Leipzigerin protestiert gegen Kriegsentschädigungen Der Völkerbund – die ungeliebte Friedensorganisation

Der Völkerbund, dessen Statut am 28. April 1919 beschlossen wurde, sollte Kriege verhindern. Wie auch seine Nachfolgerin, die UNO. Der aktuelle russische Krieg gegen die Ukraine und das Scheitern auch nur einer Resolution gegen den Krieg im UNO-Sicherheitsrat zeigen jedoch: Wo nationale Interessen herrschen, haben internationale Organisationen wenig Chancen. Schon der Völkerbund scheiterte an solchen nationalen Egoismen – beispielsweise in Deutschland, wo er von Beginn an für breite Bevölkerungsschichten ein Instrument der Alliierten war, der Sieger des Ersten Weltkriegs. Dass die Erinnerung an dieses Scheitern in den vergangenen Jahren äußerst schmal ausfiel, beklagt eine Historiker-Initiative. Ein bemerkenswerter Brief einer Leipzigerin, nach fast 100 Jahren wiederentdeckt, illustriert eindrücklich, wie gerade im national-konservativen Lager die Idee des Völkerbunds abgelehnt wurde.

St James Palace, London
1920 nimmt der Völkerbund seine Arbeit auf. Das Bündnis ist Teil des Versailler Vertrages und soll den Frieden sichern. (Aufnahme von 1936) Bildrechte: dpa

Vom 15. November bis zum 18. Dezember 1920 tagte die Vollversammlung des Völkerbundes erstmals in Genf. Das Deutsche Reich war als Verlierer des Ersten Weltkrieges nicht zu der Versammlung geladen - auch wenn auf ihr über die Zukunft der noch jungen Weimarer Republik entschieden wurde. Drei Monate später ging in Genf ein Brief aus Leipzig-Gohlis ein. Die Absenderin, Fanny Klinck, formulierte dabei Vorbehalte, die gerade im nationalkonservativen Lager gang und gäbe waren - argumentierte dabei allerdings insbesondere aus Sicht der Frauenbewegung. Und nahm in Anspruch, für alle deutschen Frauen zu sprechen.

Was war der Völkerbund?

Die Idee eines Bundes, der eine universal gültige Friedensordnung mithilfe internationalen Rechts etablieren sollte, reicht bis in die Vorstellungswelt der frühen Neuzeit zurück. Doch erst die Katastrophe des Ersten Weltkrieges gab den Ausschlag, dieses Bündnis ins Leben zu rufen. Den Impuls dazu gab der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der zehn Monate vor dem Ende des Weltkrieges einen 14-Punkte-Plan zur Schaffung einer internationalen Friedensordnung vorstellte. Der letzte Punkt umfasste die Forderung nach der Einrichtung eines Zusammenschlusses von Nationen, "um großen wie kleinen Staaten gegenseitige Garantien für politische Unabhängigkeit und territoriale Integrität zu geben."

Auf der im Januar 1919 beginnenden Pariser Friedenskonferenz konnte diese umgesetzt werden. Die Satzung des Völkerbundes wurde am 28. April 1919 angenommen und war Bestandteil des Versailler Vertrages. Als dieser am 10. Januar 1920 in Kraft trat, nahm der Völkerbund mit Hauptsitz in Genf seine Arbeit auf. Mitglieder waren zunächst 32 Siegermächte des Ersten Weltkrieges sowie 13 neutrale Staaten. Österreich durfte dem Völkerbund 1920 beitreten, dem Deutschen Reich wurde der Beitritt bis 1926 verweigert. Die USA traten ihm bis zu seiner Auflösung am 18. April 1946 nicht bei.

Überzogene Reparationsforderungen nach dem Ersten Weltkrieg

Im Versailler Vertrag war festgelegt worden, dass Deutschland Reparationen an die Siegermächte zu zahlen hatte. Die endgültige Höhe und Dauer dieser Kriegsschuld sollte durch eine Reparationskommission festgestellt werden. Bis dahin sollte das Deutsche Reich zunächst 20 Milliarden Goldmark in Raten bis 1921 entrichten. Allein diese erste Forderung entsprach zum damaligen Zeitpunkt über 7.000 Tonnen Gold. Am 29. Januar 1921 wurde dann in Paris die Höhe der deutschen Kriegsschuld auf 269 Milliarden Goldmark beziffert, zahlbar in 42 Jahresraten. Deutschland, das bis zu diesem Zeitpunkt bereits 31.000 Geschütze, 33 Millionen Granaten, 70.000 Maschinengewehre, drei Millionen Gewehre und 411 Millionen Patronen geliefert hatte, befand, dass die geforderten Reparationen zu weit gehen.

Die immer schneller eskalierende Situation sollte Anfang März auf einer Konferenz in London gelöst werden. Die deutsche Bevölkerung erfuhr aus der ausländischen Presse vom Gegenvorschlag der eigenen Delegation: 50 Milliarden Goldmark als Reparationszahlung. Der britische Premierminister David Lloyd George bewertete dieses Gegenangebot als einen "Angriff gegen den Grundgedanken des Versailler Friedensvertrages". Als der deutsche Vorschlag folgerichtig am 7. März als unannehmbar abgelehnt wurde, beschlossen die alliierten Mächte, ihre Sanktionen zu verschärfen. Dazu wurden französische und belgische Truppen mobilisiert, die in den folgenden Tagen Teile des Ruhrgebietes besetzten. England drohte außerdem mit einer Wirtschaftsblockade des Deutschen Reiches.

Reparationsleistungen nach dem Ersten Weltkrieg

Schon beim Waffenstillstand vom 11. November 1918 forderten die Siegermächte Reparationsleistungen vom Deutschen Reich. Im Versailler Vertrag 1919 wurden diese Ansprüche festgelegt, die Höhe sollte bis 1921 präzisiert werden. Doch die Verhandlungen um die Reparationsfrage führte zu außenpolitischen Spannungen und hatte unter anderem die Besatzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen 1923 und die Hyperinflation zur Folge.

Leipziger Schriftstellerin schreibt an den Völkerbund

In diesem aufgeheizten Klima schrieb die damals in Leipzig wohnende Schriftstellerin Fanny Klinck am 18. März 1921 ihren Brief an den Völkerbund. Er trägt die Überschrift "Deutschlands Frauen erheben Protest gegen Sanktionen als Akte der Arglist, Willkür und Gewalt". Die in Emden geborene Kaufmannstochter war den Umgang mit dem geschriebenen Wort gewohnt. Als freie Mitarbeiterin schrieb sie u.a. für das Feuilleton der Magdeburger Zeitung, der Breslauer Zeitung und der Hamburger Nachrichten. Insgesamt verfasste sie 20 Romane und Erzählungen, einen Kriminalroman und ein Theaterstück. Erst die Forderungen der Kriegsgewinner brachten die sonst im Genre der Frauen- und Familienromane beheimatete Klinck dazu, eine politische Schrift zu verfassen.

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Fanny Klinck schreibt im März 1921 an den Völkerbund. Es geht um die Höhe der Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg. Sie warnt, dass "Akte von Willkür und Gewalt nur Krieg bedeuten können". Bildrechte: Umschlag und die erste Seite vom Brief: United Nations Archives at Geneva

Rechte der deutschen Frau bedroht

Durch die Reparationsforderungen sieht Fanny Klinck die wirtschaftlichen Rechte der deutschen Frauen bedroht, die "Unmöglichkeit der Leistung" könne nicht zur Grundlage von Verhandlungen gemacht werden. Auf den sechs maschinegeschriebenen Seiten, die teilweise durch handschriftliche Zusätze korrigiert und verschärft wurden, schreibt sie von dem "den deutschen Frauen aufgezwungenen, demoralisierenden Krieg" als einem "Akt der Notwehr" und sieht die deutschen Frauen als "verletzte Dritte", deren Leben, Gesundheit und Fortbestehen durch die störende Beeinflussung des Wirtschaftslebens bedroht seien.

Fanny Klinck erhebt den Anspruch, für Deutschlands Frauen "von der ersten, vornehmsten des Landes bis zur letzten Arbeiterin im Werktagskleide, die in treuer Pflichterfüllung jederzeit ihrem Berufe nachgegangen ist", zu sprechen.

Peter de Bourgraaf, Historiker

Deutschland, die unfähige Kolonialmacht?

Fanny Klinck betont die "unter der glühenden Sonne Afrikas geleistete Kulturarbeit" und beklagt die durch den Verlust der Kolonien verlorenen Rohstoffe und Früchte. Damit greift sie die ethische Begründung für den in dem Versailler Friedensvertrag völkerrechtsgültig festgelegten Verlust der deutschen Kolonien auf. Dass die Siegermächte Deutschland als unfähig ansahen, Kolonien zu verwalten, löste über Parteigrenzen hinweg Empörung aus. Der Völkerbund übertrug die ehemals deutschen Kolonien an die Mandatsmächte Großbritannien, Frankreich, Südafrika, Belgien, Australien, Neuseeland und Japan.

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Der Brief von Fanny Klinck ist im Archiv des Völkerbundes erhalten. Bildrechte: Umschlag und die erste Seite vom Brief: United Nations Archives at Geneva

Deutschland bereit zu zahlen

Fanny Klinck beteuert, dass Deutschland bereit sei, zu zahlen "was es schuldig ist" und dass dem keine deutsche Frau widersprechen würde. Sie warnt aber gleichzeitig, dass sie sich weigern würden, durch Sanktionen erpressten Schuldanerkennungen zuzustimmen, die sie "mitsamt ihrer Nachkommenschaft zu einem Volk von Verbrechern" abstempeln würden. Die weitere Entwicklung scheint Fanny Klinck ganz richtig vorausgesehen zu haben, wenn sie davor warnt, dass "Akte von Willkür und Gewalt […] nur Krieg bedeuten können".

Was geschah mit dem Brief?

Was mit dem Brief in Genf geschah, ist nicht bekannt. Man müsse aber davon ausgehen, dass er recht schnell zu den Akten gelegt wurde, sagt Peter de Bourgraaf, Begründer der Transnationalen Kommission für Aufarbeitung und Erinnerungskultur ab 1914 ("Aufa100"). Dass der Brief überhaupt bekannt wurde, ist dem "Total Digital Access Project", der Bibliothek der Vereinten Nationen, zu verdanken. Die Bibliothek digitalisiert in einem Fünfjahresprojekt das gesamte Archiv des Völkerbundes – geschätzt 15 Millionen Seiten. Historiker de Bourgraaf, zu diesem Zeitpunkt selbst in Leipzig tätig, fand den Brief beim Stöbern in dem Digitalarchiv. In der Folge hat er sich zusammen mit Kollegin Janina Cymborski intensiv mit dem Brief und dessen historischen Zusammenhängen beschäftigt.

Peter de Bourgraaf und Janina Cymborski
Der Historiker Peter de Bourgraaf fand den Brief im Digitalarchiv und beschäftigt sich damit seitdem intensiv mit seiner Kollegin Janina Cymborski. Bildrechte: Aufa100

De Bourgraaf bedauert, dass sowohl der Brief von Fanny Klinck als auch die Digitalisierung und Zugänglichmachung kein Echo hervorgerufen haben. Die Beschäftigung mit dem Thema sei leider an das Handeln Einzelner gebunden. Das Ausbleiben der eingehenden Beschäftigung mit dem Völkerbund anlässlich des Gedenkens zur 100. Jährung sieht de Bourgraaf als vertane Chance: "Verständnis und Aufarbeitung dieser Epoche liegen der Herausbildung eines dauerhaften Friedens im transatlantisch-eurasischen Raum des 21. Jahrhunderts zugrunde", betont er. Darum wird er weiter für die eingehende Beschäftigung mit Fanny Klincks Brief und anderen Dokumenten werben.

Ein Plakat der Deutschen Demokratischen Partei wirbt für die Wahlen zur Preußischen Landesversammlung 1919 und fordert die Bürgerinnen zur Wahrnehmung ihres Wahlrechts auf.
Ein Plakat der Deutschen Demokratischen Partei wirbt für die Wahlen zur Preußischen Landesversammlung 1919 und fordert die Bürgerinnen zur Wahrnehmung ihres Wahlrechts auf. Bildrechte: dpa

Es ist vielleicht ein Zufall, dass der Brief ausgerechnet aus der Stadt Leipzig kam, welche mit Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt verbunden ist, die in Leipzig den ersten deutschen Frauenverein (ADF) gründeten. Bemerkenswert ist der Brief dennoch, wenn man bedenkt, dass sich die Frauen das Wahlrecht erst 1919 erstritten hatten, also etwas weniger als zweieinhalb Jahre vor dem Brief, meint de Bourgraaf.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke, wo du lebst F: 19/01 | Weimar 1919 – Wiege und Bahre der Demokratie | 05. Februar 2019 | 21:00 Uhr

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