Das Altpapier am 28. Februar 2020 Gesichert unsichere Fakten

Wenn die "Gefahr auf dem Vormarsch" ist und die "Einschläge" näher kommen: Über das Coronavirus wird teilweise berichtet, wie über einen Krieg. Der Bezug ist aber an mehreren Punkten ziemlich fehl am Platz. Wie zielführend ist es, diverse Male laut "Keine Panik" zu schreien, um Panik zu verhindern? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 28. Februar 2020: Lächelndes Monster mit Stahlhelm steht neben einem Bild von einem Virus. Auf dem Bild steht in roten Lettern "Panik!" geschrieben.
Bildrechte: MDR / panthermedia | Collage: MEDIEN360G

Kriegsmetaphern in Corona-Berichten

Politiker:innen tun es, Behörden tun es und Medien auch: Aber funktioniert es eigentlich, Panik zu verhindern, indem man diverse Male laut "Keine Panik" schreit? Das ist aktuell beim Thema Coronavirus der Fall.

"Coronavirus jetzt auch in Baden-Württemberg - Keine Panik!" (DasDing)

"Panik ist unangemessen, Sorge nicht" (Spiegel)

"Experte warnt vor Panik: Coronavirus nun auch in Hamburg und Hessen" (dpa, swp.de)

"Coronavirus erreicht NRW: 'Nicht in Panik verfallen'" (Süddeutsche)

"Coronavirus breitet sich weiter aus – Experte warnt vor Panik" (Frankfurter Rundschau)

"Vorsicht – aber keine Panik" (Zeit-Titel)

"Angst vor dem Corona-Virus – Wir machen Fakten statt Panik" (HR "Maintower")

Na, wer wird sich denn da Sorgen machen? Vor allem wenn nach der letzten Überschrift ausgerechnet beim öffentlich-rechtlichen HR auch noch Kriegsassoziationen bemüht werden:

"Die Einschläge rücken näher – unter dem Eindruck der wachsenden Corona-Gefahr werden viele Menschen ängstlich."

Dabei ist nicht nur der Vergleich schief (Krieg = menschengemachter, intentionaler Angriff. Neuartiges Virus = Mutation, außer in Thrillern eher selten menschengemacht und intentional), sondern auch das evozierte Bild von Bombenexplosionen völlig daneben.

Und es gibt weitere Kriegs-Anleihen: Bei ZDF, Deutsche Welle und Stern wird etwa gefloskelt, das Virus sei "auf dem Vormarsch". Im Glossar der Floskelwolke heißt es dazu: "Ursprünglich eine Formulierung aus dem Krieg, die das Vorrücken auf den Feind beschreibt. Inzwischen im übertragenen Sinne im Einsatz. Zwar geht es meist um die Darstellung von Konkurrenz, der kriegerische Beigeschmack bleibt allerdings."

Auch hier entsteht das falsche Bild einer irgendwie gelenkten Gefahr, hinter der Urheber und Intention stehen. Das wird zwar nur unterbewusst transportiert (Symbolbild eines Coronavirus' mit Offiziersmütze gibt es zumindest in Nachrichtenmedien bisher nicht, puh). Professionelle Redaktionen sollten aber dennoch dringend auf solche unterschwelligen Bilder verzichten: Einerseits, um Unsicherheit und Panik möglichst nicht zu schüren. Andererseits, um den sowieso zahlreich herumschwirrenden Falschnachrichten weniger Grundlage zu geben. Bei der Floskelwolke sind noch weitere amüsant-unpassende Formulierungen zusammengestellt.

Panik, Panik, keine Panik

Aber bleiben wir beim Punkt: Bewirkt nicht gerade der massenhafte Aufruf, nicht in Panik zu verfallen, das Gegenteil? Zumindest vermuten ließe sich das, schaut man auf die Berichte über Hamsterkäufe in Apotheken, Drogerien und Lebensmittelgeschäften. Eine Herausforderung für alle Beteiligten aus Politik, Behörden und auch Medien sei vor allem eine sehr große Unsicherheit, sagte Journalistikprofessorin Marlis Prinzing im Gespräch mit Sebastian Wellendorf bei Deutschlandfunks "@mediasres":

"Und, dass da jetzt aus dieser Unsicherheit heraus es umso bedeutsamer ist, dass Medien ihre einordnende und auch ihre kontextualisierende Funktion erfüllen. (…) Wenn dann aber eins am andern kommt und eigentlich wenig Einordnung passiert und ganz stark mit Reizen und mit aufreizenden Bildern gearbeitet wird, dann ist meiner Einschätzung nach die Schwelle hin zur Sensationalisierung überschritten."

Vor dem Hintergrund könnte man sich die Frage stellen, inwiefern Symbolbilder evtl. auch zur Dramatisierung der Situation beitragen. Verwendet werden hier immer wieder Menschen in Isolieranzügen und mit Plexiglasmasken wie aus einem Pandemie-Thriller. Dann und wann ein etwas weniger dramatische Bild einer Krankenhaus-Außenaufnahme oder einer geschlossenen Behörde/Schule zu zeigen, wäre wohl nicht verkehrt – und ja, würde wohl auch weniger Klicks geben.

Hierzulande sei die Aufmerksamkeit für das Virus so groß, weil es uns ansonsten verhältnismäßig gut geht, sagte der Soziologe und Risikoforscher Ortwin Renn beim NDR. Es gebe

"in Deutschland sehr wenige Naturkatastrophen und andere große Risiken (...), die uns bedrohen, zumindestens individuell. Wenn dann so eine Bedrohung kommt, dann hat das einen großen Aufmerksamkeitswert. Der zweite Punkt ist: Es ist etwas total Neues. Beim Grippevirus haben wir ähnliche Erkrankungswellen, aber die kennen wir, das ist uns vertraut. Da wissen wir auch, dass die meisten Menschen überleben - von daher nimmt uns das nicht so mit. Aber der Neuigkeitswert macht es aus. Was auch eine Rolle spielt, ist, dass Epidemien und Pandemien Katastrophen-Assoziationen auslösen. Man erinnert sich an Filme, an die Pest und andere Dinge."

Wissenschaftlich ≠ valide

"Den Medien" pauschal Panikmache vorzuwerfen, wie ein gewisser orangegesichtiger Präsident in den USA es tut, ist aber auch nicht zielführend. Generell müsse bei solchen Betrachtungen stark differenziert werden, sagt Prinzing auch im Deutschlandfunk. Zwar werde teilweise die eigene Angst in die Berichterstattung projiziert oder grundsätzlich Angst geschürt (voilá). Aber es gebe eben auch die einordnenden, faktenbasierten Berichte (z.B. ausführlich bei Quarks).

Besonders wichtig ist laut der Journalistikprofessorin dabei eine sorgfältige Auswahl von kompetenten Expert:innen und die Vermeidung stereotyper Diskriminierung von Chines:innen ("Made in China" als Spiegel-Schlagzeile oder "Die gelbe Gefahr" in Frankreich, siehe Berliner Zeitung) oder Infizierten, die sich dann eventuell nicht mehr zu Ärzt:innen oder ins Krankenhaus trauen würden. Außerdem warnt sie vor einer voreiligen Verbreitung neuer Erkenntnisse und fordert sorgfältige Prüfung der Quellen, um keine Desinformation zu streuen.

Denn nicht alles, was auf den ersten Blick wissenschaftlich aussieht, muss auch valide sein – genauso, wie es nicht alles was auf den ersten Blick nach Journalismus aussieht auf einer sinnvollen Basis steht (Grüße an die Bild-Redaktion). Zwar bringt die Digitalisierung den Vorteil, dass aktuell viele ihre Studien für jeden lesbar ins Netz gestellt werden, sagte der Wissenschaftsjournalist und Leiter des Deutschen Science Media Centers, Volker Stollorz, Mitte Februar bei Zeit Online, warnte aber auch:

"Das ist gut, sorgt aber sicher auch für eine Überflutung mit Informationen, aus der es erst einmal schwierig ist, das herauszufiltern, was wirklich richtig und relevant ist. (…) Heute verbreiten sich schneller Falschmeldungen, die früher gar nicht erst in die Welt gesetzt worden wären. Zum Beispiel, weil Forschungsergebnisse überhastet veröffentlicht werden: Es gab kürzlich eine Studie, in der behauptet wurde, das Coronavirus habe HIV-Anteile in sich. Diese Studie war noch nicht einmal in einem Journal erschienen – nur auf einem Server für Preprints, wo Forschende Vorabdrucke wissenschaftlicher Arbeiten hochladen können, ohne gutachterliche Prüfungen. Und das Paper wurde relativ schnell von Forschenden widerlegt und zurückgezogen. Trotzdem verbreiten sich Gerüchte darüber in den sozialen Medien weiter, das Paper hat fast 20.000 Tweets produziert."

Wer hingegen gezielt gesichert ungesicherte Berichte sucht, um den ganzen Wirbel etwas gelassener zu sehen, der wird beim Postillon fündig.

Verschluckte Perspektiven

Auch wenn dies nur ein kurzer Abschnitt ist, das Thema gehört nicht in den Aktpapierkorb:

Auch auf der Titelseite der Zeit nimmt das Virus diese Woche viel Platz ein. Es ist die erste Ausgabe mit Redaktionsschluss nach dem Anschlag in Hanau. Dass man das auf dem Titel nicht sieht, wird z.B. bei Twitter kritisiert. In der Zeitung werden die Morde dann aber natürlich thematisiert, unter anderem im Dossier.

Für Aufsehen und Diskussionen sorgt auch eine digitale Zusammenstellung kurzer Aussagen von 142 Menschen, die in Deutschland mit Rassismus konfrontiert sind. Darin finden sich Stimmen von Menschen wie Dunja Hayali, Merve Kayikci, Lamya Kaddor, Aminata Touré, Cem Özdemir oder Gerald Asamoah – Stimmen von Politiker:innen, Journalist:innen, Publizist:innen, Schauspieler:innen und Twitteria.

"Schade, dass in diesem Artikel nur Intellektuelle zu Wort kommen. Die Meinungen, Ängste und Sorgen der Menschen mit Migrationshintergrund aus den anderen Schichten unserer Gesellschaft sollten ebenfalls nicht zu kurz kommen",

kommentiert ein Leser darunter. Die Debatte um den Umgang von Mehrheitsgesellschaft und Regierung mit dem Anschlag und den Hinterbliebenen (lesenswert z.B. Mely Kiyak bei Zeit Online, Samira El Ouassil bei SpOn) muss auch wieder eine Debatte um Repräsentation marginalisierter Gruppen werden. Menschen mit Migrationsgeschichte haben das gestern in der Bundespressekonferenz nochmal deutlich gemacht.

Das ist allerdings nicht vorrangig die Aufgabe Betroffener, sondern vor allem auch die Aufgabe von Politik, Behörden, Medienhäusern, Mehrheitsgesellschaft. Auch in der Zusammensetzung von Redaktionen muss sich das spiegeln, damit nicht mehr so viele Blickwinkel von der Medienrealität verschluckt werden – auch hier bei uns im Altpapier.

Altpapierkorb (Trump verklagt NYT, Sawsan Chebli, Jan Kuciak)

+++ Trumps Wahlkampfteam verklagt die New York Times, berichtet u.a. die Süddeutsche. Es geht vordergründig um Verleumdungsvorwürfe und Schadensersatz wegen eines Meinungsbeitrags in der Zeitung aus dem vergangenen Jahr. Jürgen Schmieder schreibt: "Wer jedoch die Gerichtsunterlagen liest, der erkennt, dass es bei der Klage nur vordergründig um einen Text auf der Meinungsseite vom März 2019 geht und dass nicht die Richter vom Obersten Gerichtshof im Bundesstaat New York die wichtigste Entscheidung treffen werden. Diese Klage, von der kaum jemand ernsthaft glaubt, dass sie auch nur eine winzige Aussicht auf Erfolg hat, ist ein Schachzug des Wahlkämpfers Donald Trump."

+++ Ein rechter Youtuber darf Sawsan Chebli "islamische Sprechpuppe" nennen, hat gestern ein Berliner Gericht entschieden (Tagesspiegel). Der Mann hatte die Berliner SPD-Staatssekretärin mehrfach in seinen Videos gehässig beleidigt. Die Aussage sei allerdings von der Meinungsfreiheit gedeckt, lautete die Entscheidung von gestern. Staatsanwaltschaft und Nebenklage wollen dagegen Rechtsmittel einlegen. "Für Sawsan Chebli ist das Urteil eine 'bittere Nachricht für alle, die von Hass und Hetze betroffen sind, die von Rassisten beleidigt, bedroht und angegriffen werden'. Die Feinde der Demokratie nutzten verstärkt die Schwächen des Rechtsstaates aus, um ihre Hetze ungehemmt zu streuen", schreiben Katja Füchsel und Sebastian Leber.

+++ Mutmaßlicher Auftraggeber des Mordes an dem slowakischen Investigativjournalisten Jan Kuciak zu 19 Jahren Haft verurteilt, allerdings in einem anderen Fall, berichtet der Standard.

+++ In Rezos Kolumne bei Zeit Online finden sich auch diese Woche wieder medienkritische Elemente zur Berichterstattung über das CDU-Personalgeplänkel: "Würde man bei einigen dieser Artikel die Namen mit denen von Kandidatinnen aus Germany's Next Topmodel, Dschungelcamp oder DSDS austauschen, wären es plötzlich nicht mehr Titel großer deutscher Zeitungen, sondern großer deutscher Klatschmagazine. Es geht in beiden Fällen zu einem großen Teil um das Spektakel von Konkurrenzkampf, den Zoff währenddessen und die anschließende Analyse von all dem." Berichterstattung über die Klimakrise (Hitzerekord in der Arktis, Kostenanalysen, Zusammenhang der Krise mit Konflikten in der Sahelzone) zurückgefahren werde.

+++ Wann, wie, wo mit verharmlosender Sprache über Frauenmorde berichtet wird, hat Genderequalitymedia untersucht. In nur 18 Prozent der Fälle wurde das strukturelle Ausmaß der Gewalttaten benannt, in 211 von 258 Artikeln wurde die Gewalt sprachlich verharmlost, ergibt die Auswertung. Dabei werde der Mord etwa als "Beziehungstat" oder "Familiendrama" bezeichnet.

+++ "Den Mantel einer Coming-of-Age-Geschichte an einer amerikanischen High School nur überstreifend, erzählt sie von einer Erfahrung, die zwar auch in der Pubertät ihren Platz hat, uns aber lebenslang begleitet: vom Kontrollverlust", schreibt Axel Weidemann bei Faz.net über die Netflix-Serie "I Am Not Ok With This..."

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Montag.

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