Haftschicksale Rudolf Bahro

Die Veröffentlichung seines Buches "Die Alternative" 1977 in der Bundesrepublik und die dazu ausgestrahlten Fernsehinterviews führten zur schnellen Verhaftung durch die Stasi. Sein Anwalt war Gregor Gysi. Bahro wurde wegen Geheimnisverrats und Nachrichtenübermittlung zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er schließlich zwei in Bautzen II absitzen musste. Seine Zelle hatte die Nummer 15/3. Die starke Solidarisierung westlicher Schriftsteller sorgte dafür, dass man Bahro weniger drangsalierte als andere.

In der Haft ein Star

Anfangs wurde er allerdings wie bei allen Häftlingen üblich in Isolationshaft gehalten. In der Haftanstalt galt Bahro als Star. Was die Stasi-Offiziere ärgerte, die daraufhin über ihre Spitzel in der Haft verbreiten ließen, er sei schon in der U-Haft umgefallen und habe voll mit dem Ministerium für Staatssicherheit kooperiert. Die meisten Mithäftlinge Bahros glaubten das allerdings nicht. Bahros Zelle war 15 Quadratmeter groß mit der in den 80-er Jahren üblichen Ausstattung: Tisch, Stuhl, Liege, Waschbecken und Toilette, ein Spind.

Nach Beendigung der Isolationshaft wollte die Anstaltsleitung ihm einen Mithäftling auf die Zelle legen. Bahro lehnte ab, er brauche Muße und Zeit zum Denken. Er passte sich auch schnell in das Haftregime ein, kommunizierte auf anstaltsüblichen Wegen mit anderen Häftlingen, wie etwa im Juni und Juli 1978 mit Volker Franke, der in der Zelle unter ihm saß. Man schraubte das Mittelrohr des Spülausgusses heraus und konnte dann wie an einem Telefon mit einem anderen Häftling in einer Nachbarzelle sprechen.

Wie andere auch musste er im Keller des Gefängnisses arbeiten. "Der Spiegel" berichtete ein Jahr nach Bahros Inhaftierung am 2. Juli 1979:

Der Wissenschaftler, im Umgang mit schwerem Handwerksgerät ungeübt, kam mit den Elektrobohrern am Fließband nicht zurecht. Stattdessen muss er für das Elektroschaltgerätewerk Oppach mit einem Schraubenzieher winzige Schräubchen in Relais drehen. Die Norm: 100 bis 120 Werkstücke in acht Stunden.

Rudolf Bahro

Lästiger Kritiker durfte ausreisen

Nicht nur diese Einblicke ins Alltagsleben von Bautzen II ärgerten die Stasi, es gelang Bahro auch zweimal, Schriftstücke aus der Haft herauszuschmuggeln, die an den "Spiegel" gingen. Bahro wusste sehr wohl von seiner Sonderrolle und führte schließlich über seinen Anwalt Gysi Verhandlungen, sowohl zu seinen finanziellen Angelegenheiten als auch später zu seiner Übersiedlung nach Westdeutschland. 1979 wurde er amnestiert und konnte samt Familie ausreisen. Die DDR-Führung glaubte, einen lästigen Kritiker mehr losgeworden zu sein.