Das Altpapier am 06. April 2020 Das ist nicht die Zukunft des Interviews

Ein Dietmar Hopp beantwortet keine Rückfragen, ein Dietmar Hopp schickt Statements ein – und das ZDF akzeptiert das. Außerdem: Wovor die Organisation "Reporter ohne Grenzen" warnt. Und Corona als Hydra betrachtet: Ist eine Frage beantwortet, wachsen zwei neue nach. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 06. April 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Das PR-Gesulze des Wochenendes

Fällt Ihnen etwas auf an diesen Gesprächen, die ZDF-Moderator Jochen Breyer am Samstag im "Aktuellen Sportstudio" mit einem Fußballer und einem Virologen führte? Bingo, sie wurden beide, wie in diesen Tagen üblich, per Schalte geführt. Kein Handshake nötig, kein Anhusten, keine Fummeleien, nichts. Und trotzdem konnte man miteinander reden: Es gab nicht infektiöse Gespräche nach dem anerkannten Muster "Hallo" – "Hallo" – Frage – Antwort – Rückfrage –Antwort – Frage –Antwort – "Machen Sie’s gut" – "Sie auch".

Mit Dietmar Hopp, dem Mäzen der TSG Hoffenheim, sei ein Gespräch dagegen nicht möglich, weil er aufgrund seines Alters zur Risikozielgruppe gehöre, sagte Breyer in der Sendung. Man habe ihm deshalb schriftlich Fragen gestellt, die Antworten seien dann von Hopp als Video übermittelt worden.

Äh. Hm? Als dürfte man als Risikozielgruppe nicht videotelefonieren, skypen, zoomen oder sonstwasen. Zumal – Fun fact – Hopp Mitgründer eines Softwarekonzerns ist, dem sicher eine Lösung einfiele, wenn es nicht schon zahlreiche gäbe.

Hopp las dann offenbar vorformulierte Antworten ab; dafür sprach zumindest, neben dem unnatürlichen Duktus, die Bewegung seiner Augen. Rückfragen waren nicht möglich. Und so konnte es auch keine Rückfrage geben, als Hopp nach einigem PR-Gesulze über seine soziale Ader behauptete: Es sehe gut aus, dass es aus seinem Haus im Herbst einen Impfstoff gegen Covid-19 gebe.

Ich finde, es ist verantwortungslos, so etwas zu behaupten. Dass anschließend ein Virologe zugeschaltet war, der sagte, dass dieser Zeitplan unrealistisch sei, war deshalb gut.

Trotzdem, warum sendet man solch ein halbes Statement, das einen doch misstrauisch machen muss? Warum lässt sich das "Sportstudio" auf so etwas ein – noch dazu, wenn Moderator Jochen Breyer auch den Neujahrsempfang von Hopps Verein moderiert hat (worauf Sportjournalist Jens Weinreich hinwies)? Das sei "willfährige PR-Arbeit", fand der Sportjournalist Günter Klein, und der Tagesspiegel fasste noch ein paar weitere Reaktionen zusammen. Warum sagt man Hopp nicht einfach: "Wir hätten gern ein Interview, aber wenn Sie uns keines geben, dann lassen Sie es halt"?

Dass die Form des Hopp-Interviews auch noch mit einem Verweis auf Corona begründet wurde, macht es nur schlechter. Nochmal zum Mitschreiben: Das Interview hätte anders geführt werden können. Das schriftliche Einreichen von Fragen war nicht notwendig, um Hopp vor dem Virus zu schützen. "Das mit der Gesundheit des Milliardärs zu begründen, so wie es Breyer in seiner Anmoderation getan hat, darf man getrost als dreist bezeichnen", kommentiert die taz. Das gesamte Setting war höchstens notwendig, um Hopp vor Rückfragen zu schützen. Corona wurde nur vorgeschoben. Und wir werden aufpassen müssen, dass so etwas nicht einreißt und nach dieser Krise als übliche Praxis gilt. Davor warnt übrigens auch Reporter ohne Grenzen.

Über Corona-bedingte Einschränkungen des Journalismus

Die Reporter Ohne Grenzen (international: RSF) sind eine der Organisationen – international sicher die wichtigste –, die gerade den Überblick darüber zu behalten versuchen, wie sich die Corona-Krise auf Journalisten und Journalismus auswirkt. Michael Hanfeld gab in der Samstags-FAZ einen Überblick:

"So wie andere ihre Leser mit einem 'Corona-Ticker' über die Entwicklung der Pandemie auf dem Laufenden halten, zeichnet 'Reporter ohne Grenzen' in einer fortwährend länger werdenden Erzählung auf, wie sich das Virus der Lüge, Zensur und Unterdrückung der Wahrheit ausbreitet, von dem man nicht vergessen darf, dass es seinen Ursprung genau dort nahm, wo der neuartige Corona-Erreger herkommt – in China, in der Provinz Hubei, in der jetzt viel mehr Angehörige die Urnen ihrer Verstorbenen abholen dürfen, als die offizielle Statistik Opfer nennt, und Reporter, die den Verlautbarungen der Staatsführung nicht trauten, verschwunden sind."

Was Deutschland betrifft, nun zitiert nach der Website der RSF selbst:

"Auch wenn RSF bislang keine gravierenden Corona-bedingten Einschränkungen der Pressefreiheit in Deutschland zu Ohren gekommen sind: Die Versuchung ist offensichtlich durchaus vorhanden, zum Beispiel das für viele Institutionen neue Format der Video-Pressekonferenz für eine restriktive Zulassung von Journalistenfragen zu nutzen oder nur vorab eingereichte Fragen anzunehmen." (Links im Original)

Das ist vielleicht für den Journalistenstand in Deutschland das größte Risiko dieser Krise: dass die Fragen, von denen es so viele gibt, in genehme und nicht genehme sortiert werden wie bei Aschenputtel. Dass man womöglich dankbar sein muss über jede Antwort, die man bekommt.

Wobei: "das größte Risiko"? Wer wollte beurteilen, worin das besteht? Wirtschaftliche Einbußen für Journalisten und für Medienhäuser sind auch ein Risiko. Nun ist auch von Sparmaßnahmen beim Spiegel, von Kurzarbeit bei der Zeit und von reduzierten Heftumfängen bei Klambt die Rede, und das sind nur die News vom Wochenende (mehr: zuletzt im Altpapier vom Freitag). Über die jüngsten Änderungen bei Landeszuschussprogrammen für freie Journalistinnen und Journalisten informiert zudem der Berufsverband Freischreiber. Und was die Corona-Sache für die Produktionsbranche bedeutet, darüber schreibt ausführlich epd Medien. "Bundesweit sind nach Schätzungen aus der Produktionsbranche mindestens 10.000 Filmschaffende betroffen", heißt es dort. Zu den weniger einschneidenden Einschränkungen zählt, dass sich die Darsteller einiger Daily Soaps "nun selbst schminken" müssen.

Die epidemische Berichterstattung über die Epidemie

Kommen wir aber zurück zu den vielen Fragen, die in Corona-Sachen verlässlich jeden Tag aufs Neue offen sind. Das Gesellschaftsgespräch über Corona ist wie eine Hydra. Ist eine Frage beantwortet, wachsen zwei neue nach.

Ein kleines Projekt des laut seiner Website "freelance interaction and data visualization designers" Christian Laesser zeigt diese Entwicklung. Er hat die Berichterstattung in der Wochenzeitung Die Zeit quantitativ ausgewertet und zeigt, in welchen Ausgaben, auf welchen Seiten und in welchen Beiträgen einer der Begriffe Corona, 2019-nCoV, SARS-CoV-2 oder COVID-19 vorkam: "Wann und wie hat sich DIE ZEIT mit dem Coronavirus angesteckt?", lautet seine Ausgangsfrage. Zwei Erwähnungen auf der Wissens-Seite 30 am 23. Januar waren die ersten. In der Ausgabe vom 2. April ist von Corona und Konsorten auf 44 Seiten die Rede. Die Form folgt quasi dem Inhalt: Die Epidemie wird mit epidemischer Berichterstattung begleitet. Und das gilt sicher nicht nur für Die Zeit.

Die Talks in diesen Zeiten

Quantitativ ist die Corona-Berichterstattung ganz generell nicht schlecht, dafür gibt es reichlich Hinweise. Noch nie gab es etwa eine solche Häufung von öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm-Talkshows zu einem Thema wie derzeit; nicht einmal auf dem Höhepunkt der Wulff-Affäre. Auch die wurde sehr breit verhandelt, aber es gab damals zwischendurch immer wieder einmal einen Ausflug zu anderem. Corona dagegen scheint alle anderen Themen regelrecht aufzufressen. (Was auch Übermedien kritisch bemerkt: Dort steht eine für das Portal untypische Reportage, die – und daher passt sie doch dorthin – davon handelt, "was passiert, wenn die Öffentlichkeit verschwindet, weil sie sich fast vollständig auf ein anderes Problem verlagert").

Bemerkenswert ist etwa auch die Verdopplung des Sonntagabend-Talks in ARD und ZDF. Wo einst nur "Anne Will" (ARD) war, läuft seit einigen Wochen auch ein "Maybrit Illner spezial" im ZDF, zum Teil zeitgleich. Warum?

"Informationsbedarf und öffentlicher Auftrag, schon klar. Aber zwei parallel laufende öffentlich-rechtliche Talkshows zu Corona braucht’s nun wirklich nicht", findet Stefan Winterbauer unter Rückgriff auf einen Medienkorrespondenz-Tweet bei Meedia.

Vielleicht ist es aber auch gar nicht so interessant, was das ZDF antreibt, dem öffentlich-rechtlichen Partner – mit dem zusammen man im öffentlichen Gespräch als "die Öffentlich-Rechtlichen" bekannt ist – derart Konkurrenz zu machen. Carolin Emcke findet zum Beispiel interessanter, warum die Talks weitergehen wie vorher, nur eben in erhöhter Frequenz. Warum, während sich doch so viel Gewohntes gerade ändert, diese Gewohnheit nicht angetastet werden kann.

Emcke schreibt für die Süddeutsche Zeitung im Wochenrhythmus online ein Corona-Journal. (Das Julia Encke in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung – 0,55 € bei Blendle – als eines von zu vielen Corona-Tagebüchern kitschig und verzichtbar findet.) Carolin Emcke jedenfalls schrieb in ihrem ersten Corona-Journal:

"In den Talkshows haben die größeren Abstände (…) zu gar nichts geführt außer zu größeren Abständen. Die Möglichkeit, so eine Krise auch zur kritischen Selbstbefragung zu nutzen, sich zu überlegen, welche Form von Gespräch es bräuchte, um zur Abwechslung auch mal so etwas wie Erkenntnis zu generieren, welche Form der Ansprache für bestimmte Gäste, welche Dramaturgie es braucht, damit die Verbindungen zwischen medizinischen, sozialen, psychologischen Fragen als Verbindungen auch sichtbar werden, was es bedeutet, wenn eine Epidemie noch nicht ganz entschlüsselt, nicht ganz verstanden ist, wenn mit Modellen gearbeitet wird, die erst nach und nach mit größeren, präziseren Datenmengen gefüttert werden können ... über all das hätte nachgedacht werden können. Womöglich hätte das dazu geführt, eine Sendung auch einfach mal nur mit einem oder zwei Gästen zu machen, und ihnen den Raum zu geben, den sie brauchen, um die komplexe Analyse nicht zu verstümmeln, um Ambivalenzen nicht zu verschlichten, um nicht in Pseudo-Eindeutigkeiten genötigt zu werden."

Gewünscht also sind ein bis zwei Gäste statt ein Kleinbus voller Leute, ein Fernsehpodcast mit einem wie Christian Drosten statt eine Fünferrunde. Die Forderung ist alt, und sie hat eine gewisse Berechtigung. Vielleicht muss man aber der Fairness halber auch einfach sagen: Das Problem ist nicht, dass in Talks mehrere Leute zusammensitzen – das liegt halt letztlich am Format. Sondern dass die Talks so regelmäßig prominent gezeigt werden, wodurch wohl der Eindruck entsteht, man könne die Begriffe "Talkshow" und "Fernsehen" synonym verwenden.


Altpapierkorb (Versäumnisse oder vermeintliche Versäumnisse der Corona-Berichterstattung)

+++ "Es ist richtig, dass wir gerade auf die Daten über die Wirksamkeit unserer aktuellen Maßnahmen warten. Die haben wir erst in 2, 3 Wochen. Darüber will ich hier auch nicht spekulieren. Ich mein’, es ist ja auch richtig und wichtig, im Nebel auf Sicht zu fahren. Aber wir wollen doch trotzdem ungefähr wissen, wie lang die Straße sein wird, oder? Und die Sache ist die: Über die Länge der Straße wissen wir jetzt schon ziemlich gut Bescheid. Und bei all der Berichterstattung über die Corona-Krise ist genau das ein Punkt, über den meiner Meinung nach zu wenig diskutiert wird": die funk-Youtuberin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat ein viel gesehenes und sehenswertes 22-Minuten-Video gemacht, nach dem man klüger ist als vorher.

+++ Der Medizinethnologe Hansjörg Dilger von der Freien Universität Berlin sieht einen anderen Aspekt unterrepräsentiert: Wir sollten "viel stärker über internationale und globale Solidarität – und die Aufrechterhaltung humanitärer Prinzipien – diskutieren", sagt er. "Dies betrifft den Zusammenhalt innerhalb Europas ebenso wie die unerträgliche Situation von Geflüchteten an den Außengrenzen der EU; in afrikanischen Ländern wird die Corona-Pandemie die sozial Schwächsten in einem Maße treffen, das die globale Wirtschaftsordnung mit zu verantworten hat."

+++ Die Schriftstellerin Juli Zeh sagt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (€), man habe "Experten zu Beratern gemacht und zugelassen, dass eine eskalierende Medienberichterstattung die Öffentlichkeit und die Politik vor sich her treibt". Und sie beklagt, es habe keine ausreichende Debatte über Alternativen zu den in Deutschland ergriffenen Maßnahmen gegeben.

+++ Und es gibt eine Diskussion über die App, die bei der Corona-Bekämpfung helfen soll. Würden die Daten anonymisiert oder nur pseudonymisiert? Das ist eine der Fragen, die eine breitere öffentliche Debatte vertragen würde. Hintergründe dazu gibt es bei Legal Tribune Online, Kritik etwa hier.

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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