Überlebende deutsche Soldaten verlassen nach der Kapitulation Stalingrad
Soldaten der 6. Armee nach der Kapitulation Bildrechte: dpa

Stalingrad: Annäherung an einen Mythos

Der Mythos Stalingrad wirkt noch 75 Jahre nach dem Ende der Schlacht wie kaum ein anderes Kriegsereignis auf die Erinnerungskultur. Schon während der Kampfhandlungen begann die Legendenbildung auf beiden Seiten der Front und bestimmte noch im Kalten Krieg den Kampf um die Deutungshoheit über den Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges. Einen neuen Blick auf die Schlacht erlauben die 2012 veröffentlichten "Stalingrad-Protokolle", herausgegeben von Jochen Hellbeck.

Überlebende deutsche Soldaten verlassen nach der Kapitulation Stalingrad
Soldaten der 6. Armee nach der Kapitulation Bildrechte: dpa

Bis zur Schlacht von Stalingrad im Winter 1942/43 galt die Wehrmacht als unbesiegbar. Die schnellen Erfolge in den so genannten Blitzkriegen ließen keinen Zweifel an der Überlegenheit der technisch hochgerüsteten Armee aufkommen. Doch brauchte die deutsche Kriegsmaschinerie auch Treibstoff, den man auf den kaukasischen Ölfeldern für sich erobern wollte. Stalingrad lag auf dem Weg der deutschen Offensive, die im Sommer 1942 begann. Von Bedeutung war die Industriestadt nicht nur wegen ihrer strategischen Lage, sondern auch wegen ihres Symbolwertes, schon wegen ihres Namens.

Die Propaganda vom Heldendienst

Die Schlacht von Stalingrad sollte zu einem psychologischen Wendepunkt des Krieges werden. Mit ihr erlebte die Wehrmacht ihre größte Niederlage und der Glaube an ihre Unbesiegbarkeit war gebrochen.

Der Untergang der 6. Armee wurde in der nationalsozialistischen Propaganda zum Heldendienst stilisiert. Das tatsächliche Geschehen blieb lange im Dunkeln.

Da die Nazis nicht schreiben konnten und nicht schreiben wollten, was sich in Stalingrad wirklich abgespielt hat, haben sie das ganze überhöhen müssen. Und da sind wir beim Begriff des Mythos.

Wolfram Wette, Historiker

Der Mythos von der "Armee auf verlorenem Posten, die um ihre Ehre kämpfte, aber die von Hitler verraten worden war", wirkte auch nach Kriegswende nach, wie der Historiker Jochen Hellbeck erklärt. Die andere Seite nutzte der Sieg der Roten Armee zur Überhöhung des Bildes von Stalin als eines weisen Lenkers und Kriegsherren.

Als einer der ersten reflektierte der im Exil lebende deutsche Schriftsteller Theodor Plievier mit seinem Roman "Stalingrad" die Schlacht. Im Auftrag der Sowjets, die ihn unmittelbar nach der Schlacht säckeweise mit Feldpostbriefen und Tagebüchern versorgten, entstand so ein Buch, dass das Elend der deutschen Soldaten im Kessel von Stalingrad vor Augen führte und die Frage nach Schuld und Verantwortung stellte. Es war alles andere als ein Heldenepos.

Es gibt bei Plievier keinerlei Ecken oder Kanten, wo man sich vielleicht überlegen könnte, ob es auch etwas Positives am Krieg gibt, ob bestimmte Verhaltensweisen durch den Krieg gestählt werden und einen besseren Menschen aus ihm machen. Das lässt Plievier bei sich nicht zu.

Jens Ebert, Historiker

Plieviers Roman wurde in Ost und West verlegt und galt als das erste Buch, das über die wahren Umstände des Untergangs der 6. Armee aufklärte. In 14 Sprachen übersetzt zählt es noch heute zu den bedeutendsten Romanen über den Zweiten Weltkrieg.