Zum aktuellen Thema "Spargelernte" Ernteeinsatz: Von der Uni aufs Land

Wenn in der DDR die Ernte vom Feld musste, war jede helfende Hand gefragt. Jahr um Jahr wurde vor allem die Jugend zur Arbeit auf Äckern der Republik verpflichtet – nicht selten mit eher mäßiger Begeisterung. Doch für manche war der Abstecher aufs Land auch eine durchaus bereichernde Erfahrung – so wie für Bernd Windisch, bei dem noch heute ein Kartoffelnetz aus dem Supermarkt schöne Erinnerungen weckt.

Als gebürtigem Vogtländer ist Bernd Windisch die Erntearbeit schon früh vertraut. Bereits als Schüler hilft der 1944 geborene spätere Werbeökonom den Bauern in seiner Heimatgegend. In der 9. Klasse meldet er sich schließlich zu seinem ersten Ernteeinsatz im Norden der Republik. In der Region Mecklenburg sammelt er seine ersten Kartoffeln und muss gemeinsam mit einem Freund Kälberställe ausmisten. Doch die harte Arbeit schreckt ihn nicht ab und so wird er auch später noch bereitwillig seinen Beitrag leisten.

Erntehelfer dringend gesucht

Erntehelfer wie Windisch werden in der gesamten DDR-Zeit dringend benötigt – denn wie überall im SED-Staat fehlen auch in der Landwirtschaft viele Arbeitskräfte. Diese werden jährlich im Sommer und Herbst aus den verschiedensten Bevölkerungsgruppen rekrutiert – Studenten und Schüler werden ebenso herangezogen wie Soldaten, Beamte oder sogar Hausfrauen. Der Einsatz auf den Feldern wird vom Arbeiter- und Bauernstaat natürlich ausführlich propagiert und gepriesen. Verpflichtend sind die entsprechenden Aufrufe zwar oft nicht, aber doch letztlich ein "freiwilliges Muss" – weil ohne triftige Entschuldigung Nachteile drohen.

Drei Wochen Kartoffeln sammeln

Auch Bernd Windisch ist gut beraten, dem Aufruf seiner Uni zu folgen, als er im Herbst 1964 sein Studium der Werbung und Gestaltung in Ost-Berlin beginnen will und zuvor noch drei Wochen lang nahe der Müritz Kartoffeln sammeln soll – allerdings tut er sich damit auch nicht schwer. "Es war so, dass man sich eigentlich beweisen durfte und sollte. Man sollte bei so einem Ernteeinsatz zeigen, dass man eigentlich auch etwas geben möchte – nicht nur nehmen durch das Studium, sondern auch bereit war etwas zu geben."

Ländliche Gastfreundschaft

Nach der Zugfahrt über Ost-Berlin kommt Windisch im Herbst 1964 mit seinen zukünftigen Kommilitonen in Waren im Bezirk Neubrandenburg an – wo man die angehenden Werbeleute freundlich empfängt. Wie viele jugendliche Erntehelfer bringen auch sie Leben aufs Land. Dort werden sie in zum Teil recht rustikalen Unterkünften einquartiert – manche von ihnen sogar auf Stroh gebettet. Bernd Windisch kommt zusammen mit einem Mitstreiter im Haus einer gewissen "Mutter" Baltrusch unter, die er bis heute nicht vergessen hat.

"Mutter Baltrusch war körperlich behindert – sie ist am Stock gelaufen, war gekrümmt. Man hat ihr die Last des Alters und des Lebens angesehen. Diese Frau hat ein Leben gelebt, was uns dann zutiefst beeindruckt hat: Krieg, Flucht, Entbehrung, der Mann gestorben, die Kinder weg – also es war ein Leben voller Mühsal. Wir hatten dann mit der Frau mehrere Gespräche und sie war richtig erleichtert, das mal jemand erzählen zu dürfen. Das war natürlich für uns auch beeindruckend", erinnert sich Windisch.

Von früh bis spät nur Kartoffeln

Beeindruckend sind für Windisch dann auch die schier endlosen Kartoffeläcker der Region, die er nun von früh bis spät mit seinen Kameraden aberntet. Trotz des anstrengenden sammelns mit Bücken in den Furchen ist die Stimmung meist recht gut – der Ernteeinsatz wird die angehende Seminargruppe zusammenschweißen. Nach getaner Arbeit bleibt sogar noch die Kraft zum abendlichen Singen in der Dorfkneipe oder einem nächtlichen Nacktbaden. Bis auf Letzteres dokumentieren die jungen Leute fast alle ihre Erlebnisse mit der Exa-Kamera des begeisterten Hobbyfotografen Windisch.

Ein Gewinn für beide Seiten?

Für die drei Wochen Feldeinsatz bekommen die Studenten nach Windischs Erinnerung zwischen 200 und 300 Mark Vergütung – ein netter Zuverdienst für das Studentenleben in der Hauptstadt. In den gut vier Jahrzehnten DDR bessern wohl Hunderttausende junge Leute so ihre Finanzen auf und greifen der heimischen Landwirtschaft unter die Arme – eine scheinbare Win-Win-Situation. Allerdings nicht für diejenigen, die zu den Ernteeinsätzen regelrecht verdonnert wurden.

Bereichernde Erfahrung

Bernd Windisch jedenfalls blickt heute vor allem mit positiven Gefühlen auf seine Einsätze als Erntehelfer zurück, denn er hat damals Freundschaften geschlossen, die bis heute halten, und möchte auch die Erfahrungen vor Ort nicht missen. "Ich denke, es hat keinem geschadet, dass er eben so ein Erlebnis hatte mit der Natur, mit der Bevölkerung und auch mit der Kartoffelernte oder mit der Landwirtschaft insgesamt."

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Radio: MDR THÜRINGEN | 20. April 2020 | 18:37 Uhr