten wird beauftragt, zur entsprechenden Zeit eine Mitteilung zu veröffentlichen.
  2. Der BRD-Regierung wird anheimgestellt, sich dafür einzusetzen, daß die weitere Aufnahme von DDR-Bürgern in die BRD-Botschaften im Ausland nicht gestattet wird.
  3. Über diesen humanitären Akt der Regierung der DDR ist ein Kommentar in der Presse in Rundfunk und im Fernsehen zu veröffentlichen.

Hans Dietrich Genscher, 30. September 1989 in Prag
Am Abend des 30. September 1989 kommt Bundesaußenminister Genscher mit der erlösenden Botschaft in Prag an. Bildrechte: dpa

Die Rede vom Balkon der Botschaft ...

Inzwischen flog BRD-Außenminister Hans-Dietrich Genscher von New York zurück nach Bonn und von dort weiter in die Tschechoslowakei. Am Abend des 30. Septembers erreichte die Bonner Abordnung das Palais Lobkowicz – den Sitz der Bonner Botschaft in Prag. Der Außenminister hielt seine Rede, die wohl berühmteste Rede der Weltgeschichte mit einem unvollendeten Satz. Nur wenige wissen allerdings, dass die Rede an dieser Stelle nicht zu Ende war.

Ich darf Sie im Namen der Bundesregierung begrüßen. (Jubel) Sie werden mir erlauben, dass ich den Hallensern unter ihnen einen besonderen Gruß ... (Jubel) Ich bin zu Ihnen gekommen - (Zurufe im Publikum: 'Ruhe!' , 'Lauter!') - Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." (Jubel).

Hans-Dietrich Genscher, 1989 Außenminister der BRD

Der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (unter dem Fensterkreuz rechts) steht am 30.09.1989 mit anderen Politikern auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag.
Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (unter dem Fensterkreuz rechts) auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag Bildrechte: dpa

... und wie Genschers Rede wirklich endete

Genschers damaliger Büroleiter Frank Elbe gehörte zu den Augen- und Ohrenzeugen: "Wir kennen alle nur das Bild, von der Jubelszene, von dem nahezu unbegreiflichen Freudenausbruch, als Herr Genscher verkündet hat, dass ihre Ausreise bevorsteht. Niemand hat die Szene miterlebt, am Fernsehschirm später, als Herr Genscher den Flüchtlingen eröffnen musste, das sie mit den Zügen noch mal durch die DDR fahren müssten." Als Genscher nämlich erklärte, dass die Züge durch die DDR fahren würden, gab es keine Zustimmung, sondern tiefe Sorge und Ablehnung bei den Flüchtlingen in Prag.

Da gab es einen hellen Aufschrei, ein tausendkehliges: 'NEIN!'

Frank Elbe, Genschers Büroleiter 1989

Genscher habe die ganze Kraft seiner Persönlichkeit zur Geltung gebracht, und eindringlich gesagt, dass er auch aus eigener Erfahrung spreche, dass er die Menschen verstehen könne, da er diesen Weg auch einmal gegangen sei, erinnert sich der damalige Büroleiter des Bundesaußenministers. "Diese sehr eindringliche Rede von Hans-Dietrich Genscher wirkte dann vertrauensbildend, und danach war im Grunde genommen alles klar." In Sonderzügen, begleitet von hohen bundesdeutschen Beamten, fuhren die Botschaftsbesetzer über Dresden und durch das Vogtland in die Freiheit nach Bayern.

Ausreisewillige DDR-Bürger steigen 1989 auf dem Prager Bahnhof in einen bereitstehenden Zug.
Anfang Oktober 1989: Ausreisewillige steigen in einen Zug, der sie in den Westen bringt. Bildrechte: dpa

Die Botschaft von Prag

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Thüringenjournal: 30 Jahre Deutsche Einheit | 02. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

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