Über die Plakate am 4. November 1989 "Großmutter, warum hast du so große Zähne?"

Die Demonstration am 4. November '89 auf dem Alexanderplatz mutete an wie ein Happening. Diesen Charakter unterstrichen auch die unzähligen phantasievollen Transparente und Plakate der Teilnehmer.

"Die Fülle der Transparente, die hier zu sehen sind, ist wirklich erschlagend. Ich finde es sehr gut, wenn wir diese Transparente sammeln und einer Art neuen Kunstausstellung zur Verfügung stellen", rief der Bühnenbildner Henning Schaller, der die Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz moderierte, am Schluss in die Menge.

In der Tat war es beeindruckend, wie viele Transparente, Plakate oder Fahnen von den Demonstranten während der Kundgebung in die Höhe gereckt wurden, samt und sonders in mühevoller Heimarbeit hergestellt. Es waren sowohl ernsthafte Forderungen zu lesen, aber auch humorvolle, hintergründige, zuweilen gar skurrile. "Radwege auch in Ostberlin", stand auf einem, auf einem anderen "Stasi in die Volkswirtschaft", auf einem nächsten "Gegen Monopolsozialismus. Für demokratischen Sozialismus". Auf einem Plakat war der neue SED-Chef Egon Krenz mit riesigen Zähnen abgebildet, darunter stand geschrieben: "Großmutter, warum hast du so große Zähne?"

Die Staatssicherheit versucht Einfluss zu nehmen

Im Vorfeld der Großkundgebung hatte die Staatssicherheit in alter Manier versucht, Einfluss auf die Plakate und Losungen zu nehmen. In einem "streng geheimen" Informationspapier "über die für den 04. November 1989 in der Hauptstadt der DDR, Berlin, initiierte Demonstration von Kunst- und Kulturschaffenden" heißt es beispielsweise: "Die Leitung des Verbandes Bildender Künstler soll Einfluss darauf nehmen, dass die beabsichtigte Anfertigung von mitzuführenden Losungen und Transparenten durch Angehörige des Verbandes kontrolliert und damit möglichen Provokationen vorgebeugt wird." Einige Losungen wurden der Staatssicherheit vom "Verband Bildender Künstler" tatsächlich auch vorgelegt und – wenn auch zuweilen zähneknirschend - genehmigt. Die aufmüpfigste der genehmigten Forderungen lautete: "Rehabilitierung von Opfern stalinistischer Schauprozesse in der DDR".

Demonstration am 4.11.1989 in Berlin
Die Veranstalter der Demonstration beriefen sich auf zwei Artikel aus der "Verfassung der DDR". Zum einen den "Artikel 27": "Jeder Bürger hat das Recht, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern. Niemand darf benachteiligt werden, wenn er von diesem Recht Gebrauch macht." Zum andern den "Artikel 28": "Alle Bürger haben das Recht, sich im Rahmen der Grundsätze und Ziele der Verfassung friedlich zu versammeln." Bildrechte: dpa

Keine Festnahme in Sichtweite von Kameras

Dass sie am Ende aber wohl keinerlei Einfluss auf die Transparente und Losungen der Demonstranten haben würde, deren Zahl bereits im Vorfeld auf mehr als eine halbe Million geschätzt wurde, dass ahnte auch die Staatssicherheit. Und ihre Vermutung erwies sich als durchaus realistisch. Festnahmen sollte es, so beschloss die Einsatzleitung, jedoch auch bei offensichtlichen "Provokationen" keine geben, jedenfalls nicht in Sichtweite von Fotoapparaten und Kameras. Aber nicht einmal dazu kam es, wie die Veranstalter der Kundgebung verlautbarten.

Deutsche Einheit ist kein Thema

Bei aller Unterschiedlichkeit der Symbole, Losungen und Slogans auf den Plakaten – in einer trafen sich die Forderungen sämtlicher Teilnehmer: Die SED soll den Staat herausrücken, den sie ohnehin an den Rand des Abgrunds manövriert hatte. Was jedoch nicht als Bestandteil der Willensbekundungen auf den Plakaten und Spruchbändern der Demonstranten zu lesen war, nur wenige Wochen später aber allerorten zum Forderungskatalog von Demonstranten gehörte, war die Frage nach der deutschen Einheit. Diese stellte sich am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz überhaupt nicht.

Sozialismus und Demokratie

An diesem Tag ging es nicht um die Abschaffung des Sozialismus oder gar das Hinwegfegen eines ganzen Landes, sondern vielmehr um die späte Verwirklichung der Ideale des Prager Frühlings: es ging um einen demokratischen Sozialismus, um einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". "Der Sozialismus – nicht der Stalinsche, der richtige -, den wir endlich erbauen wollen zu unserem Nutzen und zum Nutzen von ganz Deutschland, dieser Sozialismus ist nicht denkbar ohne Demokratie", sagte der Schriftsteller Stefan Heym in seiner begeistert aufgenommenen Ansprache. "Demokratie aber heißt Herrschaft des Volkes."