Erich Honecker begrüßt den jugoslawischen Staatspräsidenten Tito
Erich Honecker begrüßt den jugoslawischen Staatspräsidenten Josip Broz Tito 1976 in Berlin. Bildrechte: dpa

Jugoslawien - der "fremde Freund" der DDR

Jugoslawien, gegründet am 1.12.1918, galt als "fremder Freund" der DDR - sozialistisch zwar, aber blockfrei. Die Beziehungen zwischen beiden Staaten waren kompliziert. Mal galt Tito in der DDR als "lieber Genosse", ein andermal als "Faschist". Privatreisen in Titos Vielvölkerstaat waren DDR-Bürgern kaum möglich.

Erich Honecker begrüßt den jugoslawischen Staatspräsidenten Tito
Erich Honecker begrüßt den jugoslawischen Staatspräsidenten Josip Broz Tito 1976 in Berlin. Bildrechte: dpa

Der Legende nach soll der jugoslawische Staats- und Parteichef Josip Broz Tito bei einer Fahrt durch Ostberlin in den 70er-Jahren einmal zu Erich Honecker gesagt haben: "Erich, bei Euch in der DDR sieht's ganz schön grau aus." Immerhin hatte Tito "DDR" und nicht wie sonst üblich "Ostdeutschland" gesagt. Honecker soll aber dennoch ziemlich betreten dreingeblickt und später sogar angeordnet haben, die Fassaden in den Städten des Landes hier und da ein wenig farbenfroher zu gestalten. Aber auch kleine Retuschen konnten am Gesamteindruck nur wenig ändern - im Vergleich zum balkanischen Vielvölkerstaat Jugoslawien war Honeckers kleine sozialistische Republik tatsächlich grau. Und das lag keineswegs nur an den klimatischen und geografischen Unterschieden zwischen den beiden Ländern. Jugoslawien war eben "nicht bloß ein Staat, wie etwa die DDR, sondern ein bisschen auch eine Gesellschaft mit eigenen Standards", schreibt der Publizist Norbert Mappes-Niediek. "Man konnte sich öffentlich positionieren. Wer seinen eigenen Kopf und seine eigenen Ideen hatte, musste deshalb nicht gleich zum Regimegegner werden oder in die innere Emigration flüchten."

Grenzenloses Jugoslawien

Tito, eigentlich Josip Broz - jugoslawischer Politiker
Der Partisanengeneral Tito in den 1940er-Jahren. Bildrechte: dpa

Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien genoss in den Augen seiner Bürger durchaus Reputation und selbst die Idee des Kommunismus stand hier in höherem Ansehen als etwa in der DDR, in Polen oder der ČSSR, was nicht nur daran lag, dass die Jugoslawen nicht hinter einer Mauer eingezwängt waren und es in ihrem föderalen Staat insgesamt auch freier und ungezwungener zuging: von der Parteiideologie abweichende Meinungen wurden durchaus toleriert, es gab echte Wahlen (wenn auch nur zwischen Personen und nicht zwischen Parteien abgestimmt werden konnte, wobei Tito als "Präsident auf Lebenszeit" über jeden Zweifel erhaben war) und staatliche und private Betriebe standen - in gewissen Grenzen - in Konkurrenz zueinander; in den großen Städten und an der Adria lagen wie selbstverständlich internationale Zeitungen aus und der propagierte Antifaschismus war nicht nur eine hohle Phrase - es waren tatsächlich Partisanen gewesen, die das Land befreit hatten. Überdies gab der einstige Partisanengeneral Tito "als respektierter Partner auch der großen Weltenlenker allen Jugoslawen ein großes Stück Selbstachtung", resümiert Norbert Mappes-Niediek. "Selbst noch im Alter glich Tito eher Fidel Castro als Erich Honecker".

"Faschistische Tito-Clique"

Die Beziehungen zwischen der DDR und dem gleichfalls sozialistischen, allerdings "blockfreien" und den Moskauer Führungsanspruch stets in Frage stellenden Jugoslawien waren dramatischen Schwankungen unterworfen.  1947 rief FDJ-Chef Erich Honecker beispielsweise aus: "Es lebe die unzerstörbare Freundschaft zwischen der deutschen Jugend und der jugoslawischen Jugend, die mit Recht stolz sein kann auf den demokratischen Volksstaat, den sie unter Führung Marschall Titos errichtet hat." Nur ein Jahr später war Honecker indes zur Auffassung gelangt, dass, wer "die Entwicklung in Jugoslawien in den vergangenen Jahren verfolgt" habe, "sich gar nicht darüber wundern könne, dass in diesem Land eine verbrecherische Politik betrieben" werde.

Was war geschehen? Tito hatte es 1948 abgelehnt, sich Stalins Machtanspruch zu unterwerfen und stattdessen auf die Eigenständigkeit seines Staates gepocht. Ferner hatte der einstige Partisanen-General den auch im Osten Deutschlands proklamierten "demokratischen Zentralismus" kritisiert und dagegen sein Prinzip der "gesellschaftlichen Selbstverwaltung", den sogenannten Selbstverwaltungs-Sozialismus gesetzt. Von nun an waren die Kontakte zwischen den Kommunisten in Belgrad und Ost-Berlin eingefroren und die SED gelangte 1951 endgültig zu der Überzeugung, dass "das Tito-Regime zu einer faschistischen Agentur und zu einem hündisch ergebenen Werkzeug des Dollar-Imperiums geworden" sei. Der "Bund der Kommunisten Jugoslawiens" wurde gar als "faschistische Tito-Clique" gebrandmarkt.

Kühle diplomatische Beziehungen

Tito und Nikita Chruschtschow 1963 erheben ihre Gläser zum Anstoßen
1963: Tito trifft sich mit Nikita Chruschtschow. Bildrechte: dpa

Nach dem Tod Stalins 1953 entspannte sich Verhältnis zwischen der DDR und Jugoslawien für ein paar Jahre. 1957 nahmen beide Staaten diplomatische Beziehungen auf, was dazu führte, dass die Bundesrepublik ihre Botschaft in Belgrad wieder schloss, weil sie laut der von ihr erlassenen "Hallstein-Doktrin" die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Deutschen Demokratischen Republik durch einen Staat als "unfreundlicher Akt" der Bundesrepublik gegenüber ansah.

Doch die Beziehungen zwischen den beiden sozialistischen Staaten blieben trotz des arroganten Gehabes der Bundesrepublik kühl. Der Grund dafür war, dass Tito den Moskauer Führungsanspruch wieder einmal vehement in Frage gestellt hatte und zudem von der DDR Wiedergutmachung für die von Jugoslawen während des Zweiten Weltkriegs geleistete Zwangsarbeit forderte.

"Lieber Genosse Tito"

Erst 1962 verbesserte sich das Verhältnis zwischen Jugoslawien und der DDR wieder. Tito hatte sich, vor allem aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus, dem "großen Bruder" in Moskau wieder ein wenig angenähert. Damit konnten nun auch die DDR und der Balkanstaat aufeinander zugehen.

Zu einem entscheidenden Wendepunkt in den Beziehungen zwischen der DDR und Jugoslawien geriet jedoch erst die "Vereinbarung über die Abgeltung jugoslawischer Entschädigungsansprüche" für die von Jugoslawen geleistete Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs. Die DDR verpflichtete sich mit der Unterzeichnung des Abkommens am 22. Mai 1963, in den kommenden sieben Jahren insgesamt 70 Millionen D-Mark an Jugoslawien zu zahlen.

1965, als sichtbares Zeichen der guten Beziehungen zwischen den beiden sozialistischen Staaten, reiste Tito schließlich auf Einladung Walter Ulbrichts zu einem Besuch in die DDR. Die beiden begrüßten sich mit Bruderküssen und der SED-Chef heftete dem "lieben Genossen Tito", den er ein paar Jahre zuvor noch als "Faschisten" bezeichnet hatte, den "Großen Stern der Völkerfreundschaft in Gold" für die "hervorragenden Verdienste Josip Broz Titos im Kampf gegen den Faschismus" ans Revers. 

"Fremder Freund"

Doch die harmonischen Jahre waren schnell wieder vorbei … Im August 1968 protestierte der "Bund der Kommunisten Jugoslawiens" heftig gegen den Einmarsch der Truppen des "Warschauer Vertrages" in die ČSSR. Ein halbes Jahr später, im März 1969, unterzog die SED daraufhin in einer Publikation für Parteifunktionäre die Politik Titos einer harschen und generellen Kritik. Die Autoren aus der Abteilung "Internationale Beziehungen" der SED machten unter anderem "Tendenzen der privaten Kapitalbildung und Profitmacherei" im jugoslawischen Bruderstaat aus, die die Gefahr einer Renaissance "kapitalistischer Denkweisen" in sich berge; sie prangerten die private Landwirtschaft als eine Rückkehr des "Kulakentums" an und erkannten in Titos Selbstverwaltungs-Sozialismus "kleinbürgerlich-anarchistische Tendenzen". Bei aller Kritik betonten die Autoren aber, dass die DDR "die staatlichen Beziehungen zur SFRJ nicht einschränken" werde.

Bei dieser Lesart blieb es im Großen und Ganzen auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, als Honecker Ulbricht abgelöst hatte. Die Beziehungen lebten nicht mehr von den großen Spannungen der 50er- und 60er-Jahre, sondern waren von einem gewissen Harmoniestreben geprägt. Zudem brauchte Honecker Titos Jugoslawien als weltweit respektiertes Mitglied der "blockfreien" Staaten bei seinen Bemühungen um die internationale Anerkennung der DDR. 1977 unterzeichneten Honecker und Tito sogar ein gemeinsames Kommuniqué, dass die Freundschaft zwischen beiden Ländern herausstellte. Doch Jugoslawien blieb auch in diesen Jahren für die DDR, was es eigentlich immer gewesen war: Ein schwieriger und eigentlich recht "fremder Freund". 

Für DDR-Bürger weitestgehend tabu

Küste von Kroatien
Malerische Bucht in Kroatien. Bildrechte: IMAGO

Für die DDR-Bürger war Jugoslawien weitestgehend tabu: Der Eiserne Vorhang stand noch vor der Grenze des sozialistischen Bruderstaats - Jugoslawien zählte zu den Ländern, in die nur "ausgesuchte" DDR-Bürger privat reisen durften. Reisen auf eigene Faust waren gänzlich verboten und das "Staatliche Reisebüro der DDR" bot jedes Jahr lediglich 1.000 Plätze an - Busreisen durch Slowenien oder Badeaufenthalte an der Adria. Trotz hoher Preise - durchschnittlich etwa 4.000 Mark pro Reiseplatz - war der Andrang enorm. Wer einen Platz ergattern und sich schließlich in das Flugzeug nach Ljubljana setzen durfte, konnte sich als privilegiert fühlen.

Immerhin durften zwischen 1968 und 1990 etwa 30.000 Kinder aus der DDR, die an Atemwegserkrankungen litten, in ein Sanatorium an der kroatischen Adriaküste reisen. Viele von ihnen kehrten genesen von dort zurück.

Leipziger "Löffelfamilie"

Leuchtreklame: Löffelfamilie in Leipzig
Die "Löffelfamilie" ist denkmalgeschützt. Die Reklame aus Leuchtröhren wurde 2011 restauriert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Leipziger Südvorstadt existiert übrigens noch ein Objekt, dessen Entstehung gewissermaßen auf den legendären jugoslawischen Staats- und Parteichef zurückgehen soll. Nachdem Tito Honecker bei einem Berlin-Besuch gesagt hatte, wie grau ihm die DDR vorkäme, hatte Honecker kurzum angeordnet, sofern irgend möglich, die Fassaden in den Städten der Republik farbenfroher zu gestalten. Im Zuge dieser Kampagne soll dann auch die mittlerweile berühmte "Löffelfamilie" in der Karl-Liebknecht-Straße geschaffen worden sein ... 

(Zitate aus: Norbert Mappes-Niediek, Kroatien. Ein Länderporträt. Christoph Links Verlag 2011; SPIEGEL, Ernste Gefahr, 46/1969.)

(zuerst veröffentlicht am 17.06.2013)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: artour | 30.06.2016 | 22:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2018, 13:16 Uhr

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