Wie die Zwickauer Ingenieure vom Politbüro gestoppt wurden Ausgebremst: Der Traum von einem schnittigen Trabi

Dass Trabant und Wartburg nach der Maueröffnung für viele Westdeutsche als Sinnbild der Rückständigkeit der DDR galten, ist den Autokonstrukteuren aus Zwickau und Eisenach nicht anzulasten. Schuld hatte das Politbüro der SED.

Der Trabant 601 aus Zwickau 1 min
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Der Trabant 601 war das meistgebaute Modell der Trabant-Baureihe. Wie die Automobilwerke Sachsenring in Zwickau das Fahrzeug in einem Werbespot vermarkteten.

Mi 22.09.1993 20:00Uhr 00:27 min

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Die Zwickauer Ingenieure entwickelten den Trabant nach dem Start 1958 fast jährlich weiter, von der Baureihe P 50 bis zum Typ P 60. Es blieb zumeist bei kleinen Veränderungen. Parallel dazu entwarfen sie aber bereits ein ganz neues Fahrzeug. Nicht mehr mit den markanten abgerundeten Formen, sondern mit einer etwas schnittigeren Karosserie samt angedeuteten Heckflügeln. Dieses Modell kam 1964 als Trabant 601 auf den Markt. Die Konstrukteure waren davon ausgegangen, dass es etwa fünf Jahre verkauft werden könnte, aber dann etwas Neues angeboten werden müsse, wie es auf dem internationalen Automarkt üblich war.

Trabant-Prototyp P 603

Trabant-Studie P603
Trabant-Studie P603 Bildrechte: MDR

Diese Überlegungen waren auch der Regierung bekannt und wurden akzeptiert. Am 30. Dezember 1966 erhielten die Ingenieure um Chefkonstrukteur Werner Lang den Auftrag, einen neuen Wagen zu entwickeln. Sie bauten einen Prototyp unter der Bezeichnung P 603 in neun Ausfertigungen mit verschiedenen Motoren, darunter auch ein Viertakter von Škoda. Die Testfahrten rund um Zwickau verliefen Erfolg versprechend. Bei dem neuen Trabant handelte es sich um ein dreitüriges Modell mit Vollheck, das es so damals auf dem europäischen Automarkt noch nicht gab. Schon vom Äußeren her erinnerte es in keinem Detail an den Trabant 601.

Günter Mittag stoppt das Projekt

Ob Prototypen in die Serienfertigung gehen konnten, hing in der DDR allerdings immer von einer Regierungsentscheidung bzw. vom Politbüro der SED ab. Günter Mittag, im Politbüro für Wirtschaftsfragen verantwortlich, legte dem Führungsgremium der Partei alle größeren Investitionsentscheidungen vor. Die Kosten für die Serienproduktion des neuen Prototypen P 603 wurden auf 7,7 Milliarden DDR-Mark veranschlagt. Eine entsprechende Vorlage wurde im Ministerrat eingereicht. Dann ging der Antrag auch ins Politbüro der SED. Günter Mittag entschied sich gegen das Projekt, ließ im November 1968 nächtens in Zwickau anrufen und den sofortigen Entwicklungsstopp anordnen. Alle Prototypen sollten vernichtet, die Konstruktionsunterlagen an Berlin abgegeben werden.

Die DDR und ihre Autos

Trabi und Wartburg prägten das Bild der Straßen in der DDR. Doch auch wenn die Auswahl gering war, wer ein Auto besaß, genoss individuellen Freiraum.

W 311-2 Kabrio
Der Wartburg 311/2 Kabrio wurde von 1956 bis 1960 gefertigt. Er erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 115 km/h und kostete 16.370 Mark. Bildrechte: Archiv Museum "automobile welt eisenach"
W 311-2 Kabrio
Der Wartburg 311/2 Kabrio wurde von 1956 bis 1960 gefertigt. Er erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 115 km/h und kostete 16.370 Mark. Bildrechte: Archiv Museum "automobile welt eisenach"
Wartburg W 313-1 auf der Leipziger Frühjahrs Messe 1957
Wartburg 313/1 1957 auf der Leipziger Messe. Von diesem schnittigen Sportwagen wurden bis 1960 nur insgesamt 469 Exemplare gefertigt. Er erreichte mit seinem Zweitaktmotor bei einer Leistung von 50 PS eine Spitzengeschwindigkeit von 140 km/h. Bildrechte: Wartburg-Museum Eisenach
AWE W 1.3 XXX. Wartburg Rallye 1988
Wartburg Rallye 1988. Sie wurde seit 1955 veranstaltet und entwickelte sich mit den Jahren zur erfolgreichsten Rallye in der DDR. Anfänglich als Zwei-Schleifen-Fahrt über 850 Kilometer, später dann auf einer Strecke von bis zu 1.700 Kilometer. An der ersten Rallye nahm auch Rennfahrerlegende Heinz Melkus teil. Bildrechte: Archiv Museum "automobile welt eisenach"
W 353 Limousine und Tourist am Strand
Die Wartburg 353 Limousine und der Wartburg Tourist wurden ab 1966 produziert. Samt Nachfolgemodell 353 W rollte er bis 1988 mit einem Zweitaktmotor vom Band. Bildrechte: Archiv Museum "automobile welt eisenach"
Ein Neubrandenburger Trabant mit ungewöhnlicher Front-Ansicht findet am 29.06.1996 Interessenten auf dem Volksfest "Trabi total" in Rostock.
Nach der Wende begannen viele Trabi-Liebhaber, ihre "Rennpappe" aufzupeppen. Hier findet ein Neubrandenburger Trabant mit ungewöhnlicher Front-Ansicht am 29. Juni 1996 Interessenten auf dem Volksfest "Trabi total" in Rostock. Bildrechte: dpa
Volkspolizistin auf einer Kreuzung.
Der Barkas B 1.000 wurde ab 1961 vom VEB Barkas-Werke Karl-Marx-Stadt hergestellt. Es gab ihn u. a. als Kasten-, Krankentransport-, Pritschenwagen oder als Kleinbus. Er wurde bis 1988 mit einem Wartburg-Zweitakter gefahren und erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 100 km/h. Bildrechte: dpa
Trabant P 50 Limousine zweifarbig
Der Trabant P 50 wurde von 1958 bis 1959 vom VEB Sachsenring Zwickau gefertigt. Den Zweitakter gab es als Limousine und Kombi. Bildrechte: August Horch Museum Zwickau
Trabant P 601 Limousine blau
Der Trabant P 601 ging 1964 in Serienproduktion und wurde mit kleineren Verbesserungen bis 1990 in Zwickau gefertigt. Bildrechte: August Horch Museum Zwickau
Blick auf verschiedene DDR-Autos
Den Zweitakter gab es als Limousine, als Kombi und ab 1967 als Kübelwagen. Bildrechte: DDR-Museum, Berlin
Trabis parken vor Häusern
Viele DDR-Bürger beschafften sich ihr Auto auf dem privaten Gebrauchtwagenmarkt. Bildrechte: DDR-Museum, Berlin
DDR auf vier Rädern: Der millionste Trabant
Im November 1973 rollte der millionste Trabi vom Band. Bildrechte: August Horch Museum Zwickau
Der letzte Trabant in Pink.
Am 30. April 1991 rollte der letzte von insgesamt drei Millionen PKW der Marke "Trabant" vom Band. Es war dieses pinkfarbene Exemplar. Bildrechte: August Horch Museum Zwickau
Ein Wartburg 1.3 im Museum.
Dieser Wartburg 1.3 dokumentiert den Abschluss eines Kapitels im Eisenacher Automobilbau. Der mit einer VW-Viertaktmaschine ausgestattete Wagen war am 10. April 1991 als letzter seiner Art vom Band gelaufen und hat nun einen Platz im Museum gefunden. (Über dieses Thema berichtete MDR SPUTNIK im Radio, 07.11.2017, 8.47 Uhr) Bildrechte: dpa
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Widerspruch führt zu Versetzung

Eine Begründung für diese Entscheidung des Politbüros und die Motivation von Günter Mittag wurde nicht bekannt. Werner Lang vermutete später in einem MDR-Fernsehinterview: "Er war der Meinung, dass der Trabant in seiner damaligen Ausführung für die Bevölkerung ausreichend war. Wir Entwicklungsleute waren anderer Meinung, aber leider konnten wir uns nicht durchsetzen." Lang ließ es nicht bei stillem Protest, sondern widersprach offiziell. Daraufhin wurde er für zwei Jahre nach Ludwigsfelde in einen anderen Betrieb strafversetzt.

Dr. Werner Lang 3 min
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Verweigerungshaltung hatte Methode

Diese Verweigerungshaltung des Politbüros war kein Einzelfall, sondern hatte Methode, wie Lang während seiner ganzen Tätigkeit bei Sachsenring Zwickau bis zum Ende des Trabant 1990 immer wieder erlebte. "Wir haben viele Entwicklungen im Werk vorbereitet. Allein 16 Fahrzeuge wurden entwickelt, aber leider kam nicht ein einziges Fahrzeug davon in die Produktion." Gleiche Erfahrungen machten die Konstrukteure in Eisenach. Sie konnten nach dem Wartburg 353, der 1966 in Serie gegangen war, bei der Regierung und dem SED-Politbüro keine Neuentwicklung mehr durchsetzen. Selbst die Serienfertigung eines bereits entwickelten modernen Viertaktmotors mit 82 PS Leistung wurde 1972 von Günter Mittag unterbunden.

Kleinste Verbesserungen werbewirksam gefeiert

Statt die heimische Autoindustrie fortzuentwickeln, setzte die SED ab 1970 im Rahmen des RGW auf eine Kooperation mit der ČSSR beim Bau eines gemeinsamen Autos. Man glaubte, dies würde die hohen Entwicklungskosten halbieren. Aber selbst das wurde der DDR schließlich noch zu teuer und sie stoppte 1973 die Zusammenarbeit. Die Weiterentwicklungen beim Trabant und beim Wartburg beschränkten sich auf kleinere Verbesserungen, die werbewirksam als große Neuerungen angepriesen wurden. Hier gab es mal ein neues Lenkrad, da verbesserte Rollgurte. Ein großer Wurf waren diese Mini-Änderungen auf keinen Fall.

DIO_Ver_DDR_VW 6 min
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Das Aus der Automobilentwicklung: Trabant für immer

Einen letzten Versuch, doch noch mit geringem Mitteleinsatz und weitgehend vorhandenem Maschinenpark ein Nachfolgemodell für den Trabant 601 zu entwickeln, unternahmen die Zwickauer Ingenieure Mitte der 1970er-Jahre. Die Entscheidung traf allerdings wieder das SED-Politbüro. Es beschloss dann in der Sitzung vom 6. November 1979 faktisch das Aus für die Automobilentwicklung in der DDR. Auf Vorschlag des zuständigen Berichterstatters Günter Kleiber entschied das Gremium: Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Bereich des PKW-Baus werden eingestellt.

Über die Stimmung im Politbüro sagte Kleiber später in einem Fernsehinterview: "Es gab Äußerungen: 'Der Trabant ist doch beliebt, es gibt viele Bestellungen!'" Er verteidigte die Entscheidung noch im Nachhinein: "Diese Investitionen hätten eine Summe von elf Milliarden Mark für die Volkswirtschaft der DDR ausgemacht. Diese Investitionen waren im angedachten Zeitraum nicht zu realisieren, wenn man nicht rigorose Einschnitte in anderen Bereichen gemacht hätte."

Schauspieler Wolfgang Stumph 2 min
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So blieb es dabei: Der Trabant sollte rollen und rollen und rollen. Ingenieure hatten errechnet, dass man etwa alle sieben Jahre kritische Blechteile austauschen müsse. Das könne man etwa dreimal tun. So kam man auf eine errechnete Lebenszeit des Trabant von 28,5 Jahren. Es bedeutete aber auch, dass die Fertigung von Ersatzteilen immer wichtiger wurde. In den 1980er-Jahren lag der Anteil der Ersatzteilfertigung an der Gesamtproduktion bei Sachsenring Zwickau bereits bei 30 Prozent.

Trabi - Sinnbild der Rückständigkeit

Günter Mittag fädelte schließlich einen Deal mit Volkswagen ein, wonach im Motorenwerk Karl Marx-Stadt ab 1988 VW Polo-Motoren in Lizenz für den Einbau in Trabant und Wartburg gefertigt werden sollten. Aber nach dem Mauerfall 1989 konnten die DDR-Bürger ungehindert Westautos kaufen. Trabant und Wartburg hatten trotz neuer Motoren in den völlig überalterten Modellen keine Chance mehr auf dem Automarkt. Die bei ihrer Entwicklung so hochmodernen Fahrzeuge waren zum Sinnbild der Rückständigkeit geworden, doch daran waren nicht die Konstrukteure, sondern die politische Führung des Landes schuld. Oder wie es Schriftsteller Thomas Brussig formulierte: "Der Trabant ist die Auto gewordene Verachtung der DDR-Obrigkeit gegenüber dem DDR-Volk".

Dieses Thema im MDR-Fernsehen

Trabant 601 von Detlef Kunze aus Großröhrsdorf, Sachsen.
Trabant 601 von Detlef Kunze aus Großröhrsdorf, Sachsen. Bildrechte: MDR/SWR
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Trabbi - Volksauto des Ostens | 30. März 2021 | 22:10 Uhr