Umstrittener Aufsatz zum Zweiten Weltkrieg Putins Thesen: Das sagt Russlands Präsident zum Zweiten Weltkrieg

Anlässlich des 75. Jubiläums des Endes des Zweiten Weltkrieges hat Wladimir Putin in einem Aufsatz die Sowjetunion als wichtigsten Gegenspieler des aggressiven Nazi-Deutschlands dargestellt, Polen für mitschuldig am Zweiten Weltkrieg erklärt und die sowjetische Annexion der baltischen Staaten verteidigt. Die Sowjetunion habe 1939 ihr Möglichstes getan, um ein Bündnis gegen Adolf Hitler zu schmieden, doch der Westen habe ihr die kalte Schulter gezeigt, schrieb Putin sinngemäß. Der Aufsatz sorgte in Deutschland für Aufsehen, nachdem die russische Botschaft ihn an zahlreiche Osteuropa-Historiker verschickt hatte. Lesen Sie hier Putins wichtigste Thesen nach.

Screenshot der Internetseite russische-botschaft.ru mit einem Foto von Wladimir Putin
Website der russischen Botschaft mit dem Putin-Aufsatz Bildrechte: russische-botschaft.ru

1. Die Sowjetunion habe die ganze Welt gerettet.

"Es gibt die Sowjetunion nicht mehr, die einen grandiosen, vernichtenden Sieg über den Nazismus errungen und die ganze Welt gerettet hatte."

"Den grundlegenden und entscheidenden Beitrag zur Zerschlagung des Nationalsozialismus leisteten die Sowjetunion und die Rote Armee – egal was man zu beweisen versucht."

2. Die Sowjetunion trage keine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

"So wurde in der am 19. September 2019 vom Europäischen Parlament gebilligten Entschließung zur 'Erhaltung des historischen Gedächtnisses für die Zukunft Europas' die UdSSR zusammen mit Nazideutschland direkt beschuldigt, den Zweiten Weltkrieg entfesselt zu haben. Es fehlte natürlich jegliche Erwähnung von München."

"Gerade das Münchner Abkommen diente als Auslöser, nach dem ein großer Krieg in Europa unvermeidlich wurde."

3. Die Sowjetunion sei – trotz des so genannten Hitler-Stalin-Paktes – immer Schlichter und Gegenspieler der Nazis gewesen.

Die Sowjetunion habe stets "defensiv" agiert und den Nichtangriffspakt mit Deutschland "faktisch als Letztes der europäischen Länder" unterzeichnet. Außerdem habe die Sowjetunion bei Gesprächen mit England 1939 "den Grundstein für die künftige Anti-Hitler-Koalition" gelegt.

4. Polen sei an der Teilung der Tschechoslowakei beteiligt gewesen und trage Mitschuld am Zweiten Weltkrieg.

Putin nennt Polen einen "Komplizen bei der Teilung der Tschechoslowakei" und schreibt im Zusammenhang mit dem Münchner Abkommen:

"Heute möchten europäische Politiker, vor allem polnische Spitzenpolitiker, München 'verschweigen'. Warum? Nicht nur deswegen, weil ihre Länder damals ihre Verpflichtungen verraten haben und das Münchner Komplott unterstützten, wobei einige sogar an der Teilung der Beute teilnahmen, sondern auch weil es unangenehm ist, sich daran zu erinnern, dass sich nur die UdSSR an jenen dramatischen Tagen für die Tschechoslowakei eingesetzt hat."

"Bei der Zergliederung der Tschechoslowakei agierte neben Deutschland auch Polen. Sie entschieden im Voraus und gemeinsam, wer welche tschechoslowakischen Ländereien bekommen wird."

"Als Anlass diente hier übrigens auch das Erbe von Versailles – das Schicksal des so genannten Danziger Korridors. Die darauffolgende Tragödie Polens liegt voll und ganz auf dem Gewissen der damaligen polnischen Führung, die die Bildung des Militärbündnisses zwischen England, Frankreich und der Sowjetunion verhinderte, sich auf die Hilfe der westlichen Partner verließ und sein Volk unter die Walze der Hitler-Zerstörungsmaschine stellte."

5. Das Baltikum sei freiwillig der Sowjetunion beigetreten.

"Ihre militärisch-strategischen und defensiven Aufgaben lösend, begann die Sowjetunion im Herbst 1939 mit der Inkorporation Lettlands, Litauens und Estlands. Ihr Beitritt zur UdSSR erfolgte auf vertraglicher Basis, mit Zustimmung der gewählten Behörden."

6. Alle Staaten sollten ihre Archive öffnen - im Sinne der "Wahrheit."

Putin fordert die Herausgabe von Originaldokumenten und die Öffnung von Archiven zur Erforschung der Ursachen, die zum Zweiten Weltkrieg führten:

"Daher rufen wir alle Staaten dazu auf, den Prozess der Öffnung ihrer Archive, die Veröffentlichung bisher unbekannter Dokumente aus der Vorkriegs- und Kriegszeit zu intensivieren – so, wie es Russland in den vergangenen Jahren getan hat. Wir sind hier zu einer breiten Zusammenarbeit, zu gemeinsamen Forschungsprojekten von Historikern bereit."

Putin wolle die Bewertung vergangener Ereignisse der akademischen Wissenschaft und namhaften Forschern überlassen. Denn: "Wir alle brauchen Wahrheit und Objektivität."

"Diesem Ziel soll auch ein russisches Großprojekt zur Schaffung der größten Sammlung von Archivdokumenten, Film- und Fotomaterialien über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Vorkriegszeit dienen."

Das Münchner Abkommen von 1938 Das Münchner Abkommen wurde in der Nacht auf den 30. September 1938 zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien geschlossen. Das Abkommen bestimmte, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten und binnen zehn Tagen räumen musste. Die Tschechoslowakei war zu der Konferenz nicht eingeladen. Der Einmarsch der Wehrmacht begann am 1. Oktober 1938. Die Tschechoslowakei verlor infolge des Abkommens rund 30 Prozent ihres Territoriums.

Das Münchner Abkommen gilt als Höhepunkt der so genannten britisch-französischen Appeasement-Politik (auf deutsch "Beschwichtigungspolitik"). Sie zielte darauf ab, einen Krieg mit Nazi-Deutschland zu verhindern. Nachdem die deutschen Truppen im März 1939 neben dem Sudetenland auch die restliche Tschechoslowakei besetzten, wurde die Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler aufgegeben.

Hitler-Stalin-Pakt Am 24. August 1939 haben der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop und sein russischer Kollege Wjatscheslaw Molotow den Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, benannt nach den beiden Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin, sicherte Nazi-Deutschland die Neutralität der Sowjetunion bei einem Konflikt mit Polen zu. Der Überfall auf Polen - und damit der Beginn des Zweiten Weltkriegs - erfolgte am 1. September 1939. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 brach Nazi-Deutschland schließlich den Hitler-Stalin-Pakt.

Geheimes Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts über die Annexion der baltischen Länder und Aufteilung Polens In einem geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts teilten Nazi-Deutschland und die Sowjetunion Polen und die baltischen Staaten unter sich auf. Finnland, Estland und Lettland wurden zur sowjetischen Interessensphäre erklärt, Litauen zur deutschen. In Polen vereinbarten Deutschland und die Sowjetunion eine Demarkationslinie. Am 2. September marschierten Hitlers Truppen in Polen ein. Zwei Wochen später, am 17. September 1939, griffen sowjetische Truppen im Osten Polens an.

baz/me/dpa/afp

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 24. Juni 2020 | 17:45 Uhr