Schutz gegen Coronavirus Impfen: Die Geschichte vom Pieks

Das Coronavirus und die weltweit intensive Suche nach einem Impfstoff sind derzeit in aller Munde. Geimpft wird schon seit mehr als 220 Jahren. Die erste moderne Impfung gelang einem englischen Glückspilz. Zu DDR-Zeiten sollten Impfungen die angebliche Überlegenheit des Sozialismus beweisen. Heute ist das Thema aktueller denn je.

Illustration einer Krankenschwester, die ein Pflaster auf den Arm eines Mädchens klebt
Bildrechte: IMAGO

Piiiecks, war doch gar nicht so schlimm. Zu DDR-Zeiten hatte Impfen Hochkonjunktur, war Staatsangelegenheit und nicht zuletzt Mittel der Politik: Die durchgeimpfte und gesunde Bevölkerung sollte die Überlegenheit des sozialistischen Systems zeigen. So mussten DDR-Bürger bis zum 18. Lebensjahr eine ganze Reihe von Pflichtimpfungen über sich ergehen lassen – bis zu 20 Mal wurden sie gepiekst. In der Bundesrepublik gab es hingegen nur einen einzigen, gesetzlich vorgeschrieben Stich, nämlich den gegen Pocken. Und sogar diese Pflichtimpfung wurde Mitte der 1970er-Jahre wieder abgeschafft, weil die Krankheit besiegt war.

"Man hat damals in der BRD immer auf Freiwilligkeit gesetzt, wie heute auch. Erst kürzlich wurde die Masern-Impfpflicht eingeführt, aber eher indirekt. Es gibt keinen Zwang, aber wer sein Kind in die Kita schicken möchte, muss es impfen lassen. Die DDR war da direkter. Der sozialistische Mensch sollte schließlich geschützt werden", so Prof. Karl-Heinz Leven, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in Erlangen.

Wettkampf der Systeme

Geimpft wurde in der DDR gegen Pocken, Kinderlähmung, Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, Tuberkulose und ab den 1970er-Jahren auch gegen Masern. Mit der gesetzlichen Impfpflicht seit den 1950er-Jahren hatte die DDR enormen Erfolg: Die Krankheitszahlen sanken rapide, besonders spektakulär beim Kampf gegen Kinderlähmung. Während 1960 im Westen noch Polio-Epidemien wüteten, war die zentral verwaltete DDR-Gesellschaft seit 1958 zu großen Teilen dagegen immunisiert. "Das waren also sinnvolle gesundheitspolitische Maßnahmen. Über die 'organisierten' Impfungen in Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen waren viele Eltern zudem auch froh, weil sie sich nicht selbst darum kümmern mussten", so Prof. Caris-Petra Heidel, Direktorin des Instituts für Geschichte der Medizin in Dresden.

Ein Impfausweis, wie er zu Zeiten der DDR üblich war.
DDR-Impfausweis Bildrechte: dpa

Im Sommer 1990 beklagte sich daher der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Kinderärzte, Dr. Werner Schmidt aus Regensburg: Durch die Impfpflicht in der DDR seien fast alle Kinderkrankheiten wie Masern, Keuchhusten und Kinderlähmung ausgerottet worden. In der Bundesrepublik müssten sich die Ärzte dagegen mit vermeidbaren Erkrankungen wie den Masern noch immer regelmäßig herumschlagen. Allerdings geriet die DDR seit Ende er 1970er-Jahre immer mehr ins Hintertreffen. So gelang es nicht mehr, Mehrfachimpfungen zu entwickeln, wie es die großen Pharmariesen im Westen vormachten. Auch der Impfstoff versagte immer häufiger, weil die Apparaturen in der Produktion veraltet waren.

Am Anfang standen "Pockenparties"

Prof. Dr. Karl-Heinz Leven, Lehrstuhl für Geschichte der Medizin der FAU.
Prof. Karl-Heinz Leven, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in Erlangen Bildrechte: FAU/David Hartfiel

Die Geschichte des Impfens beginnt fernab von Deutschland: Und zwar in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches. "So gibt es 1717 Berichte von der Frau des britischen Botschafters, Lady Mary Wortley Montagu, die in Konstantinopel Pockenparties mit Kindern kennen lernte und London davon berichtete. Das war eine Art volksmedizinische Praxis, ohne Beteiligung von Ärzten. Da wurden die Pocken von einem Kind auf das andere übertragen", so der Medizinhistoriker Prof. Karl-Heinz Leven. Es habe sich um eine Art kontrollierte Pockeninfektion gehandelt, bei der die Kinder eine vergleichsweise leichte Pockenerkrankung bekommen hätten – nicht die viel gefährlicheren wilden Pocken mit einer Todesrate von 25 Prozent.

Überliefert ist auch, dass Impfungen schon früh in Indien und China gebräuchlich waren. So sollen die Chinesen vor rund 2.000 Jahren Körpersekrete von Infizierten eingenommen haben, um sich vor Erkrankungen zu schützen. Historisch fassbar werde es jedoch erst mit den Briefen von Lady Wortley Montagu im frühen 18. Jahrhundert, so Prof. Leven. Sie war von der Methode so überzeugt, dass sie ihre Kinder auf diese Weise behandeln ließ. Denn sie selbst kannte die Schwere einer Pockeninfektion. Nachdem sie die Krankheit 1715 überlebt hatte, blieb ihr Gesicht mit Narben bedeckt.

Europäische Ärzte übernahmen schließlich die Methode der "Variolation" (lat. "variola" für Pocken). Eine Zeit lang war sie relativ populär, vor allem in Großbritannien. Auch Zarin Katharina die Große ließ sich sowie ihre Söhne und Enkel nach dieser Methode impfen. Auf lange Sicht setzte sie sich dennoch nicht durch. Denn die Behandlung hatte erhebliche Nebenwirkungen: Die infizierte Person war ansteckend und immerhin starben an den Impfpocken noch zwei Prozent der Geimpften.

1796: Das Zeitalter der modernen Impfung beginnt

Die erste "moderne" Impfung wird dem englischen Arzt Edward Jenner zugeschrieben. Als Landarzt wusste er von den umliegenden Bauern, dass sie keine Milchmägde einstellten, die nicht schon als Kind Pocken hatten. Denn wann immer die Kuhpocken grassierten, eine Krankheit der Kühe, infizierten sich die Mädchen, die noch keine Pocken hatten. Sie bekamen Fieber und konnten nicht mehr arbeiten.

Edward Jenner (1749-1823) English physician.
Edward Jenner (1749-1823): Er impfte 1796 einem Jungen abgeschwächte Krankheitserreger. Dessen Immunsystem entwickelte darauf Abwehrstoffe. Die moderne Impfung war geboren. Bildrechte: IMAGO

"Das erkannten die Bauern. Und Jenner hat das Gegenteil vermutet: Dass man durch die Kuhpocken auch vor den Pocken geschützt ist. Und dann hat er es nach einer strengen Systematik ausprobiert", erklärt Prof. Leven. Um seine Vermutung zu überprüfen, testete Jenner die Impfung an dem gesunden achtjährigen Jungen seines Gärtners: ritzte die Haut des Jungen und infizierte die Wunde mit dem Sekret einer erkrankten Melkerin. Der Junge wurde, wie von Jenner erhofft, krank.

[Ihn befiel] leichter Frost, er verlor den Appetit und hatte geringen Kopfschmerz. Während des ganzen Tages war er offensichtlich krank und verbrachte die Nächte in Unruhe, doch am nächsten Tage fühlte er sich wiederum wohl.

Edward Jenner

Als er wieder gesund wurde, folgte der riskantere Teil des Experiments. Jenner infizierte den Jungen auf die gleiche Weise mit Menschenpocken. Doch das Kind blieb von der Krankheit verschont, sein Körper hatte offensichtlich bereits eine Abwehr gegen das Virus aufgebaut. Die Pockenschutzimpfung war erfunden. Das Ergebnis veröffentlichte Jenner zwei Jahre später in seinem Bericht über die "Kuhpockenimpfung" – beziehungsweise die "Vakzination" (vom lateinischen "vacca", die Kuh). Daraus leitet sich heute der englische Begriff für Impfungen aller Art ab: "vaccination".

Jenner ist der Glückspilz der Medizingeschichte. Er hat Kinder mit Pocken infiziert und es ist nie etwas passiert. Sensationell war auch, dass er gemerkt hat, dass es der große Wurf war. Er sagte: 'Mit meiner Methode rotten wir die Pocken aus.' Er hatte Recht, es dauerte jedoch noch 200 Jahre.

Prof. Karl-Heinz Leven Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in Erlangen
Sechs sternförmig angeordnete Spritzen mit Kanüle
Bildrechte: imago/Medicimage

In Zahlen Kaum eine Seuche hat so viel Schrecken verbreitet wie die Pocken, vor allem im 17. und 18. Jahrhundert. Allein in Europa starben 60 Millionen Menschen. Die Krankheit führte in 40 Prozent der Fälle zum Tod. Nach einer großen Impfkampagne erklärte die WHO die Welt 1979 offiziell als pockenfrei.

Jenner: Einzigartig in der Medizingeschichte

"Jenner hat die beste Impfung aller Zeiten und Völker erfunden – bis heute. Die Vakzination ist bis heute die einzige Impfung, die dazu führte, dass eine Krankheit ausgerottet wurde. Das ist auch mit der Polio-Impfung noch nicht gelungen", so Prof. Leven. Dabei konnte Jenner zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wissen, was er da überhaupt machte.

Eine Familie geht am 26.3.1967 in Hannover zur Pockenschutzimpfung
Pockenschutzimpfung 1967 in Hannover Bildrechte: dpa

"Er ist empirisch vorgegangen. Aber er hatte keine Vorstellung vom Virus der Pocken. Denn erst 1930, 134 Jahre nach Jenner, konnten Viren zum ersten Mal dargestellt werden. Jenner glaubte, er habe es mit einem Gift zu tun, das er übrigens als 'virus' bezeichnete. Dass dabei Krankheitserreger im Spiel waren, wusste er nicht", erklärt der Historiker aus Erlangen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte man, dass Infektionskrankheiten von Kleinstlebewesen, Bakterien, hervorgerufen werden. Der Nachweis von Viren sollte erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelingen.

Erfolge und Rückschläge

Caris-Petra Heidel
Prof. Caris-Petra Heidel, Direktorin des Instituts für Geschichte der Medizin in Dresden Bildrechte: Caris-Petra Heidel

Seit dem Experiment des englischen Landarztes Jenner haben Impfungen weit verbreitete Erkrankungen stark reduziert, wie Pocken, Polio oder Tetanus. Letztere Impfung spielte beispielsweise während des Ersten Weltkrieges eine wichtige Rolle. Darauf verweist die Medizinhistorikerin Prof. Caris-Petra Heidel aus Dresden: "So erwies sich die effektive Prophylaxe gefürchteter Seuchen auch im militärischen Kontext als strategischer Vorteil."

Impfungen etwa gegen Grippe und Hepatitis B sind mittlerweile Standard. Moderne Impfstoffe sind gut verträglich und unerwünschte Nebenwirkungen werden nur in seltenen Fällen beobachtet. Doch es gibt nicht nur Grund zum Jubeln. Denn in vielen Regionen der Erde flammen längst besiegt geglaubte Infektionskrankheiten wieder auf. Jüngst schlug die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das UN-Kinderhilfswerk Unicef wegen der Ausbreitung der Masern Alarm. 2018 stieg die Zahl der gemeldeten Infektionen laut WHO im Vergleich zu 2017 um 50 Prozent. Weltweit starben 136.000 Menschen daran.

Impfquoten in Ostdeutschland höher als im Westen

Eine Person bekommt eine Spritze, die Nadel dringt in die Haut am Oberarm ein.
Bildrechte: Colourbox.de

Beim Impfen gibt es auch in Deutschland noch viel Luft nach oben. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse aus dem vergangenen Jahr lässt sich nur jeder zehnte Bundesbürger gegen Grippe impfen. So waren in der Saison 2017/2018 bei den über 60-Jährigen, für die die Impfung ausdrücklich empfohlen ist, bundesweit auch nur rund ein Drittel (33,4 Prozent) geimpft. Das EU-Ziel, 75 Prozent der älteren Menschen gegen Grippe zu impfen, wurde damit deutlich verfehlt. Insgesamt sind die Impfquoten im Osten jedoch deutlich höher als in Westdeutschland.

Wie ein neuer Impfstoff entwickelt wird

Heute sucht man unter Hochdruck nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus, weltweit in mehr als 50 Projekten. Doch das Warten wird wohl noch mindestens bis zum Ende des Jahres andauern. Mit dieser Zeitspanne rechnet Bundesforschungsministerin Anja Karliczek. Denn der Weg von einem Erreger zu einem zugelassenen Impfstoff ist lang.

Eine Frau in Schutzkleidung hält ein kleines Flächschen.
Bildrechte: MDR/MCS Grafik

Normalerweise wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, an einem Impfstoff gearbeitet, die Forschung verschlingt mehrere Hundert Millionen Euro: von der Analyse über den Aufbau und die Beschaffenheit des Impfstoffs über Tests an Zellkulturen, Tieren und Menschen bis hin zur Zulassung. "Aber das Entscheidende ist erstens: Wirkt der Impfstoff zuverlässig oder nur manchmal? Und: Ist der Impfstoff unschädlich? Man stelle sich eine Massenimpfung bei Kindern vor, für die das Coronavirus vergleichsweise harmlos ist. Die Impfung darf zum Beispiel bei Kindern keinen Impfschaden verursachen, auch daran muss man denken", so Prof. Leven.

Für die Suche nach einem Impfstoff ist es zudem von enormer Bedeutung, wie relevant die Ergebnisse der Öffentlichkeit erscheinen: "Erst als Tuberkulose in den führenden Industrieländern grassierte, wurde alles daran gesetzt, einen Impfstoff zu entwickeln, obwohl es die Krankheit schon längst in außereuropäischen Ländern gab", so die Dresdner Medizinhistorikerin Heidel. Bei dem Coronavirus ist das allerdings anders.

Coronavirus: "historisch einzigartig"

Schon heute ist klar, dass es solche weltweiten Quarantänemaßnahmen, wie bei dem aktuellen Coronavirus, noch nie gegeben hat. In dieser Hinsicht sei das Virus einzigartig, erklärt Prof. Leven: "In der jüngeren Zeitgeschichte gab es das noch nie. Es gibt natürlich ein paar Pandemien, wie Aids, wo seit fast 40 Jahren weltweit an einem Impfstoff geforscht wird, oder Ebola, wo etwas gefunden wurde, aber in dieser Intensität ist das ganz neu."

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Aktuell | 06.04.2020 | 17.45 Uhr

(me/DPA)