Das Altpapier am 15. Juli 2021 Netzbabys und Netzroller

Kindliche Influencer:innen überschreiten Kinderrechte – beziehungsweise ihre Eltern tun das. Und nicht nur das Private, sondern auch das Sportliche ist politisch – das kommt vielleicht endlich im Mainstream an. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 15. Juli 2021: Porträt der Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Influencerchen

Es ist schon ein Kreuz mit den sozialen Medien. Man weiß nicht, wer alles zuguckt, meist möchte man, dass es viele tun, und pfeift dabei auf die Privatsphäre, weil es einem einfach nicht besonders invasiv vorkommt. Wenn Kinder betroffen sind, ist das anders: Netzpolitik hat eine sehr spannende Reportage über kindliche Influencer:innen veröffentlicht, die ihren Beruf bzw. ihr Hobby (denn Kinderarbeit ist schließlich verboten) nur ausüben können, weil die Eltern es erlauben und fördern.

"Es sind Grenzüberschreitungen von Kinderrechten, des Daten- und des Jugendarbeitschutzes, die täglich in Form von unzähligen bunten, lustigen oder niedlichen Videos und Fotos stattfinden. Dass diese Grenzüberschreitungen geschehen, ist offenbar weniger eine Folge fehlender Regeln, sondern fehlenden Wissens und Nicht-Wissen-Wollens der Zuständigen."

Eine zuständige Frau vom Deutschen Kinderhilfswerk spricht von "jungen Mädchen, die im sechsstelligen Abonent:innenbereich auf YouTube oder Instagram unterwegs sind", weiter heißt es, dass es auf anderen Plattformen noch leichter ist. Die Problematik ist klar:

"Um jedes Risiko vorzubeugen, dass Bilder missbräuchlich verwendet werden, müsste man Kinder vermutlich ganz aus dem Internet verbannen. Eine Datenrecherche des NDR deckte kürzlich auf, dass auch ganz gewöhnliche Alltagsbilder ohne viel nackte Haut auf Plattformen von Pädosexuellen landen. Kinder völlig aus dem Digitalen zu verbannen kann aber keine Lösung sein, da sind sich Kinderrechtlerin Luise Meergans und Cornelia Holsten von der Landesmedienanstalt einig. Warum Influencer:innen ihre Kinder im Internet zeigen wollen, kann Holsten sogar ein Stück weit nachvollziehen. 'Dieses Elternglück, das sie mit der ganzen Welt teilen möchten, ist ja verständlich.' Ihrer Meinung nach wäre es aber sinnvoll, das Zeigen der Gesichter von Babys zu vermeiden."

Empörte Eltern?

Aber wie sag ich’s meinen Eltern? Zu beiden Fällen, den ehrgeizigen Eltern und den initiatorischen Kindern, gibt es noch keine Studie zur entwicklungspsychologischen Auswirkung von Influencing bei Kindern, steht in der Reportage. Es ist also unbedingt an der Zeit, mal eine in Auftrag zu geben, die Debatte anzustoßen, sie in der Mitte der Gesellschaft zu platzieren, in den Eltern Empörung zu wecken. (Und ich musste bei dem Thema gleich an diesen schönen, passenden Film über eine junge Fitnessinfluencerin denken. Läuft diese Woche noch an.)

Mammamia

Aber schnell noch, apropos Mitte der Gesellschaft, zum anderen Lieblingsthema: "Ma che vuoi?" sagt der/die Italiener:in laut kultureller Zuschreibung oft, schaut dabei griesgrämig und bewegt die Hände mit aneinander gedrückten Fingern vor dem Gesicht. (Hier ein diesbezügliches hübsches Meme aus dem letzten Jahr.) Dass diese Geste tatsächlich Verwendung findet, davon konnte man sich bei der EM überzeugen – bis zum Schluss erlebte man sie immer wieder bei den italienischen Spielern, meist war damit der Schiedsrichter gemeint.

Am Ende gab es dann bekanntlich aus italienischer Sicht nichts mehr zu meckern. Einige Fans Englands dagegen, und statistisch gesehen sind die meisten von ihnen Männer, agierten nachhaltig schweinös: Sie beleidigten die drei Spieler, die die Elfmeter verschossen bzw. deren Schüsse gehalten wurden, auf Twitter mit rassistischen Demütigungen, twitterten massenweise das N-Wort, beschmierten ein Graffito des Nationalspielers Marcus Rashford und pöbelten durch Londons Gassen.

Boris Johnson und die Football Association beeilten sich mit scharfer Kritik an diesem Verhalten. Doch wenn jetzt jemand noch behauptet, Sport sei unpolitisch oder habe unpolitisch zu sein, dann hat er den Torschuss nicht gehört. Etwas Politischeres als blanken Rassismus gibt es kaum.

Die Zeit kommentierte:

"Bei diesem Turnier wurde, zumindest aus der Ferne betrachtet, der britische Nationalchauvinismus sichtbarer als das progressive England. Letztlich waren es ausgerechnet die oft für ihre Fußballkultur so gerühmten englischen Fans, die das schlechteste Bild dieser EM abgaben."

Die taz nannte das Verhalten der Fans auf ihren Titel der Ausgabe des 13. Juli "Rassistisches Nachspiel", und dokumentierte einen Tag später die Entwicklungen rund um das beschmierte Graffito in Manchester:

"Bereits am Montag wurden die rassistischen Worte auf dem Wandgemälde in dem Stadtteil, in dem Rashford aufwuchs, abgedeckt. Inzwischen ist die Wandmalerei anderweitig verziert – mit einem bunten Mosaik der individuellen Widmungen und Danksagungen. Es pilgern nun auch von überall Leute hierher, als Ausdruck ihrer Solidarität – mit Rashford, aber auch mit den beiden anderen schwarzen englischen Nationalspielern Jadon Sancho und Bukayo Saka."

Der Tagesspiegel legte den Fokus auf mögliche Konsequenzen bzw. die problematische Tätersuche:

"Premierminister Boris Johnson kündigte im Parlament am Mittwoch an, härter gegen Internetunternehmen vorzugehen, die nicht energisch genug gegen Hass in ihren Foren vorgehen. Täter müssten zudem damit rechnen, Stadionverbot zu erhalten, so der konservative Politiker. 'Wenn jemand wegen rassistischer Beleidigungen im Internet schuldig befunden wurde, wird er nicht zum Spiel gehen', sagte Johnson und fügte hinzu: 'Kein Wenn und Aber, keine Ausreden.'"

Johnson unter Druck

Und auch die Welt zeigte (ebenfalls unter einem Titel mit dem sich anbietenden doppeldeutigen "Nachspiel") die Zusammenhänge zu Johnsons Politik:

"Viele verteidigen die drei England-Spieler gegen die Hetzer. Die Unterstützung wird mit jeder Stunde mehr. Womit gleichzeitig auch der Druck auf die politisch Verantwortlichen zunimmt und das EM-Nachspiel für Boris Johnson und Priti Patel zum Problem gerät: Premier und Innenministerin stehen am Pranger, weil sie sich vor dem Turnier mit keinem Wort eindeutig gegen jene Fans stellten, die mit nationalistischen und rassistischen Parolen seit jeher das Bild der England-Anhänger prägen."

Also klar wie Kloßbrühe: Nicht nur das Private, auch das Sportliche ist politisch, einen anderen Schluss hatten die Debatte um das homophobe ungarische Gesetz und die fehlende Reaktion der Fifa darauf schließlich ebenfalls nicht zugelassen. Die Diskurse um Gerechtigkeit, Vielfalt und Toleranz, die die Kultur, falls sie noch nicht dort waren, längst erreicht haben, sind endlich im Sport angekommen – gut so. Wurde auch Zeit!


Altpapierkorb (... mit Baerbock zum 1000. und 1001., der Deutschen Bischofskonferenz zum 2. oder 3., und der krisengeschüttelten Kinobranche auch zum 1000.)

+++ Baerbock zum 1000.: In der Talkshow von Markus Lanz konnte – laut Sueddeutsche – Robert Habeck gestern hervorragend punkten:

"Und da begab sich ein mittleres Wunder: Habeck nutzte seine geschäftsfördernde Bräune nicht, um Wertpapiere ohne Wert zu verkaufen, sondern parierte das Necken von Lanz so erfolgreich, dass nicht der Gast, sondern der Gastgeber auf seinem Stuhl herumzurutschen begann“

berichtet die SZ begeistert. Der richtige Ton sei getroffen worden, Lanz habe "keinen Stich gegen Habeck" gemacht, und, wird attestiert, "die Verantwortungsbereitschaft ist bei den Grünen jedenfalls da". Habeck hatte Lanz schlichtweg auf eine sehr effektive Art den Wind aus den Segeln genommen: Er hatte Fehler zugegeben, und war dabei glaubhaft.

+++ Der Co-Autor von Annalena Baerbocks Buch hat die Politikerin jetzt in Schutz genommen, berichten einige Medien, zum Beispiel die FAZ. Er sagt nichts wirklich Überraschendes – natürlich habe er mit den Plagiaten nichts am Hut gehabt, und da man nicht dabei war, wird man nie herausfinden, wieviel an diesem Buch Ghostwriting und wieviel Redigat war. Ich muss leider bei der Geschichte immer daran denken, dass ich meinen Studierenden normalerweise Null Punkte gebe, wenn ich herausfinde, dass sie zu faul waren, abgeschriebene Inhalte wenigstens zu paraphrasieren.

+++ Es gab einen schönen Nachtrag zu einer unmöglichen Entscheidung beim katholischen Jugendbuchpreis, ein Buch nicht auszuzeichnen, weil es sich für Diversität einsetzt, berichtet der Spiegel. Die Deutsche Bischofskonferenz hat ihr Statut nun geändert: Die Jury braucht die Zustimmung der Bischöfe nicht mehr.

+++ Und mehrere Medien versuchen gerade mit Abakus und Internet auszurechnen, ob die Kinolandschaft je wieder aus der Krise heraus kommt: Hier der Spiegel, und hier die Süddeutsche. Was unterm Strich übrig bleibt, wird sich zeigen. (Das sollte eine Anspielung auf Beckenbauer sein, weil doch weiter oben Fußball Thema war: Schaun wir mal, dann sehen wir schon.)

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

1 Kommentar

M. Hassemer vor 9 Wochen

Frau Zylka ist meine Lieblings-Verfasserin im Altpapier. Darum:
Null Punkte auf Plagiate im Hochschulkontext zu vergeben, sollte man vielleicht lieber nicht in der 1. Pers. Singular formulieren? Sondern davon ausgehen, dass alle das so machen - Hochschulrecht?
Jedem Kerl, der aus seiner universitären Perspektive heraus assoziiert, er würde einem Kanzlerkandidaten null Punkte wg. Plagiats vergeben, könnte man entgegenhalten, dass er a) von Hochschulrecht, b) Politik außerhalb der Wissenschaft, c) Zitatgebot und d) Urheberrecht offenbar nur wenig Ahnung hat und deswegen von allen diesen Punkten am besten die Finger lassen würde.
Und nein: Von Journalismus habe ich keine Ahnung, weswegen ich hier natürlich auch keine Punkte vergebe.
Bestes,
Michael Hassemer