Das Altpapier am 24. Juni 2021 Über dem Regenbogen

Die Debatte um die Regenbogenbeleuchtung beim EM-Spiel gegen Ungarn wächst sich zu einem Statement mit Konsequenzen aus. Der Journalismus verändert sich derweil eh rasend schnell. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 24. Juni 2021: Porträt der Autorin Jenni Zylka
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Ist ein Regenbogen politisch?

"Somewhere over the rainbow / skies are blue / and the dreams that you dare to dream / really do come true”! Hach ja, liebe Judy Garland, zum Beispiel, dass die Fußballwelt nicht nur die eigenen Tore, sondern auch LGBTQI* Rechte verteidigt! Schön, dass die Diskussion um die Regenbogenfarben auf der Allianz Arena so riesengroße Wellen schlägt.

In der Halbzeitpause Deutschland-Ungarn eröffnete das ZDF seine Nachrichtensendung mit zwei kurzen Schaltgesprächen zum Thema, und obwohl das Münchner Stadion selbst eben (neben diversen Flaggen, einem Flaggenflitzer und Neuers Armbinde) größtenteils weiß bleiben musste: Vox, ProSieben, RTL, RTL Nitro, Comedy Central, RTL II, MTV und ntv hatten ihre Logos regenbogenbunt angepixelt. (Ausgerechnet der eigentlich eh seit Jahrzehnten schön regenbogenfarbene Sat 1-Ball flackert dagegen in unauffälligem Mausgrau in der Ecke – aber das wollen wir jetzt mal nicht als Aussage verstehen. Und dass ZDF und ARD ebenfalls nicht so schnell mit den Buntstiften bei der Hand waren, wundert einen nicht, wenn man überlegt, wie eeeeewig lange allein das mit den "verschränkten Mediatheken", hier ein Altpapier dazu, gedauert hat…)

Die UEFA hatte ihr Nein zur deutschen Solidaritätsbeleuchtung jedenfalls damit begründet, sie sei "aufgrund ihrer Statuten eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieser speziellen Anfrage muss die UEFA diese Anfrage ablehnen". (Noch mal kurz zur Erinnerung: Die Farben sollten eine Entscheidung des ungarischen Parlaments kommentieren, die Kindern den Zugang zu außerfamiliären Informationsmöglichkeiten über queeres Leben verweigert.)

Die FAZ warf aus gegebenem Anlass am Mittwoch einen langen, kritischen Blick auf den UEFA-Präsidenten Čeferin:

"Die laufende Fußball-EM, an der kaum ein Tag vergeht, in der die UEFA nicht mindestens fragwürdige Entscheidungen trifft, zeigt, welche Allianzen Čeferin schmiedet, um im Spiel zu bleiben."

Ist ein Regenbogen populistisch?

In der Welt hatte Čeferin seine Entscheidung bezüglich der Regenbogenfrage verteidigt, und behauptet:

"Wir als Verband haben uns stets für Vielfalt, Integrität und Gleichheit eingesetzt und werden das auch in Zukunft tun."

Weiter sagte er:

"Aber wir wollen bei populistischen Aktionen nicht benutzt werden, nur deswegen haben wir diese Entscheidung getroffen."

"Populistisch" ist die Aktion also! Na der Schuss ging ja, um die vielen Eigentore der EM zu zitieren, nach hinten los. Denn die durch seine Weigerung wuchs das mediale Interesse – wie angedeutet– ins Unermessliche: Dass auch Fußballignorant:innen die Sache durch besagte bunte Senderlogos (teilweise mit dem #gerhun) aufs Brot geschmiert wurde, selbst wenn sie eigentlich gerade den albernen Scifi-Film "Seelen" (auf ProSieben) oder "Rocky V" (auf Nitro RTL) schauen wollten, hatte im Zweifelsfall vielleicht sogar mehr Effekt als ein buntes Stadion.

Ist ein Regenbogen unsportlich?

Im Übrigen wurde die Entscheidung von der UEFA selbst durch das Färben ihres eigenen Logos in Regenbogenfarben auf Twitter am nächsten Tag merkwürdig konterkariert, denn die dem Tweet hinzugestellte Erklärung, die Regenbogenflagge sei für die UEFA "kein politisches Symbol" führt die Weigerung, ein Stadion in den Farben leuchten zu lassen, erst recht ad absurdum: Wenn der Regenbogen nicht politisch ist, dürfte man also doch seine Farben zeigen, oder? Kratzkratz… Die UEFA führt in der dünnen Argumentation aus, dass die ganze Sache politisch wird, weil durch sie eine politische Entscheidung (die des ungarischen Parlaments) von einem Politiker (dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter) kommentiert würde.

Wenn also nicht der Bürgermeister sondern zum Beispiel die Jugendorganisation "diversity München" nach einer bunten Arena gerufen hätte, dann wäre alles anders gelaufen?! (Aber so wie es ist, hat es, wie gesagt, ebenfalls eine große Wirkung!)

Reiter hat sich laut SZ übrigens noch weiter beschwert:

"In einer Pressekonferenz kritisierte er außerdem den Deutschen Fußball-Bund: 'Ich finde es auch enttäuschend, dass der DFB sich nicht in der Lage sehen wollte, hier dieses Ergebnis zu beeinflussen.' Stattdessen habe der DFB einen 'lächerlichen Gegenvorschlag' gemacht, die Arena an einem anderen Tag bunt zu beleuchten. 'Dass wir das am Christopher Street Day machen, darauf sind wir schon selbst gekommen.', so Reiter."

Und wenn man dann die Diskussion bei Markus Lanz nach dem Spiel am Mittwoch Abend verfolgte, in der DFB-Interimspräsident und UEFA-Exekutiv-Mitglied Rainer Koch ordentlich sein Fett weg bekam, dann fragt man sich, ob da überhaupt noch irgendetwas rund läuft, in diesen Vereinen, in dem Machtspiele anscheinend immer wichtiger als Fußballspiele werden. How unsportlich.

Ist Journalismus eine Vertrauensfrage?

Aber jetzt mal weg von dem ollen Ball. Die SZ berichtet hier, und Netzpolitik hier aus dem neuen internationalen "Digital News Report" vom Reuters Institute (hier in Englisch nachzulesen), beide halten fest, dass die Krise "den Wandel in der Nachrichtenindustrie beschleunigt" habe, und dass das "Vertrauen in die Medien gestiegen" sei:

"In Deutschland wurden vor allem öffentlich-rechtliche Rundfunkangebote als vertrauenswürdige Nachrichtenquelle für Informationen über die Pandemie wahrgenommen."

Andererseits blüht durch die gestiegene Sensibilität bei der Repräsentanz auch viel Kritik, fasst Netzpolitik zusammen:

"Allgemein fühlen sich junge Menschen, besonders Frauen, in den Medien unterrepräsentiert. Die Black-Lives-Matter-Bewegung löste eine Debatte über Rassismus und fehlende Diversität in Nachrichtenredaktionen aus. Dabei ging es in Deutschland auch um die Sprache, mit der marginalisierte Gruppen angesprochen werden sollten: Einige Medien begannen daraufhin, gendergerechte Sprache einzuführen. Unterrepräsentiert in den deutschen Medien fühlen sich der Befragung zufolge auch Menschen vom rechten Rand des politischen Spektrums, die den Medien eine links-grüne Dominanz vorwerfen."

Und dennoch, selbst wenn das Vertrauen da ist: Dass die meisten Medien kaum noch jemanden hinter dem Ofen herlocken, ist ebenfalls eine (wenig überraschende, aber wichtige) Erkenntnis der Studie, genau wie, dass bestimmte Gruppen immer desinteressierter werden:

"Nach der Präsidentschaftswahl in den USA wendeten sich beispielsweise rechte Gruppen von Medien ab. Auch die sogenannte 'Generation Z', die unter 25-Jährigen, interessieren sich kaum für herkömmliche journalistische Angebote. Sie bevorzugen mobile Netzwerke wie Instagram und TikTok. Jedoch gehe es dabei meist um Entertainment oder den Ausdruck politischer Empörung."

Mit anderen Worten: Journalismus muss und wird sich weiter ändern, muss noch digitaler werden, noch mobiler, vor allem aber spezifischer. Die digitale Revolution hat endgültig jene Gräben aufgerissen, die zum Beispiel in diesem taz-Interview mit einem Philosophen bereits vor fünf Jahren (und anderswo noch früher) angedeutet wurden, und sie trennen nicht mehr nur diejenigen, die kein Internet haben von den anderen, sondern verschiedene Interessens- und Altersgruppen voneinander. Und auch wenn Joy Fleming natürlich beim Eurovision Song Contest 1975 erstens recht hatte, und zweitens niemand so großartig mit dem Fuß aufstampfen kann wie sie: Ein Lied kann eine Brücke sein. Doch ich befürchte, unter 25jährige sehen das anders. Allein schon wegen Flemings Frisur.


Altpapierkorb (... mit digital detox und Billie Eilish)

+++ Der Tagesspiegel zitiert eine ganz andere Studie, nach der anscheinend digital detox das Gebot der Stunde ist.

+++ Und der komplizierten Geschichte um ein angeblich von Billie Eilish benutztes rassistisches Wort widmen sich so ziemlich alle Medien, hier zum Beispiel der Spiegel in einem Text über die Problematik der engen und irgendwie ungesunden Beziehung zwischen Star und Fan. Denn im Netz sind die Wege kurz. Vielleicht ist digital detox eine Lösung?

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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