Fritz Sauckel im Porträt "Nicht für Gewaltakte veranlagt"?

"Nie in meinem Leben war ich für Willkür und Gewaltakte veranlagt", beteuert Fritz Sauckel in seinem Lebensbericht, den er nach Kriegsende schreibt. Wie aber wurde er dann "Hitlers Sklavenhalter"? Ein Porträt.

Fritz Sauckel kommt als Sohn eines Postbeamten und einer Näherin am 27. Oktober 1894 im unterfränkischen Hassfurt zur Welt. Mit 15 Jahren geht er nach Hamburg. Fürs Abitur reichen die finanziellen Mittel der Eltern nicht. So träumt der Halbwüchsige davon, Kapitän der Handelsmarine zu werden. Doch gerade als er Vollmatrose geworden ist, bricht der Erste Weltkrieg aus. Sein Handelsschiff, die "Frieda Mahn", wird noch im Ärmelkanal auf ihrer Fahrt nach Australien gekapert. Der 20-Jährige kommt in ein französisches Internierungslager auf der Isle Longue vor der bretonischen Küste. Dem Häftling mit der Nummer 398 geht es nicht schlecht. Er darf Briefe schreiben, Pakete empfangen und er liest viel.

Der Kriegsgefangene kehrt heim

Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft kehrt er 1919 zu seiner Familie, die inzwischen in Schweinfurt lebt, zurück. Er steht praktisch vor dem Nichts. Mit 25 fängt er als Hilfsarbeiter in der Kugellagerfabrik Fischer an. Streiks, Inflation und Armut prägen das Leben. Deutschland muss nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hohe Reparationen leisten. Wie viele andere Deutsche sieht auch Fritz Sauckel in den "Novemberverbrechern" (Hitler) die Verursacher der Krise. Er findet seine politische Heimat zunächst im antisemitisch ausgerichteten "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund" (DVSTB), der das demokratisch parlamentarische System der Weimarer Republik radikal ablehnt. Schnell avanciert er vom Leiter der Schweinfurter Ortsgruppe zum Kreisleiter für Unterfranken.

Nur noch einmal unternimmt Fritz Sauckel den Versuch, eine gutbürgerliche Laufbahn einzuschlagen. 1921 beginnt er ein Ingenieursstudium in Ilmenau, er wird jedoch bei einem Täuschungsversuch erwischt und muss bereits nach fünf Semestern das Technikum verlassen. Von da an strebt er eine politische Laufbahn an. Bereits 1922 wird er Mitglied der SA. In diese Zeit fällt auch seine erste Begegnung mit Adolf Hitler, der ihn von Anfang an fasziniert. Nach Auflösung des DVSTB gerät die NSDAP als Alternative ins Blickfeld Sauckels. Bereits am 1. Januar 1923 wird er Mitglied. Seinen "Ritterschlag" für die braune Bewegung holt er sich nur wenige Tage nach seiner Hochzeit am 27. Oktober 1923 mit Elisabeth Wetzel, der Tochter eines katholischen sozialdemokratischen Arbeiters, die er bereits vor dem Ersten Weltkrieg kennengelernt hatte. Aus der Ehe werden zehn Kinder hervorgehen.

Die NSDAP als politische Heimat und Karrieresprungbrett

Als Hitler am 30. Oktober 1923 in München zum Aufstand gegen die "Novemberverbrecher" und zum Sturz der Weimarer Republik aufruft, marschiert auch Sauckel mit 80 Gleichgesinnten Richtung München. Unterwegs wird er verhaftet, nur für ein paar Tage sitzt er ein. Danach widmet er sich voll und ganz der "Bewegung". 1925 ziehen die Sauckels nach Weimar. Zum Dank für sein Engagement in der Ilmenauer Parteigruppe und für seinen Einsatz während des Münchner Putsches hat Hitler ihn zum NSDAP-Gaugeschäftsführer für Thüringen ernannt. Zwei Jahre lang reist er unermüdlich durch die Lande, von Ortsgruppe zu Ortsgruppe, um die NSDAP populär zu machen. Der später ebenso berüchtigte Martin Bormann wird sein Fahrer.

Der ungelernte Arbeiter steigt auf zum Ministerpräsidenten

Im Juli 1926 organisiert er den 2. Parteitag der NSDAP in Weimar, der erheblich zu deren Stabilisierung beitragen wird. 5.000 Nazis aus ganz Deutschland marschieren durch die Klassikerstadt. Im September 1927 ernennt Hitler den 33-Jährigen Sauckel zum Gauleiter von Thüringen. Und der agitiert fleißig weiter. Bei der Landtagswahl 1929 kommt die NSDAP auf 90.000 Stimmen - das sind mehr als 11 Prozent. Von den sechs Mandaten, die seine Partei gewinnt, geht eins an Sauckel. 1932 erreicht die NSDAP 42,5 Prozent der Stimmen. Bald hat Fritz Sauckel, der ungelernte Arbeiter und Studienabbrecher, das Unglaubliche geschafft. Nach Wilhelm Fricks Aufstieg zum Innenminister des "Dritten Reiches" rückt er an die Spitze im Lande - 1933 wird Fritz Sauckel von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum "Reichsstatthalter für Thüringen" ernannt. Ein Reichstagsmandat kommt dazu.

Weimar als "Schutz- und Trutzgau" des Führers

Zum Dank will Fritz Sauckel Thüringen zum "Schutz- und Trutzgau" des Führers machen. Mit dem monströsen Gauforum schafft er eine neue Weihestätte für Partei und Führer mitten in der Stadt. Auch für ihn persönlich wird neu gebaut. 1937 bezieht er mit seiner Familie eine palaisartige Villa in der Weimarer Windmühlenstraße. Durch die Turmfenster geht der Blick direkt hinauf zum Ettersberg. Dort oben wird im selben Jahr das Konzentrationslager Buchenwald eröffnet, dessen Bau er mitinitiiert. Fürchtet Sauckel zunächst um den guten Ruf der Klassikerstadt, bemüht er sich dann bei SS-Führer Heinrich Himmler, eines der später drei größten Konzentrationslager auf deutschem Boden nach Weimar zu bekommen, winken doch Steuergelder und Arbeitskräfte, die man billig von der SS mieten kann. Das eher strukturschwache Thüringen will er zum Industriestandort machen. Die bereits 1936 von ihm begründete "Wilhelm-Gustloff-Stiftung" baut er zu einem der größten deutschen Rüstungsunternehmen mit rund 20 Produktionsstätten in Deutschland und Österreich aus.

"Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz in Deutschland"

Bereits mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges fehlen in Deutschland mehr als eine Million Arbeitskräfte. Eine Situation, die sich später mit dem Scheitern von Hitlers Blitzkrieg gegen die Sowjetunion immer weiter verschärft. So kommt auf Fritz Sauckel eine neue Aufgabe zu. Adolf Hitler ernennt ihn 1942 zum "Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz in Deutschland" - ein Aufstieg in den inneren Kreis der braunen Elite. Am Ende wird er für die Verschleppung von rund fünf Millionen Menschen aus ganz Europa verantwortlich sein, die im Deutschen Reich als Zwangsarbeiter schuften müssen, auch in der Rüstungsindustrie.

Betrieben wird sie in den letzten Kriegsjahren wegen der zunehmenden Bombenangriffe durch die Alliierten in unterirdischen Werken wie im Walpersberg bei Kahla, wo der hochmoderne Strahldüsenjäger ME 262 gebaut wird, oder im Kohnstein bei Nordhausen. Die Arbeitskräfte kommen nun aus den Konzentrationslagern. 20.000 der rund 60.000 KZ-Häftlinge aus Mittelbau-Dora, einer Außenstelle des KZ Buchenwald, überleben die grauenvollen Bedingungen in den Stollen, in denen die V1-Flügelbomen und V2-Raketen montiert werden, nicht. Die Terrorwaffen schaffen zwar keine Kriegswende mehr, doch fallen ihnen tausende Menschen bei den Angriffen auf London oder Antwerpen zum Opfer.

Das Ende in Nürnberg

Das Kriegsende erlebt Fritz Sauckel nicht in Thüringen. Er setzt sich vorher nach Salzburg ab und trifft sich später mit seiner Frau in Berchtesgaden. Nach einer ausgiebigen Beichte bei einem evangelischen Pfarrer stellt er sich den einrückenden Amerikanern. Am 1. Oktober 1946, nach einjähriger Verhandlungszeit, fällt das Internationale Militärtribunal das Todesurteil über den "größten und grausamsten Sklavenhalter seit den ägyptischen Pharaonen", wie Chefankläger Robert H. Jackson ihn nannte. Am 16. Oktober 1946 wird der Kriegsverbrecher, der von sich sagte, er sei "nicht für Willkür oder Gewaltakte veranlagt", in Nürnberg gehängt.

Elisabeth Sauckel Am 27. Oktober 1923 heiratet Fritz Sauckel die Tochter eines sozialdemokratischen Arbeiters, Elisabeth Wetzel. "Lisa" bleibt die Liebe seines Lebens und zusammen haben sie 10 Kinder. Das glückliche Ehe- und Familienleben gehört zu jenen verstörenden Kontrasten in der Biografie des NS-Täters Fritz Sauckel. Elisabeth ist drei Jahre jünger als er, katholisch und ein "stiller, vollkommen innerlich veranlagter Mensch", so charakterisiert er sie.

Martin Bormann Geboren wird Martin Bormann am 17. Juni 1900 in Halberstadt. Nach seinem Eintritt in die NSDAP 1927 übernimmt er zunächst die Tätigkeit des Gaupressewarts in Thüringen. Er steht einige Zeit dem NSDAP-Gaugeschäftsführer Sauckel als Fahrer zur Seite, wird dann selbst Gaugeschäftsführer.

Im Juli 1933 erfolgt die Ernennung Bormanns zum Stabsleiter bei Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß und zum Reichsleiter der NSDAP. Weiterhin wird ihm die Verwaltung des Hitlerschen Privatvermögens sowie die Bewirtschaftung und Verwaltung des "Berghofs" und des gesamten Arsenals auf dem Obersalzberg übertragen.

Nach dem Englandflug von Heß im Mai 1941 übernimmt er dessen Dienststelle, die in "Parteikanzlei" umbenannt wird. Das bedeutet für ihn die Kontrolle über die Legislative und sämtliche Ernennungen und Beförderungen innerhalb der Partei. Im Jahr darauf erfolgt seine Ernennung zum "Sekretär des Führers". Eine Position, die ihn allmählich dazu berechtigt, jede Eingabe an Hitler aus dem Bereich der Partei und ihren Organisationen gegenzuzeichnen.

Kurz vor Kriegende mobilisiert er noch mal die letzen Reserven des Reiches, in Form des Volkssturms. Den Untergang des "Tausenjährigen Reiches" erlebt er gemeinsam mit Hitler und anderen treuen Gefolgsleuten im Führerbunker. Nach dem Selbstmord Hitlers unternimmt er einen Ausbruchsversuch.

Seither gilt er als verschwunden. Am 1. Oktober 1946 wird er von dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg in Abwesenheit zum Tode verurteilt, jedoch wird er erst im 1973 offiziell für tot erklärt, als die bei Bauarbeiten in Berlin gefundene Leiche zweifelsfrei als die von Martin Bormann identifiziert werden kann.

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2009, 15:11 Uhr