Das Altpapier am 18. November 2020 Die Relevanz der Bommel

Die Berichterstattung über die Nerzfarmen blieb lange größtenteils erstaunlich nachrichtlich – und ließ ethische Fragen außer Acht. Und Fußballdeutschland verliert “historisch“. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 18. November 2020: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Geld oder Tierschutz

Ein Nerz ist zwar weich, klein und niedlich, aber kein Hündchen. Sondern der Stoff, aus dem die Luxusträume sind. Und die Bommel an billigen Wintermützen. Und die weichen Krägen an Parkas. Die Berichterstattung über die Schließung der von einer Covid-Variante betroffenen dänischen Pelztierfarmen mit einhergehenden “Keulung“, sprich Tötung von 17 Millionen Tieren wartete vielleicht darum in den letzten Wochen immer wieder mit erstaunlichen Zahlen, und erstaunlich wenig Hintergrund auf: Der Spiegel berichtete zwar am 13.11. unter der schaurigen Überschrift “Das Land der toten Nerze“ umfassend von der “diskreten Branche“, und weist in seinem Artikel auf die unterschiedlichen Einschätzungen hin:

“Ob das artgerecht und vertretbar ist, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Während die Tierschutzorganisation PETA von einer “Hölle für Tiere“ spricht, halten Forscher der Uni Aarhus eine tiergerechte Haltung für möglich – und haben ein Qualitätssiegel für Nerzzucht entwickelt.“

Angeblich seien Nerze sogar nachhaltig, behauptet laut dieses Artikels ein – nun ja – Branchenverband. Und ein Agrarökonom warnt vor einer Verlagerung des Problems:

“'Die Nerze, die nicht in Dänemark gezüchtet werden, könnten dann mit mindestens ähnlichen Problemen in Polen, im Baltikum oder in China gehalten werden', so der Branchenexperte.“

Dennoch schafften es die meisten Nachrichtensendungen in den folgenden Tagen kaum, die das Thema seit Jahren begleitenden ethischen Fragen der Massentierhaltung oder Notwendigkeit von Nerzfarmen as such nachrichtengerecht zu formulieren – und ließen sie darum meist weg. Man blieb stattdessen bei unstreitbaren Sujets wie den Entschädigungsforderungen der Nerzbauern. Hier ist ein Beispiel aus der 19 Uhr-Heute-Sendung am 12.11.: Der Beitrag über die Nerze ist der fünfte der Sendung, nach den aktuellen Coronazahlen – und vor einer Meldung über mindestens 74 ertrunkene Geflüchtete im Mittelmeer. Die Entscheidung, ob ein Beitrag bestellt und präsentiert, oder nur eine Meldung verlesen wird, hängt natürlich von sehr vielen verschiedenen Faktoren, unter anderem der Existenz von Bildern und O-Tönen ab. Und das Aufwiegen von Relevanzen ist komplex – was ist am wichtigsten und sollte wie benannt werden: 17 Millionen getötete Tiere und die absehbare Pleite von 1100 Züchter*innen; 17 Millionen getötete Tiere in einer eventuell nicht artgerechten und unnötigen Zuchtbranche; oder 74 ertrunkene Menschen? Puh.

Höchste Niederlage seit 1931

Und dann will man sich mit Sport ein wenig von all dem Elend und den Krisen und dem täglichen Grüßen des coronaerkrankten Nerztiers ablenken, und dann das... Vielleicht liegt’s an mir, aber wenn jemand einen Artikel über ein deutsches Länderspiel, in diesem Fall gegen Spanien, mit dem Teaser “Höchste Niederlage seit 1931“ übertitelt, hier geschehen in der Welt... ich weiß auch nicht. Es mag damit zusammenhängen, dass sogar mir als nur in Phasen nennenswerter Freizeiten leidenschaftlichem Fußballfan der auch nur angedeutete Vergleich der Mannschaft von 1931 mit der Mannschaft von 2020 schlichtweg nicht einleuchtet, genannte Überschrift aber so klingt. (Die FAZ haut ein wenig in die gleiche Kerbe, und nennt das Murksspiel hier “ein historisches Desaster“.)

Und um jetzt gleich mal päpstlicher zu werden als der Papst, beziehungsweise den Ball ein wenig tiefer in der Torkerbe zu drehen (wenn es denn noch tiefer geht – beim Spiegel heißt der dazugehörige Text “Barbiert in Sevilla“, hihi): Laut kicker ist es zwar länger her, aber noch nicht vergessen, dass die deutsche Nationalmannschaft sich sogar noch schlimmer blamierte.

“Nur ein Spiel hat die deutsche Nationalmannschaft in ihrer Geschichte noch höher verloren als heute - und das ist über 100 Jahre her. Im März 1909 verlor das deutsche Team mit 0:9 gegen England.“

vermeldet der kicker-Ticker in der 90. Minute.

Ganz anders dagegen die SZ:

“So eine Niederlage gab es noch nie“ überschreibt sie das Ergebnis – hä? Stimmt doch nicht! Die Unterzeile kann man dann aber als Relativierung lesen:

“Im schlechtesten Spiel in der Ära des Bundestrainers Joachim Löw geht die Nationalmannschaft 0:6 gegen Spanien unter.“

Ach so. Ära Löw. Später bringt die SZ dann übrigens noch sämtliche andere voluminöse Vergleichsmetaphern in ihrem Text unter:

“... stattdessen setzte ein Torreigen von historischem Ausmaß ein: die höchste Niederlage seit 1931.“

Neues vom Wixxer

Nun ja, wo wir gerade so schön vom Fußball reden, da fiel mir noch etwas auf, hüstelhüstel: Die taz berichtet hier am Dienstag unter dem Titel “Das Glied des Kapitäns“ vom (selbstverständlich ) viral gegangenen “Onaniervideo eines russischen Fußballers“ (es geht um den Stürmer Artjom Dsjuba), und behält in der Kolumne eine geradezu beneidens- und bewundernswerte Lakonie bei:

Eine Welle der Empörung schwappte über die Sportportale des Landes, und die Wortwahl in den Artikeln, in denen das, was Dsjuba gemacht hat, als “intime Handlungen“ bezeichnet wurden, zeigte, wie schwer der russischen Sportöffentlichkeit der Umgang mit dem Wichser fiel. 17 Tore hatte Dsjuba in der vergangenen Saison für seinen Klub geschossen und doch musste er nach der Video-Affäre sein Ka­pi­täns­amt abgeben.

Auch der Rest des Textes ist lesenswert, es geht unter anderem um ein von einem Rockstar und Moderator solidarisch auf Instagram veröffentlichtes Gedicht, das den “schneidigen Schwanz des Kapitäns“ feiert – zu gern wüsste man, ob das auf Russisch irgendwie weniger peinlich klingt. Ein bisschen schade ist allerdings, dass die Geschichte, wie die Recherche ergibt, schon ein bisschen älter ist – sie hatte sich über rtl.de, den Focus, die NOZ und die Krone langsam in Richtung überregionale Tageszeitung (und deren alberne Konsument*innen) gewälzt. Aber eine Kolumne ist eben keine aktuelle Nachricht. Besser, man kichert spät als nie.


Altpapierkorb (Raabs neue Show, Nachruf-Panne, Lady Dianas Zettel)

+++ Auf nicht viel Gegenliebe stößt Stefan Raabs neue Sendung “Täglich frisch geröstet“ – hier spöttelt der Spiegel, hier Deutschlandfunk Kultur, und hier, einer Meinung, die Bildzeitung.

+++ Eine irre Geschichte ist u.a. der FAZ aufgefallen: Ein französischer Radiosender hat aus Versehen rund 100 vorbereitete Nachrufe, wohlgemerkt auf noch lebende Personen, auf seiner Homepage veröffentlicht. “Nekrologe“ nennt man die bekanntlich redaktionsintern – interessant wäre, herauszufinden, ob jemand stinkig wurde weil seiner NICHT dabei war.

+++ Und fast noch irrer: 1995 hatten 23 Millionen Menschen das Interview angeschaut, das Lady Diana Spender der BBC gab, und in dem sie über ihre Ehe, über Seitensprünge und den Titel der “Königin der Herzen“ sprach. 25 Jahre später wurden Vorwürfe laut, der Interviewer habe sich das Gespräch damals mit gefälschten Dokumenten erschlichen. Und nach einer dicken Recherche hat die BBC jetzt mit einer handschriftliche Notiz Dianas aufgewartet, in der die traurige Prinzessin bestätigte, mit dem Interview einverstanden gewesen zu sein... Wo lag das denn wohl die ganze Zeit, das Zettelchen? Ich frag ja nur.

Neues Altpapier gibt es am Donnerstag.

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