Das Altpapier am 10. November 2020 Spiegeln, was ist! Aber was ist das, was ist?

Es gibt keinen guten Journalismus für Leute, die Journalismus verachten. Auf der “Querdenker“- Demo in Leipzig aber nahm die Aggression gegenüber Medienvertretern ein neues Ausmaß an, klagen Gewerkschaften. Außerdem: Netflix versucht sich an linearem Fernsehen. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 10. November 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Nicht ganz ungefährlich

Über Demonstrationen zu berichten gehört zur Arbeit von Journalisten. Sie ist aber nicht immer ungefährlich. In den vergangenen Jahren war sie das schon nicht und in den vergangenen Monaten erst recht nicht. Dunja Hayalis Versuch (bei Instagram), von einer Berliner “Querdenker“-Demo zu berichten, endete im August damit, dass sie “offensichtlich wegen Sicherheitsbedenken“ (Tagesspiegel damals) abbrach.

Gewalt und Bedrohungen gegenüber Journalisten hätten “ein völlig neues Ausmaß angenommen“, sagte ein Verdi-Vertreter der taz, die auch einen der Demo-Organisatoren zitiert: Er bestreite Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten. Oder wie er sie auch nenne: “Apparatschiks“ mit ihren “gleichgeschalteten“ Medien. Ah ja.

Die Süddeutsche Zeitung derweil hat mit Ine Dippmann gesprochen, der Landesvorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes in Sachsen: “Was Dippmann an diesem Wochenende (…) in Rage gebracht hat, ist, dass nach ihrer Darstellung auch die Polizei in neun Fällen Journalisten und Journalistinnen angegangen und eingeschüchtert habe. So habe diese mit einem fragwürdigen Verweis auf angeblich verletzte Persönlichkeits- und Hausrechte unterbunden, dass ein Fotojournalist im Gebäude des Leipziger Hauptbahnhofs fotografierte.“

Und in “@mediasres“ vom Deutschlandfunk hieß es unter der Überschrift “Ihr geht sowieso bald alle hops“: “Wie schon auf anderen 'Querdenken‘-Demonstrationen sind auch hier Plakate zu sehen, die Journalisten und Moderatoren von ARD-Sendungen in Sträflingskleidung zeigen, auf der Brust ein Schild mit der Aufschrift 'schuldig’.“

Auch dort wird die Kritik an der sächsischen Polizei aufgegriffen (deren Sprecherin laut SZ hinterher von “Missverständnissen“ sprach): “Tatsächlich berichten mehrere Pressevertreter übereinstimmend, von Polizisten an ihrer Arbeit gehindert worden zu sein.“

Die – zugegeben, naive – Frage ist, wie Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit denn tun sollten, damit sie nicht von Demonstrationsteilnehmern angefeindet oder sogar angegriffen werden. Was sollen sie tun, wenn nicht vor Ort sein und Kameras draufhalten? Wegbleiben und die Existenz einer Demonstration verschweigen? Nur Bilder zeigen, auf denen man Yogis sieht, die es gewiss gibt – die Bilder der Aggressionen aber weglassen?

Die Antwort ist befürchtlich: Für Leute, die Journalisten verachten, gibt es keinen guten Journalismus.

Die zwei Aufgaben: einordnen und dokumentieren

Was guter Journalismus ist, wird man mit anderen diskutieren müssen. Dafür aber nach Möglichkeit mit allen anderen – würde vielleicht Stefan Raue sagen, der Intendant des Deutschlandradios. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat er in einem lesenswerten, weil meines Erachtens recht senf- und konzernsprechfreien Interview (Abo) seine Sicht auf die Aufgaben unter anderem seines Hauses darlegt. Zwei von mehreren Passagen, an die sich eine Diskussion anschließen könnte, sind diese:

“Was wir haben, das ist zumindest meine Beobachtung, sind heftige Diskussionen zwischen der jüngeren und der älteren Generation. (…) Gerade der journalistische Nachwuchs definiert sich zunehmend über seine subjektive Perspektive. Und er hat eine andere Perspektive auf politische Aktionen und den journalistischen Beruf. Ich bin da anderer Auffassung. Wir haben eine andere Aufgabe. Wir sind nicht Akteure. Medien sind meiner Meinung nach auch nicht die vierte Gewalt.“

Und:

“Öffentlich-rechtliche Medien haben zwei Aufgaben: zu spiegeln, was in der Gesellschaft ist, und es einzuordnen. Wir können auf keines von beiden verzichten. Es wäre fatal, wenn wir vor lauter Einordnerei ein Bild zeichnen, in dem sich die Menschen draußen nicht mehr wiederfinden. Sie müssen die Themen wiederfinden, über die sie auch in ihrer Umgebung, am Arbeitsplatz reden.“

Ich verstehe, denke ich, was er meint. Das Bild des Spiegels aber finde ich unpassend, so beliebt es auch sein mag. Darin steckt eine Erwartung, die Journalismus nicht einlösen kann. Journalismus ist Auswahl. Man kann nur das spiegeln, worauf man den Spiegel richtet. Der mutmaßliche Konflikt zwischen jungen und alten Medienschaffenden, den Raue anspricht, entzündet sich meines Erachtens vor allem an der Frage: Worauf richtet man ihn denn? Was ist denn das, “was ist“? Es waren zu jeder Zeit Menschen, die darüber entschieden haben, was wichtig genug ist, um zu sein. Und das macht Journalisten zu gesellschaftlichen Akteuren. Jüngere wie ältere.

Aber vielleicht ist das nun alles etwas theoretisch. Raue hat ja einen guten Punkt: Das Einordnen darf das Dokumentieren so wenig verdrängen wie umgekehrt.

Anschlussfähig ist an dieser Stelle ein vor einigen Tagen veröffentlichter Übermedien-Text von Stefan Niggemeier über die Wahlberichterstattung von CNN (und im weiteren Verlauf auch anderen US-Medien). Er fasst sie so zusammen: “Empörte Menschen vergewissern sich im Gespräch mit anderen empörten Menschen gegenseitig ihrer Empörung.“ Es entstehe “ein Gefühl von Gemeinsamkeit, geschaffen durch Gruppenempörung“.

Was gewonnen sein soll, wenn man Donald Trump am Abend seiner Wahlniederlage – wie hier und da geschehen und bejubelt – in dem Moment vom Bildschirm nimmt, “in dem er eine Ansprache hält, die historisch ist“, verstehe auch ich nicht. “Sie mag falsch sein, demagogisch, gefährlich, empörend, aber sie doch ein Dokument, das Medien, die live Nachrichten übertragen, ihrem Publikum nicht vorenthalten sollten“, schreibt Niggemeier. Und:

“Ich meine nicht, dass Medien alles zeigen müssen, was das Publikum sonst auch woanders findet, zur Not auf dubiosen Seiten im Netz. Ich bin sehr dafür, dass Medien auf der Grundlage der eigenen Verantwortung entscheiden, was sie glauben, was in die Öffentlichkeit gehört und wie. Aber ich habe große Zweifel, dass das Ausblenden solcher Reden wirklich das Ziel erreicht, die Menschen davor zu schützen, auf die Lügen eines Präsidenten hereinzufallen, der um sein politisches Überleben kämpft und bereit ist, dafür die Demokratie zu opfern. Es ist vor allem eine symbolische Handlung.“

Ein Nachruf auf Anneliese Friedmann

Mit Anneliese Friedmann ist eine wichtige Figur der bundesrepublikanischen, vor allem Münchner, Journalismusgeschichte gestorben. Lesenswert ist der Nachruf von Kurt Kister in der Süddeutschen Zeitung:

“Die Volontärin, später SZ-Redakteurin Anneliese Schuller, seit 1951 verheiratete Friedmann, machte bei der Süddeutschen das, was man heute irgendwo zwischen den Ressorts 'Panorama‘ und 'Stil und Gesellschaft‘ ansiedeln würde. (…) Nach dem Tod ihres Mannes begann das zweite Leben der Anneliese F. Sie wurde Verlegerin der AZ und Gesellschafterin der SZ. (…) Die SZ war seriös und manchmal sogar nicht nur zwischen den Zeilen witzig. Die AZ war hip, nicht immer seriös und das Zentralorgan jener Münchner Gesellschaft, die mal Bussi-Bussi, mal Schickeria genannt wurde. In der Vor-Klugtelefon-Zeit las jeder, der in München etwas auf sich hielt, die SZ. Die AZ aber war schon so etwas wie das Smartphone in einer Zeit ohne Smartphones: Sie wusste, wo was los war und warum man schnell hinlaufen sollte. Und sie wusste, wer sonst noch da war. (…) Anneliese Friedmann wiederum war die ideale Verlegerin dieses Blattes, der AZ. Sie war klüger als ihre Zeitung und litt manchmal mit gebremster Leidenschaft an manchem in der AZ. Aber sie war eben die Verlegerin.“

Netflix trollt das Fernsehen

Enden wir für heute mit einer originellen Meldung vom Montag. Die schon am Sonntag bei Heise stand. Weil man dort am Freitag Variety gelesen hatte. Deren Redaktion am Donnerstag von Netflix informiert worden war. Bitte lehnen Sie sich zurück, und nehmen Sie sich einen Keks. Die Meldung kommt, ticktack, sobald die Zeit dafür reif ist. Allerdings nicht vorher. Der zeitliche Ablauf, tick, ist nun einmal, wie er ist, tack. Bitte schauen Sie sich nun noch einige Sekunden lang Salzkraut an. Und…

jetzt ist es soweit: Der Streaming-Dienst Netflix testet in Frankreich einen linearen Kanal. Ja, linear. Linear wie in “20.15 Uhr“. Linear wie in “Das ist nichts mehr für die jungen Leute unter 57“. Mit kuratiertem Programm zu festen Uhrzeiten.

Wie gesagt, es ist originell. ARD und ZDF versuchen, ihre Mediatheken nach vorne zu kriegen. Und kaum gibt es Fortschritte, prüft Netflix, ob linear nicht doch cooler ist. Ist das noch ein Experiment, oder ist das schon eine Trollaktion?

Nun sollte man in der Meldung das Wort “Frankreich“ nicht übersehen. Dort wird das Ganze getestet und erst einmal nur dort. Frankreich ist nicht Deutschland. Frankreich ist vielmehr das Land, in dem “der traditionelle Fernsehkonsum noch weitverbreitet“ ist (heise.de) – eine Aussage, die man über Deutschland niemals lesen würde (außer vielleicht hier). Weshalb das Ganze für uns nichts bedeutet. Oder doch?

Naja, wer weiß: “Einer Studie aus dem Oktober zufolge ist das Fernsehgerät in deutschen Haushalten in Corona-Zeiten wieder etwas wichtiger geworden. Im Zusammenhang damit hatte auch die tägliche Nutzung von klassischem TV-Programm – damit ist das fortlaufende Programm der Sender gemeint – nach Jahren wieder zugenommen.“ Schreibt die dpa.

In der taz kann sich ein junger Mensch, Volontär Denis Giessler, auf die Angelegenheit durchaus auch einen Reim machen: “Decision Fatigue, das Ermüden an Entscheidungen, nennt sich in der Psychologie das Phänomen, wenn sich Menschen einfach nicht mehr entscheiden können“.

Und wenn Netflix als Nächstes dann die Fernsehansage einführt, haben Sie es hier zuerst gelesen. Anschließend wird nachts ein Testbild gesendet. Und zu guter Letzt erfindet ein Fernsehkoch, der gar nicht kochen kann, den Toast Hawaii. Bon appetit!

Altpapierkorb (Medienstaatsvertrag, “Team Wallraff“, Live-Journalismus)

+++ Helmut Hartung beschäftigt sich in der FAZ (Abo) mit dem neuen Medienstaatsvertrag, der Plattformen in die Pflicht nehme, und der Frage: “Geschieht das in der Praxis?“

+++ Vor etwa eineinhalb Jahren strahlte RTL in der “Team Wallraff“-Reihe den Film “Hinter geschlossenen Türen – Undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe“ aus. Der Film beschäftigt bis heute Juristen. Bei Übermedien (Abo) gibt es nun ein Update von Hendrik Feldwisch-Drentrup. Reporter ohne Grenzen und der Deutsche Journalisten-Verband fordern demnach eine Reform des Paragrafen 201 des Strafgesetzbuchs, der Aufnahmen des “nichtöffentlich gesprochenen Wortes“ verbietet.

+++ Rainer Stadler, einst bei der NZZ, nun bei Infosperber, ärgert sich über Live-Journalismus zur US-Wahl: “Auf den Websites der Medienorgane fand man Informationen, die ein paar Zentimeter weiter unten in einem anderen Artikel wieder relativiert wurden, weil letzterer ein paar Stunden früher publiziert worden war. …. Der dauernde Nachrichtenfluss erlaubt kaum noch eine saubere Ordnung des Geschehens. … Man kann das marktwirtschaftlich betrachten und feststellen: Solange die heiß gestrickten News genutzt werden, bedienen die Lieferanten eine Nachfrage. In publizistischer Hinsicht gleicht die Live-Berichterstattung jedoch einer etwas speziellen Art, dem Publikum dabei zu helfen, die Zeit totzuschlagen.“

Neues Altpapier erscheint am Mittwoch.

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