Das Altpapier am 10. Februar 2020 Erleben wir eine "Voldemortisierung der medialen Debatte"?

Sturmtief Sabine behindert hier und da heute die Zeitungszustellung – aber vom Wochenende ist eh noch Diskussionsmaterial da: das Höcke-Cover des Spiegels, zum Beispiel. Fernsehkritiken zu "Bad Banks" und zur Politikberichterstattung deuten darauf hin, dass ARD und ZDF schlechter seien, dafür aber besser werden könnten. Und eine NDR-Umfrage zeigt, dass es Menschen geben muss, die die Rundfunkanstalt für glaubwürdig und nicht unabhängig zugleich halten. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 10. Februar 2020: Symbolisiertes Spiegel-Cover mit einem Foto von einem Mann, der sich mit ausgebreiteten Armen in den Sturm stellt.
Bildrechte: MDR / dpa / Spiegel / Collage: MEDIEN360G

Tief Sabines Folgen für die FAZ

Wenn Sie noch nie eine Frankfurter Allgemeine Zeitung gelesen haben, wäre heute eine Gelegenheit, damit anzufangen: Weil es wegen des Sabine benamsten Sturmtiefs "in einzelnen Gebieten zu Ausfällen bei der Zustellung der Printausgabe kommen" kann, schaltet diese Zeitung die "Zugänge zu den digitalen Montagsausgaben kostenlos frei". Das Verfahren hat sich offenbar bewährt. Als einmal an einem Sonntagabend ein Blitz in einer Zeitungsdruckerei in Mörfelden-Walldorf einschlug und die Produktion lahmlegte, hat die FAZ schon einmal ähnlich konsequent und schnell reagiert. Solches Krisenmanagement kann sie.

Nun spricht nicht das Geringste dagegen, die Zeitung zu bezahlen. Aber da Sie das E-Paper nun ja schon einmal geöffnet haben, fangen Sie mit der Betrachtung doch am besten direkt auf Seite 1 mit dem Foto an. Es zeigt die Wellen, die Orkan Sabine im englischen Newhaven schlug. Sie sehen also vorne auf der Printzeitung den Grund dafür, dass sie nicht überall ausgeliefert werden kann. Wenn das nicht hübsch ist.

Die Diskussion über das Höcke-Cover

Falls Sie sich fragen, wie man angesichts der Vielzahl der möglichen Motive auf das eine kommt, das dann für eine Titelseite ausgewählt wird, sind wir mitten drin in einer der Mediendiskussionen des Wochenendes. Deren Thema war das Cover des Spiegels. Darauf ist eine Art Autogrammkarte von Björn Höcke abgebildet, nur ohne Unterschrift. Statt eines handschriftlichen Namenszugs steht da: "Der Dämokrat". Guter Titel? Schlechter Titel? Nun, die einen sagen so, die anderen sagen allerdings dann doch eher so:

"Ein Mann mit blauen Augen, weichen Wangen, dunkelblondem Haar versucht, entschlossen in die Kamera zu schauen – und bei Twitter kann man seit gestern die Jubeltweets der Fans studieren; die nämlich finden, dass der Mann, den Kurt Kister in der 'Süddeutschen' das 'Führerlein' nennt, hier sehr gut und stimmungsvoll getroffen sei",

schreibt Claudius Seidl in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Blendle, 0,55 €) und trifft damit einen Punkt, den auch andere machen: Dass sich Höckianer das Teil ins Klo hängen, ist denkbar.

"Natürlich wird über Fotos, Licht, Ausdruck, ... immer Image transportiert und #Politik gemacht. Dafür gibt es viele formale ikonographische Beispiele", twitterte Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk und hatte zum Vergleich ein Beispiel mitgebracht.

Sollte man Höcke allerdings lieber gar nicht zeigen? Darüber gingen die Meinungen wie üblich auseinander. "Wir heben keinen Neonazi auf den Titel, denn das normalisiert diese Leute, macht sie gesellschaftsfähig", empfahl ein ehemaliger Spiegel-Redakteur. Worauf ein anderer die "Voldemortisierung der medialen Debatte" beklagte. Eine ewige Diskussion, die man angesichts der Talkshow-Gästelisten der zurückliegenden Tage ausweiten konnte: Sollte man Alice Weidel das Podium eines Premium-Talks in der ARD gönnen? "Warum nochmal lädt man die ein?", fragten die einen. "Eine Diskussion über das Debakel von Thüringen ohne 'Verursacher' AfD am Tisch – das kann nicht die Antwort sein", antworteten die anderen.

Was soll man sagen? Vielleicht dass es ums Wie geht und nicht ums prinzipielle Ob?

Wie gut ist das Programm von ARD und ZDF?

Beenden wir die Twitterschau für heute und wenden uns den anderen Medienthemen zu. Der Frage etwa, wie gut die Öffentlich-Rechtlichen sind. Dazu gibt es nagelneue Meinungen von berufener Seite.

Die FAS kritisiert etwa Matthias Fornoffs im ZDF vollführte Verniedlichung des "Tabubruchs von Erfurt" als "Geschmäckle" und damit "auf das Niveau einer politischen Schmierigkeit". DWDL-Kolumnist Hans Hoff derweil würdigt Marietta Slomkas (auch von Meedia gelobte) Interviews im ZDF-"heute journal" (und nutzt das für einen kleinen Seitenhieb gegen das ARD-Vergleichsformat: "Wer kann sich an das letzte wirklich kontroverse Gespräch bei den 'Tagesthemen' erinnern?").

Die Welt derweil hat etwas entdeckt, was ihr gefällt – "Bad Banks", Staffel 2 –, betont dabei aber nicht zu knapp, dass sie das wirklich sehr ungewöhnlich finde: "Es ist eine Leistungsschau dessen, was öffentlich-rechtliches Fernsehen könnte, wenn … es Mut hat, alles zu vergessen, was deutsche Fernsehfilme so dröge macht"; die Serie schreite voran, "ohne dass alles die übliche Volkshochschulhaftigkeit annimmt"). Während es die taz genau andersherum sieht: "Bad Banks" sei eine "Seifenoper im neuen, härteren Look" und mache einen am Ende leider kein bisschen schlauer…

Noch stärker mit dem Blick für das Strukturelle des Programms geht der Tagesspiegel vor, der die Bedeutung der Live-Shows für ARD und ZDF herausarbeitet, nun, da die ARD den Bambi "ins Unterholz setzt", wie es die Samstags-FAZ formuliert hat (siehe zum Thema auch Altpapier vom Freitag). Eine Frage, die dabei mehr als nur mitwabert, lautet: Wäre es vielleicht doch ein Fehler, Burdas Bambi-Show künftig nicht mehr zu zeigen?

"Wenn es um die Frage geht, was das klassische lineare Fernsehen im Buhlen um Aufmerksamkeit gegenüber Netflix, Amazon & Co. mit all diesen großen Qualitäts-Serien ins Rennen schicken könnte, heißt es öfters: das gute, alte Live-Fernsehen. Womit eben nicht nur Fußball-Übertragungen gemeint sind, sondern durchaus auch das, wovon sich die ARD jetzt verabschiedet: die Übertragung von Preisverleihungen wie den 'Bambi'. (…) Berauben sich die großen TV-Sender, gerade auch in Konkurrenz zu den Streamingdiensten, nicht ihrer ureigensten Stärken, wenn sie Live-Shows nach und nach aufgeben, aus dem Programm nehmen?"

Vielleicht würde Karola Wille das bejahen, die Intendantin des MDR, bei dem auch das Altpapier erscheint. Mutmaßt zumindest Kai-Hinrich Renner, der neue Medienredakteur der Berliner Zeitung, in seiner allerersten Kolumne für seinen neuen Arbeitgeber:

"Wille soll gegen das drohende Aus für das güldene Reh Sturm laufen. Ihre Anstalt ist verantwortlich für die Produktion der Gala. Doch wie weit reicht ihr Einfluss? Auf der Agenda der Intendantensitzung kommenden Dienstag und Mittwoch in Köln steht Bambi jedenfalls nicht. Allerdings könnte die Sächsin ihr Anliegen beim Tagesordnungspunkt 'Verschiedenes' anbringen."

Was der Duden allerdings zur Herkunft des Worts "verschieden" sagt: "sich getrennt habend, adjektivisches 2. Partizip von verscheiden"… Insofern: nee. Wir mutmaßen mal, dass das  erstmal nichts mehr werden dürfte mit der Rückkehr des Bambis in den Schoß der ARD.

Wobei es wahrlich auch valide Argumente gibt, die Zusammenarbeit zu beenden. Erstens: "Ob es zum Auftrag der ARD gehört, die Öffentlichkeitsarbeit privater Zeitschriftenverlage zu unterstützen, ist schon seit längerem fraglich" (Berliner Zeitung). Und zweitens: "Die Produktion der Bambi-Gala soll die ARD mehr als eine Million Euro kosten. Für diesen Preis bekommt man bereits eine 'Tatort'-Folge."

Oder knapp drei Intendantinnen und Intendanten für ein ganzes Jahr.

Aber apropos Geld…

Die Ergebnisse der neuen NDR-Trendumfrage

Die Ergebnisse des "NDR Image Trends 2019" sind da, einer Umfrage darüber, "was die Menschen in Norddeutschland über den NDR denken". Die Sache mit den Rundfunkbeiträgen ist demnach in der Großregion geritzt: "Der NDR ist sein Geld wert" – das sagen 72 Prozent der Menschen im Norden. Das ist der Bestwert seit Beginn der Umfragen vor zehn Jahren."

Auch sonst schneidet der NDR in der (vom NDR beauftragten) Umfrage gut ab. "Auf stabil hohem Niveau liegt mit 87 Prozent die Zustimmung zur Glaubwürdigkeit des NDR", heißt es zum Beispiel.

Nur kann man aus Umfragedaten häufig auch Aussagen generieren, die nicht nur schmeichelhaft aussehen. So auch hier. Was man ebenfalls lesen kann, ist zum Beispiel, dass beinahe die Hälfte der Befragten (44%) den NDR als bürokratisch beurteilt. Dass mehr als die Hälfte (56%) ihn belehrend findet. Und dass mehr als ein Drittel der Aussage, dass er unabhängig sei, nicht oder eher weniger zustimmt.


Altpapierkorb (Burdas 80. Geburtstag, MoPo, Fall Assange, "Drittes System")

+++ Verleger Hubert Burdas 80. Geburtstag ist der Anlass für die eine oder andere Zeile in dem einen oder anderen Medium (SZ, FAZ…). Das große Interview hat diesmal das Handelsblatt, dem gegenüber sich Burda "alarmiert zeigt" über die Macht von Facebook, Google, Apple, Amazon und Microsoft: "Größere, wertvollere Unternehmen hat es nie gegeben. Ich bin völlig ratlos, warum die Linke nicht aufsteht und brüllt! Warum sie nicht sieht, dass fünf Firmen die Öffentlichkeit privatisiert haben!"

+++ Über ihre Zukunft nach Burda reden derweil die neuen Playboy-Lizenznehmer im Interview mit der SZ (€). Die auch die Reaktionen auf Arist van Harpes Einstieg bei der Hamburger Morgenpost (Altpapier vom Freitag) auf dem Schirm hat.

+++ Der Fall Assange beschäftigt "Breitband" vom Deutschlandfunkkultur. Und taz-Kolumnistin Bettina Gaus, die einräumt, auch sie habe den Vorwürfen gegen Assange zu leicht geglaubt.

+++ Und Altpapier-Kollege Christian Bartels schreibt in der Medienkorrespondenz über Lutz Hachmeisters Vorschlag für ein neues "Drittes System" in Kombination mit den bisherigen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien (siehe auch Altpapier vom 21. Januar).

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2020, 11:00 Uhr

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