Das Altpapier am 27. April 2020 Meinungsstärke, aber als Schwäche

Die taz wird als “Mainstream“ beschimpft, weil sie angeblich nicht kritisch genug über die Corona-Maßnahmen berichte. Wer partout dagegen sein will, muss aber dummerweise ein paar wissenschaftliche Erkenntnisse übergehen. Christian Drosten kritisiert Interviewkürzungen, die FAZ lobt “Spektrum der Wissenschaft“, und der Spiegel druckt den “Appell einer illustren Runde“. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 27. April 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

“Kritik aus Prinzip ist nicht mehr als eine Pose“

Ein Leser hat der taz geschrieben, er sei “absolut enttäuscht über (ihre) sehr einseitige Berichterstattung zum Thema Corona. Da wird wirklich nur der gängige 'Merkelsprech‘ nachgebetet.“ Eine andere Leserin der Zeitung klagt, die “Berichterstattung tendiert täglich mehr zum Mainstream“. Es gibt mehrere solcher Leserbriefe; in der Wochenendausgabe der taz (deren Redakteur ich einmal gewesen bin) waren sie abgedruckt. Und die Zeitung hat sich vergangene Woche und am Samstag mit dieser Kritik auseinandergesetzt: “Mutiert die taz zum Regierungsblatt?“ Die Antwort der Redakteure Ulrich Schulte und Malte Kreutzfeldt lautet: tut sie nicht.

“Auch wenn die taz eine lange Geschichte als Teil der 'Gegenöffentlichkeit‘ hat: Etwas zu schreiben, was wir eindeutig für falsch halten, nur um uns vom sogenannten 'Mainstream‘ zu unterscheiden, kann und darf nicht der Anspruch einer intelligenten Zeitung sein. Kritik aus Prinzip ist nicht mehr als eine Pose. Gute Argumente eines Gegenübers zu ignorieren, weil er auf der vermeintlich falschen Seite steht, ist Ideologie.“

Nun sind die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nicht alternativlos, aber das meinen die Autoren meinem Textverständnis nach auch nicht. Sie begründen vor allem, warum sie nach der Beschäftigung mit den sich ständig verändernden Erkenntnissen davon absehen, gegebenenfalls begründungsschwache Gegenpositionen einzunehmen, nur um dadurch Meinungsstärke zu demonstrieren.

Die taz touchiert hier eine der größeren Fragen, die sich Medien in der Pandemiesituation stellen: Wie weit kommt man mit den Werkzeugen, die so im Debattenkasten herumliegen? Was nützen sie, wenn man doch nun auf einer ganz neuen Baustelle arbeitet? Kann es unter Laien große Meinungsvielfalt über epidemiologische Erkenntnisse geben, und wenn ja: Ist der Dunning-Kruger-Effekt auch eine Meinung? Wie entsteht Erkenntnisgewinn?

“Geisterdebatten“

Julia Encke hat sich anschlussfähiger Fragen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung angenommen. Bei ihr geht es zwar um die “großen Theoretiker“ und nicht um journalistische Medien. Aber wer “die großen Theoretiker“ gedanklich durch “Publizisten“ ersetzen möchte, sollte sich nicht hindern lassen; zumindest für den folgenden Absatz geht das:

“Durch die Corona-Pandemie befinden wir alle uns in einer völlig einmaligen Lage, das Virus ist neu, die Faktenlage unsicher, sichere Prognosen sind unmöglich. Aber die Begriffe, mit denen die großen Theoretiker daherkommen, sind ihre alten. Sie sagen einfach, was sie immer schon gesagt haben; nehmen ihre bekannten Erklärungsmuster, stülpen sie der gegenwärtigen Situation über – und nichts Neues geht daraus hervor.“

Wie schwierig es freilich ist, überhaupt eine politische Auseinandersetzung zu führen, wenn die Fakten von einem Virus gemacht werden und “die unterschiedlichen Diskursteilnehmer aus Politik, Wissenschaft, Recht oder Wirtschaft alle mit unterschiedlichen Währungen handeln, die miteinander teilweise inkompatibel sind“, darüber hat am Donnerstag Samira El-Ouassil in ihrer Spiegel-Onlinekolumne geschrieben. Sie sprach von “Geisterdebatten“, von einer Auseinandersetzung, die “an die Grenzen ihrer eigenen Kohärenz und Sinnhaftigkeit“ komme, wenn sie um ihrer selbst willen stattfinde. Es ging ihr auch um “Kolumnisten“ dabei:

“Statt die wissenschaftlichen Gegebenheiten stoisch zu akzeptieren, wirft man sich in die kritische Gegenpose, um zumindest publizistisch Widerstand gegen das Virus leisten zu können, in Form einer mediatisierten Performance der Debattenfreiheit – als ob gegen Covid-19 anzudiskutieren, eine Lösung brächte und nicht nur eine Lösungsfindung inszeniert. (…) Die hobbyvirologische Antipose hat etwas beeindruckend Selbstüberschätzendes, auch wenn mit der eigenen Unwissenheit kokettiert wird, weil es in der Medienlogik offenbar immer noch besser ist zu sagen, dass man zwar keine Ahnung hat, aber dezidiert dagegen ist, als gar nicht zu senden.“

Die Frage, ob man das darf, stellt sich nicht: Natürlich darf man. Es ist aber nicht immer ganz einfach zu bestimmen, was eigentlich mit welchem Interesse verhandelt wird.

In Berliner U-Bahnen und Bussen gilt zum Beispiel von heute an eine Maskenpflicht. In Supermärkten gilt sie aber – anders als in anderen Ländern – nicht. Wenn nun Michael Maier in der Berliner Zeitung diese lokale Regelung zum Anlass nimmt, “der Politik“ vorzuwerfen, sie habe “jedes Maß verloren“: Dann fragt man sich schon, ob er nun Dinge über das Virus weiß, die sonst niemand weiß. Oder ob vielleicht das Interesse eines Zeitungsherausgebers mitkommentiert.

Oder nehmen wir sechs prominente Gastautorinnen und -autoren, darunter etwa Alexander Kekulé (der natürlich kein Hobbyvirologe ist), Juli Zeh und Boris Palmer, die im Spiegel (€) fordern, die Maßnahmen gegen Corona weiter zu lockern, und die behaupten: “Covid-19 ist für die Bevölkerung nicht gefährlicher als die Grippe.“ Geht es hier um die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse, aus denen Lockerungsmaßnahmen folgen würden? Oder geht es darum, Gründe für eine Lockerung von Maßnahmen zu finden, und sei es in der Verharmlosung des Virus?

Spiegel-Redakteur Mathieu von Rohr nannte den Text in einem Newsletter am Samstag etwas spöttisch den “Appell einer illustren Gruppe“. Viele ihrer Aussagen “sind – um es vorsichtig auszudrücken – wissenschaftlich höchst umstritten“, schrieb er. Gedruckt wurden sie aber doch: “(w)eil demokratische Debatte und freie Meinungsäußerung wichtig ist, auch wenn man nicht inhaltlich übereinstimmt“. Darüber immerhin besteht ein ziemlich breiter gesellschaftlicher Konsens.

Das grassierende Gerede von der “Diktatur der Virologen“

Wie aber können Medien Wissenschaft vermitteln, und wie stellen sie sich dabei an? Der Virologe Christian Drosten hat in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung ein weiteres Mal seine Medienkritik bekräftigt:

“Ich habe bald gemerkt, dass in dieser Krise viel Information verloren geht. Ich hatte über den Januar und Februar versucht, deutliche Warnungen auszusprechen – ohne Panik zu verbreiten. Aber aus den Interviews wurde viel herausgeschnitten.“

Sagt er. Nun ist das Schneiden eines Interviews kein Vergehen, sondern in vielen Fällen schlicht notwendig; hier kollidiert wohl wissenschaftliche mit massenmedialer Logik. Nur geht bei der journalistischen Bearbeitung mitunter vielleicht doch gerade das verloren, was für das Verständnis wissenschaftlicher Arbeit aus Expertensicht wichtig ist. Dietmar Dath hat auf der Medienseite der Samstags-FAZ über dieses Vermittlungsproblem geschrieben: Der Akzent bei der Vermittlung der Forschung durch Film, Interviews, Diskussionen liege auf den Ergebnissen, “und die eigentliche Forschungslogik ist kaum bekannt“, schreibt er. Wissenschaftliche Ergebnisse “vollständig darzustellen wäre sterbenslangweilig“.

Damit kann man aber immerhin auf verschiedene Weise umgehen:

“Eine der erfreulichsten einschlägigen Leistungen hierzulande ist die Erstellung der Website, auf der die Redaktion des Magazins 'Spektrum der Wissenschaft‘ in einfachster Sprache erklärt, was es mit Viren, Übertragungswahrscheinlichkeiten und Immunitäten auf sich hat“.

Der andere Weg wären ein albernes Virologen-Quartett in der Bild-Zeitung oder das “grassierende Gerede von der 'Diktatur der Virologen‘“, so Dath.

“Fachleute klingen manchmal herrisch, wo sie darauf hinweisen, dass sich die Tatsachen wenig um Wünsche scheren; ein Statement wie das des amerikanischen Präsidentenberaters Anthony Fauci: 'Das Virus macht den Zeitplan’, hört sich für dumme Ohren an wie 'Der Staat bin ich’.“

 Wozu das führen kann, hat in einem anderen Interview, diesmal mit dem Guardian, wiederum Christian Drosten zur Kenntnis gegeben: “(F)or many Germans I’m the evil guy who is crippling the economy. I get death threats, which I pass on to the police.“

Altpapierkorb (Mai Thi Nguyen-Kim, BBC, Bundesliga im Fernsehen, Pressearbeit des RKI)

+++ Die FAS (nur Print) porträtiert Mai Thi Nguyen-Kim, die es mit ihren Corona-Videos schaffe, das “Bedürfnis nach vertrauenswürdigen Instanzen in einer Welt voller Falschinformationen“ zu stillen. “Ein Verlangen, das offenbar so groß ist, dass sich viele Zuschauer nicht mit komplexitätsreduzierenden Erklärvideos zufriedengeben, sondern die Dinge erstaunlich genau wissen wollen.“

+++ Altpapier-Kollege Christian Bartels widmet seine Medienkorrespondenz-Kolumne Instagram-Angeboten der Öffentlich-Rechtlichen, etwa einem, das für den Grimme Online-Award nominiert wurde. Problematisch, findet er: “Muss man, um womöglich preiswürdige Inhalte anzusehen, die aus dem Rundfunkbeitrag bezahlt wurden, auch noch ein Konto beim Top-Datenkraken anlegen?“ 

+++ Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die BBC, die in der Krise einen guten Job mache: “Viele notorische Kritiker erinnerten sich jetzt wieder daran, wie 'wichtig die Rolle eines nationalen, unabhängigen Senders im öffentlichen Leben‘ sei.“ Allein, die Pandemie sei nur eine “Atempause“: Dass am Finanzierungsmodell der Öffentlich-Rechtlichen herumgesägt werde, sei bekannt, “aber bei der BBC geht es jetzt um alles“.

+++ Mehr signalfarbene Blinkeböppel (Altpapier), also Live-Formate, erwartet Dirk von Gehlen in Zukunft auf Onlineportalen: “Vielleicht wird aus dem aktuellen Notnagel 'Live-Stream‘ in Zukunft ein echtes digitales Geschäftsmodell, das sich zum Beispiel darin zeigen könnte, dass Webseiten ein Live-Ressort bekommen, in dem vom Live-Ticker bis zum gemeinsamen Stream alles gebündelt wird, was als Echtzeit-Erlebnis das bisherige Angebot ergänzt.“

+++ “Was machen rund 350 000 Fußballfans, denen es an einem Geisterspieltag der Fußball-Bundesliga – eben ohne Fans im Stadion – nachmittags zu langweilig wird? Antwort: Grillparty bei Freunden mit Sky-Vertrag!“ Der Tagesspiegel hat den denkbaren Wiederanpfiff des Fußballs durchgedacht und landete bei einem anderen denkbaren Szenario: Übertragung bei den Öffentlich-Rechtlichen.

+++ Das Robert Koch-Institut wird mit Presseanfragen überhäuft. Die taz hat die Zahlen und die Folgen für alle Beteiligten.

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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