Das Altpapier am 30. März 2020 No Quarantinis for the Creatures of the Night

Wer oder was kann die TV-Unterhaltung substituieren? Die klassischen Fernsehshows haben es momentan genauso schwer wie ihre Anchormen und -women. Und die Krise vergrößert den Entertainer-Generation-Gap. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 30. März 2020: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Streams in Strömen

Thomas Gottschalk, Oliver Pocher und Günther Jauch werden doch nicht mit Quarantinis anstoßen: Den Entertainern, die auf RTL eine ganze Woche lang allabendlich von zuhause aus in Beauty-Blogger-Ästhetik über Corona und die Welt sprechen wollten, mochte niemand zuschauen.

Der Spiegel berichtet, dass RTL die, nun ja, "Show" nach drei Folgen hastdunichtgesehen wieder abgesetzt hat. Mit der Betonung auf "hastdunichtgesehen". Wir Zuschauer*innen waren den Quoten zufolge sehr schnell abgelenkt. Denn erstens haben wir selber Quarantäne und Quarantini zuhause, vielen Dank, und zweitens erleben wir momentan eine echte Schwemme an virtueller Unterhaltung, die coronabedingt-ausgefallenes Real Life-Entertainment substituieren soll. Sozusagen Streams in Strömen.

Unterhaltung durch Eskapismus?

Dabei hat das Fernsehen, um mal bei einem stark betroffenen Medium zu bleiben, in seinem Unterhaltungssegment eh nur zwei Möglichkeiten: Entweder es lenkt uns ab – mit Eskapismus. In Form von eskapistischen Spielfilmen, am besten solchen, die sich schon deswegen von der aktuellen Situation distanzieren können, weil sie Jahre oder Jahrzehnte alt sind, oder historische Themen behandeln.

Der RBB sendet zum Beispiel zu unchristlichsten Zeiten (und skandalöserweise noch vor der "Fitnesszeit") ganz früh seine "Familienzeit" mit schönen alten, vor Eskapismus überquellenden Märchen. (Dass die Krise auch in der aktuellen Fiktionsproduktion Einzug halten werden MUSS, so dass Drehbücher für Filme und Serien umgeschrieben werden müssen, ist ein anderes sehr interessantes Problem und soll ein anderes Mal besprochen werden.) Aber auch in Form von Kurzfilmen, Arte möchte dem Publikum momentan am liebsten jeden Tag einen neuen unterjubeln, denn einer geht noch rein, auch im Homeoffice.

Unterhaltung ohne Klatschvieh?

Die andere Möglichkeit für das Fernsehen ist es, die eigenen Unterhaltungs-Produkte weiterzusenden – aber coronabedingt umgebaut: Sämtliche Talkshows finden momentan ohne Publikum statt.

Das bedeutet für politische Live-Sendungen wie Maybrit Illner, Hart aber Fair, Anne Will und Maischberger keine große Veränderung, hier geben die Zuschauer*innen allenfalls die Stimmungslage wieder, aber produzieren keine Inhalte, und sind für den Fun- und Erkenntnisfaktor unerheblich. (Obwohl Maischberger bestimmt drei Kreuze macht, dass ihre Sendung rechtzeitig zur menschenleeren Atmosphäre nicht mehr "Menschen bei Maischberger" heißt...)

Doch reine Unterhaltungsformate, vor allem die der Privatsender, wirken ohne Klatschvieh wie zappelnde Fische auf dem Trockenen. Und am meisten zappeln die Macher*innen: Wenn man gewöhnt ist, die Reaktion eines Publikums vor sich zu haben, wenn einen vielleicht sogar genau das, die direkte Bestätigung durch Applaus, einst auf die Bühne oder in seinen Beruf getrieben hat – wo soll man dann bloß mit seinem Geltungsdrang hin?! Warum soll Dieter Bohlen jemanden beleidigen, wenn keiner guckt? Und dass Oliver Welke in der dritten stillen Heute-Show behauptete, er habe sich inzwischen daran gewöhnt, denn "wer braucht Applaus, wenn er das Lachen seine Kameraleute hat?", und dazu auf die saure Miene seines DoPs schneiden lässt, das ist zwar einigermaßen komisch – aber die Verzweiflung darüber, ins Nichts zu witzeln, merkt man fast allen Comedians an.

Generation-Gap-Gags

Jedenfalls den Alten. Das Problem, mit einer kleinen Kamera zu flirten, anstatt mit einem Saal voller Menschen, haben nämlich vor allem jene talentierten Rampensäue, die mit hörbarem Applaus aufgewachsen sind. Die auf langjährige Karrieren zurückblicken, die auf harten Bühnenbrettern standen, die die Aufregung einer Live-Show erst richtig anstachelt.

Gemeinerweise werden diese Eigenschaften (gern auf Bühnen stehen, den Applaus genießen) momentan nicht mehr gebraucht. Stattdessen ist das gefragt, was vor allem Beauty-Blogger*innen richtig spitze können: Vom DIY-Homestudio aus in die Kamera über "Contouring" reden und sich dabei so auszuleuchten, dass das Gesicht eine flächige Kosmetikebene bildet. (Apropos "Glatt wie ein Blatt": Die besten Schminktutorials sind natürlich die, in denen 22jährige Model-Küken sich die "Falten" oder "Augenringe" wegschminken. Irgendwann, irgendwann in nicht so ferner Zukunft mache ich auch mal so ein Tutorial. Und dann wird das Internet zusammenbrechen, weil die vielen Mäuse sich meinen viralen Clip zuschicken und aus dem Entsetzen über die echten Falten nicht mehr herauskommen, so wie Michael York und Jenny Agutter in "Flucht ins 23. Jahrhundert", wenn sie nach der Flucht aus der U30-Hölle das erste Mal einem ALTEN MANN, nämlich Peter Ustinov, begegnen. Großartig.)

In diesem Zusammenhang wird übrigens auch klar, wieso YouTuber*innen und Influencer*innen permanent sämtliche Atempausen zwischen den Sätzen wegschneiden: Weil dort eh kein Applaus zu erwarten ist!

Noch’n Witz

Dass es nach der Krise Veränderungen in allen Bereichen geben wird, also auch in der Fernsehunterhaltung, ist klar. Wir sind erst am Anfang des Wechsels. Übrigens wird die 40-Jahre-Jubiläumsshow zu "Verstehen Sie Spaß?" am 4. April ebenfalls im Geisterstudio stattfinden, wie das RND berichtet. Denn in Bezug auf Gesundheitsgefahren versteht der SWR selbstredend keinen Spaß, wenn man mir diesen lahmen Kalauer erlaubt. Er passte einfach zu gut.

(Apropos lahme Kalauer und Witze, die nicht für alle Generationen geeignet sind: Es gibt einen Witz mit einem Mann, der mit Claudia Schiffer auf einer einsamen Insel gestrandet ist, und sie am Ende "Klaus" nennt... der bringt meine Theorie über die Auswirkung von fehlendem Publikum auf das Selbstverständnis vieler Entertainer ganz gut auf den Punkt... aber ich habe keine Lust, den zu erzählen, ich bin nicht sicher ob er misogyn oder misandrin ist. Eines ist immerhin klar: Schiffer-feindlich ist er nicht. Claudia wirkt in dem Witz absolut sympathisch, wenn ich mich nicht irre, hihihi.)


Altpapierkorb (Fit durch die Krise, Nachruf auf Penderecki, Quarantäne WG im ORF, Tipps von Astro-Alex)

+++ Im Focus: Fit durch die Krise, ein Sportprogramm mit Detlef D! Soost! Dem Mann, der das Ausrufezeichen glatt in seinen Namen klebte! (Das passt auch ein bisschen zu dem obigen Thema Geltungsdrang!) !!!

+++ Im Tagesspiegel: Ein angemessener Nachruf auf den großartigen Komponisten Krzysztof Penderecki. Wer so etwas Düsteres durchaus mit Eskapismus in Verbindung bringt, der sollte sich dieser Tage ruhig Stanley Kubricks "Shining" mit Musik von Pendercki und den übrigens ebenso bedeutungsvollen Kostümen von Milena Canonero anschauen.

+++ In der taz: Eine Quarantäne-WG der ganz anderen Art - eine sehr interessante Reportage über den ORF, wo gerade 68 Angestellte aus Quarantänegründen kampieren. Drei Mal am Tag Fiebermessen (aber mit Infrarot, nehme ich an?!).

+++ Und im SWR: Tipps von Astro-Alex für die Coronakrise. Was wirklich sinnvoll ist – der Astronaut Alexander Gerst hielt 362 Tage lang in einer Nusschale im Weltraum aus. (Wir warten auf ähnliche Tipps von Julian Assange und Edward Snowden.)

Neues Altpapier gibt es am Dienstag.

1 Kommentar

Andreas am 30.03.2020

Durch das Fehlen von Klatschvieh ist die inhaltliche Dichte bei der heute-Show höher. Gerade im ZDF wird durch Publikumsapplaus die Hälfte der Sendezeit gefüllt. Wäre vielleicht mal eine Untersuchung wert: Wortanteil bei der heute-Show MIT und OHNE Publikum. ;-)