Die letzte DDR-Regierung Peter-Michael Diestel - Stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister

Der gelernte Rinderzüchter und Jurist Peter-Michael Diestel war bekannt für seine markigen Sprüche und stieß damit nicht nur auf Begeisterung. Bekannt wurde er auch als Dachbesteiger bei der letzten Häftlingsrevolte der DDR und später als "Star-Anwalt" für einstige DDR-Größen.

von Michael Graupner

Peter-Michael Diestel
Peter-Michael Diestel auf einer Pressekonferenz im April 1990 Bildrechte: imago/sepp spiegl

Auf seine Perspektiven nach dem Ende der DDR angesprochen, sagt Peter-Michael Diestel im April 1990, dass er viel Sympathie für den Beruf des Melkers habe. Da sei er nicht so vielen "geistigen Vergewaltigungen" oder "seelischem Stress" ausgesetzt wie in der Politik.

Da sitze ich unter meiner Kuh und habe warme Hände.

Vom Rinderzüchter zum Juristen

Diestel entstammt einer Offiziersfamilie der NVA, die bald von Rügen nach Leipzig zieht. Nach dem Abitur wird ihm ein Jura-Studium verweigert, so jobbt er als Schwimmlehrer, Bademeister und Rinderzüchter. Ab 1974 darf er dann Jura in Leipzig studieren. Vier Jahre später schließt er ab und wird Leiter der Rechtsabteilung der Agrar-Industrie Delitzsch. Dort kümmert er sich um mehrere LPGs, 1986 wird er über LPG-Recht promoviert.

Er sei "kein Widerstandskämpfer" gewesen und habe "sehr gut gelebt als parteiloser Jurist". Obwohl er sich politisch zurückhält, wird Diestel bis 1990 die Zulassung als Rechtsanwalt verweigert. Erst im Herbst 1989 wohnt er dem kritischen Gesprächskreis des Leipziger Pfarrers Ebeling bei. Wenig später ist Diestel an der Gründung der Deutschen Sozialen Union (DSU) beteiligt, wird deren Generalsekretär. Als Teil der "Allianz für Deutschland" schafft er es bis in die Regierung: Diestel wird Innenminister und stellvertretender Regierungschef.

Als Innenminister nicht unumstritten

Von da an vergeht kaum ein Tag ohne Diestel-Schlagzeile: Nach wenigen Wochen gibt es Rücktrittsforderungen seitens der West-CDU, im Sommer aus der eigenen Partei; im Bundestag berät eine aktuelle Stunde über ihn, im September muss er sogar ein Misstrauensvotum überstehen.

Mitglieder letzte Volkskammer
Innenminister Diestel besteigt bei der Häftlingsrevolte das Dach des Gefängnisses in Leipzig. Bildrechte: Bundesarchiv

Der Innenminister will "den Menschen Ruhe, Ordnung und Sicherheit, auch Zuversicht" vermitteln. Er inszeniert sich als Mann des Volkes und der Tat, setzt auf markige Worte und pocht auf rechtsstaatliche Prinzipien: "40 Jahre gab es Unrecht, es ist höchste Zeit, Recht zu schaffen." Diestel ordnet die Festnahme der RAF-Terroristin Susanne Albrecht an, setzt sich für die Volkspolizei ein und vereinbart den Abbau der Grenzanlagen.

Die Staatssicherheit zerschlagen

Sein Ministerium ist für die Abwicklung des Staatssicherheitsdienstes zuständig. Diestel will diese "mafiaähnliche Organisation […] zerschlagen". Der Vorsatz erhält große Zustimmung, doch der Weg dahin ist umstritten. Denn er möchte – auch dafür – die "Loyalität und Kompetenz dieser Leute" nutzen, unter anderem auch vom ehemaligen Leiter der Auslandsspionage, Markus Wolf.

Diestel resümiert später, er sei stolz, "als zweiter Mann im Staat die Einheit vollzogen" zu haben. Nach der Wiedervereinigung tritt er als CDU-Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen in Brandenburg an. Er verliert, wird aber Fraktionsvorsitzender. 1992 tritt er zurück und gründet ein Jahr später eine Anwaltskanzlei in Potsdam, die er bis heute leitet. Der Vater dreier Kinder vertritt mehrere ehemalige DDR-Größen und schafft es als "Star-Anwalt" immer wieder in die Boulevardpresse. Er sagt selbst:

Meine größte Schwäche ist immer meine große Klappe gewesen.

Auch daher haben seine politischen Gegner wohl eher auf den beruflichen Wechsel zum Melker gehofft.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte. Die letzte DDR-Regierung im Gespräch“, erschienen 2018 im © mdv Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale).

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: MDR-Dok: Die letzte DDR-Regierung | 18.03.2018 | 22:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 16:46 Uhr