Die Abraumhalden des Braunkohletagebaus Welzow-Süd.
Blick auf den Braunkohletagebau Welzow-Süd in der Niederlausitz Bildrechte: Thomas Kläber

Die Sorben und die Braunkohle Gott hat die Lausitz geschaffen, aber der Teufel die Kohle darunter

Über 100 Jahre Braunkohlenabbau haben die Landschaft und die Menschen der Lausitz mehr verändert als die Jahrtausende davor. Und nichts spaltet die Meinungen mehr als die "Kohle". Für die einen bedeutet sie Arbeitsplätze und Gewinn, für die anderen ist sie Klimakiller, Landschafts-, Kultur- und Geschichtszerstörer.

von Matthias Körner

Die Abraumhalden des Braunkohletagebaus Welzow-Süd.
Blick auf den Braunkohletagebau Welzow-Süd in der Niederlausitz Bildrechte: Thomas Kläber

Schon von Weitem thront der Bagger über der Landschaft meiner Heimatgemeinde Drebkau, wie eine Heuschrecke aus Stahl. Dort bildeten vor der Baggerzeit die "Steinitzer Alpen", ein Höhenzug des Lausitzer Grenzwalls, den Horizont. Das Loch, vor dem ich stehe, ist 90 bis 120 Meter tief und dehnt sich bis zum Horizont aus. Auf der anderen Seite des Tagebaus hängt eine große Wolke – wie ein Fesselballon über den futuristisch anmutenden Betonflächen des neuen Kraftwerks "Schwarze Pumpe". So stelle ich mir einen Start- und Landeplatz für Außerirdische vor.

Kein Platz fürs Sorbische

Im Braunkohlekombinat "Schwarze Pumpe" wurde zu DDR-Zeiten Braunkohle zu Koks, Gas, Briketts und Strom verarbeitet. Die Arbeiter wohnten in Hoyerswerda, einem einst sorbisch geprägten Ackerbürgerstädtchen, in Wohnkomplexen der "Zweiten Sozialistischen Wohnstadt". Da blieb für das Sorbische kein Platz mehr.

Gott hat die Lausitz geschaffen, aber der Teufel die Kohle darunter.

sorbisches Sprichwort

Zwischen mir und "Schwarze Pumpe" lagen einst Dörfer. Ihre Besiedlungsgeschichte reicht weit in die Vorzeit zurück. Die Germanen hatten hier ihr größtes Eisenhüttenzentrum. Sie verfeuerten die Wälder, um aus dem Raseneisenstein Eisen zu gewinnen. Sie hinterließen eine Wüste aus Sanddünen, ein für lange Zeit unbewohnbares Land. Dann kamen die Slawen und erste Siedlungsbauten der deutschen Kolonisten reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Die Zeugnisse davon stecken in der Erde, die als endloses Band vor mir am Tagebaurand "vorbeifährt", um auf der Kippe zu enden.

Die Sorben und die Braunkohle

Braunkohletagebau in Grötsch 1985
Mehr als 100 Dörfer wurden bis heute für die Ausbeutung der Lausitzer Kohlevorkommen zerstört. Im Bild der Braunkohletagebau bei Grötsch (Groźišćo) 1985. Bildrechte: Jürgen Matschie
Eine Familie sitzt auf einer Wiese, im Hintergrund ein Braunkohlebagger
Leben am Abgrund 1987: Nur wenige hundert Meter trennen die Ortschaft Mühlrose (Miłoraz) vom Abraumgebiet der Braunkohlebagger. In der Zeit zwischen 1966 bis 1973 wurden 216 Mühlroser Bürger wegen des Bergbaus umgesiedelt. Bildrechte: Jürgen Matschie
Demonstration gegen die Abbaggerung von Klitten, 1990
Im Herbst 1989 schöpfen die Einwohner von Klitten (Klětno) Hoffnung, dass ihr Dorf nicht der Braunkohle weichen muss. Offen protestieren sie gegen die Abbaggerung. Am 2. Februar kommt dann die frohe Botschaft: Klitten bleibt. Bildrechte: Thomas Kläber
Tagebau Nochten, 2010
Mit dem Verschwinden der sorbischen Dörfer stehen auch die Sprache und Kultur der Sorben und damit die Identität der Lausitz auf der Kippe. Blick auf den Tagebau Nochten in der nördlichen Oberlausitz. Bildrechte: Jürgen Matschie
Braunkohletagebau in Grötsch 1985
Mehr als 100 Dörfer wurden bis heute für die Ausbeutung der Lausitzer Kohlevorkommen zerstört. Im Bild der Braunkohletagebau bei Grötsch (Groźišćo) 1985. Bildrechte: Jürgen Matschie
Abschied vom Haus vor der Abbaggerung in Weißagk/Wusoka 1985
Abschied vom Zuhause: Das Dorf Weißagk (Wusoka) in der brandenburgischen Niederlausitz wurde 1985/86 abgebaggert. 321 Einwohner verloren durch den Tagebau Jänschwalde ihr Zuhause. Bildrechte: Jürgen Matschie
Friedhof in Mühlrose/Lausitz, im Hintergund die Braunkohlebagger
Hinter dem Friedhof des Dörfchens Mühlrose stirbt die Landschaft unter den Schaufeln der Abraumbagger. Bildrechte: Jürgen Matschie
Mühlrose 1989
Auch 1989 ist Mühlrose noch vom Tagebau umzingelt. Angesichts der Belastungen durch den Braunkohleabbau verlassen bis 1990 noch einmal rund 100 Einwohner ihr Heimatdorf. Die anderen Mühlroser bangen weitere 20 Jahre, ob ihre Heimat doch noch verschwindet. Im Februar 2019 fällt die Entscheidung: 2030 kommen die Bagger. Der Energiekonzern Leag will nordwestlich der Stadt Weißwasser 310 Millionen Tonnen Braunkohle für die Versorgung des Kraftwerks Boxberg fördern. Bildrechte: Jürgen Matschie
Horno vor der Abbaggerung, um 1991
Das Dorf Horno lag im Gebiet des Braunkohletagebaus Jänschwalde. Schon seit 1977 stand fest, dass das Dorf der Kohle weichen muss. Seitdem protestierten die Bewohner Hornos gegen die Umsiedlung und Zerstörung ihres Dorfes. Geholfen hat es nicht. Bildrechte: Thomas Kläber
Sorben feiern in Grötsch/Groźišćo 1987
Erinnerung an sorbisches Leben in Grötsch (Groźišćo) 1987. Sechs Jahre später mussten 19 Familien dem Tagebau Jänschwalde weichen. Bildrechte: Jürgen Matschie
Blick auf den Braunkohletagebau Welzow-Süd in der südlichen Niederlausitz
Was die Bagger hinterlassen, ist Abraum, ausgekohlte, nutzlose Erde - Mondlandschaft in der Lausitz.
(Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Träume der Lausitz | 16.06.2019 | 23:15 Uhr.)
Bildrechte: Thomas Kläber
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Wann steht der Bagger vor unserem Haus?

An der Stelle des Dorfes Wolkenberg ist jetzt - im Zuge der sogenannten Rekultivierung - ein künstlicher Weinberg aufgeschüttet. Wolkenberg hieß sorbisch Klěšnik und hatte den wohl ältesten Holzkirchturm Ostdeutschlands. Beim Abriss der Kirche fand man unter dem Gestühl unzählige Stecknadeln, herausgefallen aus den sorbischen Trachten. In dieser Kirche wurde Herbert B. getauft, der dann in den Nachbarort Kausche, sorbisch Chusej, zog. Wie viele Lausitzer arbeitete er vor 1989 "in der Kohle". Er verpresste die "Heimat" - bis der Tagebau auch sein Kausche bedrohte. Da ging er jeden Tag mit dem Enkel zum Tagebaurand und steckte Pflöcke in die Erde, um auszurechnen, wann der Bagger vor seinem Haus stehen würde.

Fastnacht in Drachhausen
Fastnacht in Drachhausen (Hochoza) Bildrechte: Thomas Kläber

Kausche war das erste Dorf, von dem es hieß, es werde sozialverträglich umgesiedelt. Freilich kein Vergleich zur DDR-Praxis, da verfrachtete man zum Beispiel ein ganzes Dorf in ein Spremberger Hochhaus. Für die Kauscher baute man ein "neues Dorf" in Drebkau. Es war ein trauriger Umzug. Niemand freute sich auf sein neues Haus. Ich erinnere mich an das letzte Zampern in Kausche, ein Brauch der zum Zapust, der sorbischen Fastnacht, gehört. Noch einmal zog man mit Musik von Hof zu Hof, ein letztes Tänzchen vor dem Bagger und der dazugehörige Schnaps war eher zum Vergessen als zum Fröhlichsein.

Abschied vom Haus vor der Abbaggerung in Weißagk/Wusoka 1985
Abschied vom Zuhause Weißagk (Wusoka), 1985 Bildrechte: Jürgen Matschie

Das Haus, Ställe und Scheunen mussten besenrein übergeben werden. Als Herbert B. und seine Frau das letzte Mal in ihrem leeren Haus standen, aus dem die Seele ihrer Lebensjahre schon entwichen war, sagte der Mann: "Das klingt jetzt schon hohl, verdammt hohl." Und die Frau meinte: "Die Gefühle darf man nicht zeigen. Da geht man dran kaputt."

Kurz darauf liefen Arbeiter mit Metalldetektoren über das Grundstück, um scharfkantige Abrissreste aufzuspüren, damit der Gummi der Förderbänder nicht zerstört wird. Dann kam der Bagger. Noch immer stehen die Leute in "Neu-Kausche" am Morgen früh auf, als gelte es noch, das Vieh zu füttern oder Feld und Garten zu bestellen. 

Schwer abschätzbare Folgen

Tagebau Nochten, 2010
Tagebau Nochten, 2010 Bildrechte: Jürgen Matschie

136 Dörfer sind bis heute in der Lausitz der Kohle zum Opfer gefallen, weitere sollen folgen. 27.500 Menschen verloren bisher ihr Zuhause. Und auch die Auswirkungen auf die Umwelt gehen weit über das "Loch" hinaus. Weiträumig wird in den Wasserhaushalt eingegriffen, die Folgen sind schwer abschätzbar. Schon jetzt wurden mehr als 13 Milliarden Kubikmeter Grundwasser, das Trinkwasser der Zukunft und damit künftige Lebensgrundlage, aus der Lausitz gepumpt. Die Formel der Braunkohle heißt: "Landschaft minus Heimat minus Geschichte ergibt Energie plus CO2 plus Arbeitsplätze." Wer wird einmal diese Rechnung begleichen?

(zuerst veröffentlicht am 10.10.2012)

Biografie Matthias Körner Matthias Körner, 1954 in Kamenz geboren, schreibt Romane, Sachbücher, Hörspiele, Feature und Drehbücher. Er lebt in einem Dorf in der Lausitz und ist mit der sorbischen Geschichte bestens vertraut.

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Struga 23 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise - Nachruf auf die Braunkohle | 16.06.2019 | 22:00 Uhr
MDR Dok: Träume der Lausitz | 16.06.2019 | 23:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2019, 17:53 Uhr