Coronavirus und Hygiene Heute schon gewaschen? Kleine Geschichte der Reinlichkeit

Solange es noch keinen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt, ist Hygiene die stärkste Waffe im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Nichts geht über Händewaschen. Doch seit wann machen wir das eigentlich, wie und wieso? Ein Blick zurück in die Geschichte der Hygiene.

Restaurierte Fresken von Dienern, die Amphoren tragen auf den Südpropyläen, im Palast von Knossos auf der griechischen Insel Kreta
Hygiene in der Antike: Fresken im Palast von Knossos auf der griechischen Insel Kreta Bildrechte: dpa

Täglich schrubben wir uns frisch uns sauber. Der Wunsch, gesund und gepflegt zu sein, ist wohl so alt wie die Menschheit – "quasi ein natürlicher Reflex", erklärt Prof. Thomas Schnalke, Medizinhistoriker und Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité. Die Frage sei jedoch, ab wann wir das bewusst aus hygienischen Gründen machen.

Öffentliche Klos seit den Römern

Blick auf die wieder ausgegrabene antike Bedürfnisanstalt (latrina publica) in Ostia Antica, der einstigen römischen Hafenstadt.
Ausgegrabene antike Bedürfnisanstalt (latrina publica) in Ostia Antica Bildrechte: dpa

Bereits vor dreieinhalbtausend Jahren legten sich die Griechen Wasserleitungen ins Haus. Und im Palast von Knossos auf Kreta wurde komfortabel gebadet. Auch die Römer hatten vor zweitausend Jahren eine hoch entwickelte Reinlichkeitskultur. In den Badehäusern säuberte man sich mit parfümierten Ölen und einem Schaber, dem sogenannten Strigilis. Sogar öffentliche Toiletten gab es damals. In Ostia Antica, der antiken Hafenstadt von Rom, wurde gemeinsam das Geschäft verrichtet – in Reih und Glied, recht hygienisch mit Wasserspülung.

Öffentliche Thermalbäder sind sogar zu einem Synonym der römischen Kultur in der Antike geworden – überall dort, wo die alten Römer auftauchten, wurden auch Thermen gebaut. Sie gehörten zu den raffiniertesten Werken der damaligen Architektur, denn auch das "Baden" war nicht bloß auf simple Körperreinigung beschränkt, es ähnelte vielmehr einer Stunden füllenden Wellness-Prozedur. Dazu gehörten Dampfbäder, Schwimmen, Schwitzen, Gymnastik, Sonnen, Schrubben und Massieren – alles auf diverse Räume verteilt. In den römischen Bädern verwischten zudem die sozialen Schranken: Da fast alle nackt badeten, kamen die üblichen Statussymbole wie eine "Senatorentoga" im wahrsten Sinne des Wortes nicht zum Tragen. Sogar die Kaiser hielten es für angebracht, ab und an in den öffentlichen Bädern zu erscheinen.

Wenig Reinlichkeit im Mittelalter

Das Mittelalter, gut eintausend Jahre später, ist als hygienisch wenig reizvoll verpönt – mit städtische Kloaken als Brutstätten von Krankheiten. Nachttöpfe wurden auf den Straßen ausgeleert, Marktabfälle blieben einfach liegen, Schweine und Hühner liefen überall frei herum. Doch in Wahrheit war das auch in der Antike nicht viel anders.

Frau in mittelalterlicher Kleidung bedeckt Nase und Mund
Das Mittelalter: alles andere als hygienisch Bildrechte: dpa

Und so war auch im Mittelalter nicht alles und jeder schmutzig. Nicht selten verschlug es die Ritter in öffentliche Badehäuser. Dort ging es hoch her, in großen Gemeinschaftsbädern. Als sich jedoch die Syphilis verbreitete – eine Krankheit, die vor allem bei ungeschützten Sexualverkehr übertragen wird – gab man den Badehäusern die Schuld. Auch andere Plagen suchten Europa heim. Rattenflöhe verbreiteten die Pest, bei großen Epidemien starben Millionen Menschen. Die merkwürdige Konsequenz: Man wusch sich kaum noch.

Zur Zeit des Rokoko, Anfang des 18. Jahrhunderts, verschloss Puder alle Poren – als vermeintlicher Schutz gegen Krankheiten, ebenso wie Kleidung. Häufiges Waschen war verpönt. Die bizarre These damals: Verstopfte Poren halten die Körpersäfte "im Gleichgewicht" und schützten vor eindringenden Krankheiten wie der Pest und anderen Seuchen. Wer es sich leisten konnte, rieb sich also teure Salben und Öle auf die Haut. Zur Not taten es auch trockene Tücher, statt reinigendem Wasser.

In Rokoko-Kleidern posieren Frauen und Männer am Dienstag, 2008 im Nikolaiviertel in Berlin.
18. Jahrhundert: Kleidung und Puder statt Wasser und Seife Bildrechte: dpa

Saubereit bekommt neuen Schwung

Mit der Aufklärung kam Bewegung in die Reinlichkeit. Bis dahin habe man unter Hygiene im weitesten Sinne allgemeine Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit verstanden, so Prof. Schnalke. In Folge des naturwissenschaftlichen Denkens, und gerade in der Medizin des 19. Jahrhunderts, sei der Aspekt der Sauberkeit immer wichtiger geworden. Statt innerer Balance, die man bis dahin als zentral für ein gesundes Leben ansah, lag nun der Fokus auf der äußeren Reinigung der Haut. Für Gesundheit standen fortan Reinlichkeit und Wohlgeruch.

Meilenstein in der Geschichte der Hygiene

Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein erachtete die Wissenschaft Sauberkeit und Desinfektion in der Medizin noch als nachrangig. Medizinische Instrumente wurden vor Gebrauch nicht gereinigt, Operationsschürzen selten gewaschen.

In einem OP-Saal steckt ein Arzt an einem Tisch mit Operationsbesteck mit einer Hand, die in einem sterilen Gummihandschuh steckt, einen Tupfer in eine Zange.
Bildrechte: imago/Rupert Oberhäuser

Die bahnbrechende Beobachtung, dass Desinfektion die Übertragung von Krankheiten eindämmt, machte der Assistenzarzt Ignaz Semmelweis 1845. Er arbeitete damals in der Klinik für Geburtshilfe in Wien und beobachtete, "dass es offenkundig Krankheitspartikel gab, die durch Medizinstudenten aus dem Sektionsaal in die Klinik für Geburtshilfe übertragen wurden und hier zu einer erhöhten Sterblichkeit der Patientinnen und Patienten führten, sowie die Beobachtung, dass sich Seuchen, wie etwa die Cholera, über verunreinigte Orte explosionsartig ausgebreitet haben", erklärt der Medizinhistoriker Prof. Schnalke. Ab sofort mussten sich die Studenten von Semmelweis ihre Hände mit Chlor waschen. Das Resultat: Die Sterberate sank.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannte schließlich der Chemiker Max von Pettenkofer den Zusammenhang von Schmutz und Krankheitserregern. Bereits 1865 hatte er den ersten Lehrstuhl für Hygiene in Deutschland inne.

Prof. Dr. Thomas Schnalke_Medizinhistoriker und Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité
Bildrechte: Medizinhistorischen Museums der Charité

In und von der Medizin wird ein regelrechtes hygienisches Zeitalter ausgerufen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsteht nicht nur 'Hygiene' als eigenes medizinisches Fach. Es werden auch regelrechte Hygiene-Ausstellungen organisiert und Hygiene-Museen ins Leben gerufen, wie das in Dresden.

Prof. Thomas Schnalke Medizinhistoriker und Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité

Wiederentdeckung der öffentlichen Hygiene

Das Bakterium war mittlerweile als physisch realer Widersacher bekannt, der sich mit hygienischen Maßnahmen bekämpfen ließ. Operationsbesteck wurde nun sterilisiert, die Arztbekleidung regelmäßig gewaschen, Mundschutz und Handschuhe eingeführt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der medizinischen Hygiene führten schließlich auch dazu, dass im öffentlichen Leben Hygiene-Maßnahmen ergriffen wurden – wie der Krankenhausbau oder die Sauberkeit in Markthallen. Der Sinn für Körperpflege wurde wieder geschärft, vorangetrieben vor allem auch durch den Arzt Johann Peter Frank. Er trat für eine grundlegende Verbesserung der Hygiene in öffentlichen Gebäuden, eine bessere Ausbildung von Ärzten und Schwestern sowie eine bessere Finanzierung des Gesundheitswesens ein.

20. Jahrhundert: Hygiene boomt

Seife mit Lavendel
Den Grundstein für die massenhafte Seifenherstellung legte schließlich die industrielle Revolution. Bildrechte: IMAGO

Im 20. Jahrhundert blitze und blinkte es. Sauberkeit und Hygiene wurden groß geschrieben. Alles musste geradezu keimfrei sein – der Körper sowie die Wohnung. Seifen, Reinigungs- und Waschmittel wurden im Fernsehen breit beworben, die Zahl der Badezimmer pro Haushalt nahm zu. Lebensmittel- und klinische klinische Hygiene spielten eine immer wichtigere Rolle.

Wenn wir heute unseren Körper pflegen und die Hände waschen, steckt eine sehr lange Geschichte dahinter. Die noch immer andauernden Kampagnen zum Händewaschen zeigen allerdings, so Prof. Schnalke, wie schwer sich diese Verhaltensübung im Alltag flächendeckend durchsetzen lasse – ein Ritual, das in Corona-Zeiten Leben retten kann.

Über den Medizinhistoriker Prof. Dr. Thomas Schnalke Er ist Professor für Medizingeschichte und Medizinische Museologie sowie Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité. 1993 habilitierte sich der studierte Mediziner an der Erlanger Universität für Geschichte der Medizin mit einer Studie zur städtischen Medizin im deutschen Sprachraum des 18. Jahrhunderts. Mit seiner Berufung nach Berlin im Jahr 2000 begann er sich intensiver mit anatomischen und pathologisch-anatomischen Präparatesammlungen sowie mit materialen Aspekten in der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte auseinanderzusetzen. Am Museum konnte er zahlreiche Ausstellungen zu medizinhistorischen Themen sowie im Grenzbereich von Kunst und Medizin realisieren.

(me)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR | 08.02.2018 | 22:05 Uhr
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