Mit den Digedags auf Reisen

Das Mosaik war nicht nur ein Comic, in dem drei lustige Kobolde Abenteuer erlebten. Das Mosaik war unser Tor zur Welt. Wir reisten mit den Digedags in Länder, die für uns unerreichbar waren, nach Amerika oder Italien.

Es war eine Sucht. Wer einmal in den Besitz eines "Mosaiks" gelangte, wurde zum "Wiederholungstäter". Selten lag das sogenannte "Mosa" in den Auslagen des Zeitungskiosks. Warum auch, die Auflage reichte sowieso nicht für alle "Bedürftigen". Es war jedes Mal eine Zitterpartie. Auf meine  Frage: "Gibt es schon das neue Mosaik?" gab es drei Antworten. Die glückliche Variante war, die Verkäuferin bückte sich, kam wieder nach oben und knallte mir wortlos das Heft auf den Tresen. Doch meist fertigte sie mich mit einem: "Noch nicht!" ab, was in sich die Unsicherheit barg, das sie log und mich für unwürdig hielt, das Heft zu empfangen. Am Schlimmsten aber war die Antwort: "Ausverkauft!", denn das bedeutete, dass ich mich sofort in allen umliegenden Zeitungsverkaufsstellen auf die Suche machen musste.

Das Mosaik - unser Tor zur Welt

Das Mosaik war nicht einfach nur ein Comic, in dem lustig gezeichnete Figuren Abenteuer erlebten. Das Mosaik war unser Tor zur Welt. Wir reisten mit den Digedags in Länder, deren Grenzen uns im wirklichen Leben verschlossen blieben. Wir sahen den Orient, die Türkei, Italien, Amerika. Wir reisten in die Zukunft, in die Vergangenheit und wieder zurück. Unsere sozialistische Gegenwart war keine Reise wert und fehlte uns auch nicht. Doch dieser fehlende "Realitätsbezug" hätte beinahe das Aus für das Mosaik bedeutet. Nach nur 37 Ausgaben war bereits das Abschiedsheft entworfen worden. Auf dem Titelblatt vom Dezember-Heft des Jahres 1959 stand in großen weißen Buchstaben auf rotem Grund: "Letzte Ausgabe". Und auf der Rückseite verließen die weinenden Dig und Dag das Bild.

Liebe Leser! Mit diesem Heft stellt Mosaik sein Erscheinen ein. Wir danken Euch für Eure Begeisterung, die Ihr immer unseren Abenteuern entgegengebracht habt. Es verabschieden sich herzlich Eure Digedags

Welch ein Drama wäre das gewesen! Das Mosaik eingestellt, bevor ich es überhaupt kennenlernen durfte! Die Erfinderserie wäre jäh unterbrochen worden, keine Reise ins Weltall, keine Reise ins Urmeer und die Erfindung der Postrakete hätte nie stattgefunden! Und niemals wäre ich mit Dig, Dag und Ritter Runkel nach Venedig gereist!

Stellt euch vor, ihr hättet Schwingen wie ein Vogel und schwebtet über die blauen Wogen der Adria der Küste Italiens zu. Und denkt euch, ihr höret von fernher ein melodisches Klingen, das sich beim Näherkommen als das Geläut von vielen Glocken herausstellt. Ihr fliegt dem Schalle nach und seht vor euch aus dem Dunst, der über dem Meer liegt, eine Märchenstadt auftauchen, deren viele hundert Türme mit gold- und silberglänzenden Dächern dieses Geläut aussenden.

Im Mosaik war alles möglich

Unserer Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Im Mosaik sah ich zum ersten Mal den Markusplatz mit dem Campanile, dem Dom und den Dogenpalast. Und selbst verständlich habe ich, wie viele andere Kinder auch, bei dem Wort "Doge" an einen Hund gedacht und mich gewundert, wieso in Italien ein Hund eine Stadt regieren durfte. Aber andere Länder andere Sitten und außerdem: Im Mosaik war alles möglich.

Kaum hatte ich Zeit, mir das Wort "Lagunenstadt" auf der Zunge zergehen zu lassen, musste ich mich schon wieder mit Ritter Runkel und seinen Knappen Dig und Dag ins Getümmel stürzen. Ich liebte Ritter Runkel, den Tollpatsch, dem alles schief ging, und der dabei doch immer ein Held war. Und ich war  fast ein wenig traurig, als er, Dank der Digedags, nach vielen Abenteuern zum Grafen gekrönt und mit seiner Adelhaide seßhaft wurde.

Als Trost wurde mir versprochen: Wieder werden die Digedags im Buch ihres abenteuerlichen Lebens blättern und ein Kapitel aufschlagen, das sie in einer neuen Welt erleben.

"Die Digadags in Amerika", hieß diese neue Staffel, die ich übrigens bis heute fast lückenlos besitze. Ein Stapel zerlesener Hefte, die mein Amerikabild  geprägt haben.

In Amerika und Istanbul

Mosaikheft von Hannes Hegen
Mosaikheft Bildrechte: IMAGO

Im ersten Heft, das "Karneval in New Orleans" hieß, sah ich Bilder von prächtigen Schaufelraddampfern, die gemächlich den Mississippi entlang zogen. Es war um 1860. Die Digedags hatten soeben eine Anstellung  als Reporter beim "New York Magazin" bekommen und sollten über eine Karnevalsfeier auf dem Schaufelraddampfer "Louisiana" berichten. Und  wie könnte es anders sein, kamen sie sofort mit der Pressefreiheit in Konflikt: "Einmal wird uns gesagt, wir sollen übertreiben, Sensationen erfinden. Macht man’s ist es verkehrt. Wir sollen uns mehr an die Wirklichkeit halten, heißt es dann. Gut. Kommen wir aber mit Tatsachen, gibt’s wieder Krach."

Viel scheint sich bis heute nicht geändert zu haben. Oder war das "Mosaik" seiner Zeit weit voraus? Das letzte Heft in meinem Bestand ist das Heft 218 aus dem Jahr 1975 und auch hier bieten sich überraschende Parallelen zu heutigen Ereignissen. Auf einem fliegenden Teppich gelangten die Digedags nach Istanbul und wurden in den Palast des Sultans geladen. Doch schnell schlug die überschwängliche Gastfreundschaft des Sultans, der sich für den fliegenden Teppich interessierte, in Bedrohung um: Ihr habt mich mit euer Erfindung ins Unglück stürzen wollen! Dafür sollt ihr bei Wasser und Brot in den Türmen des Schweigens büßen! Damit meinte er das berüchtigte Staatsgefängnis am Bosporus. Wer hinter seinen dicken Mauern verwand, über den breitete sich Schweigen aus. Die Digedags entkamen selbstverständlich dem herrschsüchtigen Sultan. Darin zeigt sich der Unterschied zur heutigen Realität.

Einmal Mosaik, immer Mosaik

Ach, Realität: Nach Heft 223 war dann doch endgültig Schluss. Ich war bereits siebzehn und dennoch traf es mich hart. Es folgten die Abrafaxe, die – Entschuldigung an alle Abrafax-Freunde – den Digedags weder das Wasser noch den Wein reichen konnten. Für mich galt: einmal Mosaik, immer Mosaik.

Hannes Hegen
Nachdem es 1975 zum Bruch zwischen Verlag und „Digedag-Vater“ Hannes Hegen gekommen war, wurde Lothar Dräger zum geistigen Vater der Abrafaxe. Bildrechte: IMAGO

Und nicht nur für mich. Als eine Kollegin, die straff auf die 60 zuging, vor einiger Zeit das erste Mal nach New Orleans fuhr, fragte ich sie nach ihrer Rückkehr: "Und hast Du auf dem Mississippi Schaufelraddampfer gesehen?" - "Ja", sagte sie und lächelte glücklich, "genau wie im Mosaik."

(zuerst veröffentlicht am 08.09.2017)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV: Das Geheimnis der Digedags - Kult-Comic aus der DDR | 01.08.2017 | 22:15 Uhr

Osteuropa

Eine blonde Frau vor dem Bild zweier Trickfilmfiguren 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK