Das Altpapier am 13. Oktober 2021 Vier Hammerschlümpfe für ein Halleluja

Die pop Rocky ist wieder da, auf der neuen Retro sind alte Schweden, und die 19 Uhr-heute hat einen Neuen, der über gemeinsame Realitäten nachdenkt. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 13. Oktober 2021: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Sind vier Zentimeter zu kurz?

Tut mir leid, wenn Sie es schon wissen, weil der fleißige Kollege es in diesem Altpapier bereits kurz erwähnte. Aber, kicher, mich schüttelt‘s immer noch wegen der Rückkehr der pop Rocky als eskapistisches Retro-Magazin für die sogenannte Generation X. Und das alles auch noch in "zwei Titelvarianten". Ausgerechnet! Ausgerechnet die pop Rocky mit ihren kruden, uneinheitlichen, bonbonfarbenen Titel-Fonts! Mit ihrer Trophäe in Form eines "Hammerschlumpfs", der popeligsten aller möglichen Trophäen, gegen die sogar der BRAVO Otto - nicht nur wegen seiner erstaunlich woken Vermeidung des Wortes "Indianer" – fast wie eine coole Sache wirkt! Ausgerechnet dieses fade Ding, in dem man weder "Wann soll ich ihn untern Pulli lassen?"- oder "Sind vier Zentimeter zu kurz?"-Dr. Sommer-Fragen eruieren, noch Schminktipps finden, noch Foto-Love-Storys mit Comicblasen, in denen "Hmmm…" steht, verfolgen, noch Full Frontal-Aufklärung entdecken konnte!

Das ist doch nicht zu fassen. Und ausgerechnet DAMIT sollen die Mitte-40-bis-Mitte-50-Jährigen sich jetzt in die Öffentlichkeit wagen, ausgerechnet DAS lesen? Eine Zeitung mit wahlweise Didi Hallervorden oder Kim Wilde vorne drauf?! Wobei man Kim Wilde eigentlich nur an den vier Hammerschlümpfen im Arm erkennt, zumindest wenn einem die Hammerschlumpfgewinnerinnen und -gewinner der zwischen 1981 und 1998 existierenden Zeitschrift geläufig sind. Und von "Lesen" kann auch nicht wirklich die Rede sein – die "Sammeledition" der pop Rocky besteht – wenn man die "Poster ohne Heft-Löcher" herausgenommen hat - aus wenigen wehmütigen, in misogyner 80er-Authentizität ausschließlich von Männern (Frauen tauchen bezeichnenderweise als Sam Fox- und Prinzessin Leia-Poster auf) geschriebenen "Wie schön waren die 80er"-Texten voller Packman-, Bud Spencer- und Musikkassetten-Nostalgie, die das Offensichtliche ignoriert: Nein, es war früher nicht alles besser. Man selbst sah nur besser aus, weil jünger. (Obwohl man den schlechteren Geschmack hatte, was die erwähnte Posterarie – Toni Schumacher, Sam Fox, a-ha – eindrucksvoll beweist. Puh, war das eine schwierige Zeit. Aber wir hatten ja nix anderes.)

Gibt es ein Leben ohne Urzeitkrebse?

Irritierend ist zudem: Der Herausgeber des von den Toten auferstandenen Jugendmagazins für alte Leute hatte anscheinend auch schon die nur wenige Sommer (2012 – 2017) lang tanzende Neuauflage des Yps-Heftes zu verantworten, wie die RTL-angeschlossene Klatsch-und-Tratsch-Seite vip.de hier berichtet. Das verstehe wer will: Es gibt auf der Welt wohl kaum etwas Erhaltenswerteres als Yps-Hefte, und kaum etwas Überflüssigeres als pop Rocky. Obwohl Christian Kallenberg, so heißt der wahllose Liebhaber ominöser guter alter Zeiten, das anders sieht, wie die Seite videobuster.de ihn hier zitiert:

"POP Rocky hatte in den 80ern einen großen Einfluss auf unsere Generation. Was in POP Rocky stand, war angesagt. Was nicht im Heft stand, war unwichtig."

Ha! Da weiß ich aber genau, zu welcher Schulhofgruppe der gehörte.

Kann Retro neu sein?

Kallenberg ist mit seinem cleveren, wenn auch unverständlichen Kitzeln des Sehnsuchts-Gens aber nicht der Erste: Als ich vorgestern in einem Zeitungskiosk nach der pop Rocky fragte, nuschelte der Verkäufer: "Steht in Augenhöhe, neben der neuen Retro!". (Mit dem rhetorischen "Hysteron-Proteron" der angeblich "neuen Retro", möchte ich als eifrige Streberin gleich mal einwerfen, kann man seine Linguistik-Dozentinnen oder -Dozenten bestimmt um den Finger wickeln.) Aber ich habe sie natürlich trotzdem sofort gekauft, die still und heimlich bereits seit 2015 erscheinende (hier eine alte Meldung dazu) neue Retro, denn das Cover lockte mit einem Foto der jungen ABBA, dem "exklusiven Liebesgeheimnis" von Heide Keller und Sascha Hehn, und einem Ahoi-Brausen-Poster, übrigens ebenfalls ohne "Heft-Löcher", ätsch, pop Rocky! Dazu Omas Rezepte und Christina Onassis, Unterzeile "Stars gestern und heute" eben, mit der Betonung auf gestern. Und das Regal im Kiosk hatte sogar noch mehr zu bieten: Daneben lag nämlich die neue "Meine Stars von damals", mit Elke Sommer auf dem Cover, und einer Geschichte zu Barbra Streisand und Omar Sharif. Und jetzt höre ich auch auf, und wende mich lieber der Frage zu, ob diese fragwürdigen "Weißt-du-noch"-Produkte überhaupt unter dem journalistischen Sammelbegriff "News" laufen dürften, schließlich sind es eindeutig "Olds". Abgesehen davon, dass es natürlich wahnsinnig pfiffig ist, alte Archivposter wiederzuverwerten, kostet im Zweifelsfall keinen Pfennig, und olle, bereits überall herumposaunte Barbra Streisand-Intimitäten braucht man darüber hinaus nicht einmal von Hollywood-Agentenhexen autorisieren zu lassen, sondern kann sie binnen 15 Minuten Google-Recherche einfach selbst zusammenbauen.

Alter Schwede! Wenn das ein Trend sein soll, dann Gute Nacht, bzw. Arrividerci, Helga & Frank. (Apropos alter Schwede: Dass ABBA gerade erfolgreich mit neuer Platte ihr Comeback durchziehen, wie es unter anderem das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet, macht den zweifelhaften Eskapismus der Sache nicht besser. Und gehört zudem nicht wirklich hierhin.)

Haben wir noch eine gemeinsame Realität?

Hierhin gehört aber folgende Meldung: Die 19-Uhr-heute Sendung hat einen neuen Moderator, wie der Tagesspiegel berichtet, und es dabei an mythologisch-göttlicher Symbolik nicht mangeln lässt.

"Die Karrierelaufbahn in der ZDF-Information ist klar vorgezeichnet: Wer sich im "Morgen"- oder im "Mittagsmagazin" bewährt, der darf seine Koffer in Berlin packen und nach Mainz umziehen. Die Senderzentrale auf dem Lerchenberg ist der Olymp, dort werden die "heute"Nachrichten und das "heute-journal" produziert. Also wechselt Mitri Sirin vom "Morgenmagazin", das er seit 2011 moderiert, zu "heute" um 19 Uhr, er wird die Hauptnachrichten von Montag an präsentieren und die Morgensendung nur noch gelegentlich. Der 50-jährige Journalist folgt Christian Sievers, der künftig nur noch – Olymp, Olymp! – für das "heute-journal" arbeiten wird."

Auch das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete, und zitierte den entspannten, uneitlen Sirin gleich mit einer kritischen Beobachtung:

"Politische Live-Interviews sind aus Sicht von ZDF-Moderator Mitri Sirin ("Morgenmagazin") in den vergangenen Jahren immer komplizierter geworden. "Weil wir uns über alle Lager hinweg nicht mehr auf eine gemeinsame Realität einigen können", sagte der 50-Jährige, der ab diesem Montag die 19-Uhr-"heute"-Sendung im ZDF moderiert. Politiker nutzten im Live-Interview das Stilmittel einer Umkehr der Faktenlage, indem sie etwa einwerfen: "Das stimmt so gar nicht, das habe ich gar nicht so gesagt." Sirin ergänzte: "Wenn man das noch garniert mit irgendwelchen Zahlen und Statistiken, dann ist das im Live-Interview wahnsinnig schwierig, das zu widerlegen." Man müsse es innerhalb kurzer Zeit als Moderator dann schaffen, zum Kern vorzudringen, interessante Aussagen zu provozieren und trotzdem bei den Fakten zu bleiben."

Damit spricht er Wahres, und nennt eines der Kernprobleme der getakteten Livenachrichten: In diesem Format kann man nur hetzen, oder man zeichnet vorher auf, und macht sich damit selbst mit besten Intentionen der Verfälschung schuldig, indem man schneidet und damit kleine Eskalationen sozusagen entkontextualisiert. Dabei ist der Kontext das einzige, was wirklich zählt.

Zudem war die von Sirin angesprochene gemeinsame Realität ungefähr seit dem Mittelalter nicht mehr so mangelhaft wie momentan. Dabei ist das Komische, dass diese Entwicklung mit einer gleichzeitig steigenden Komplett-Dokumentation unseres Lebens zusammenhängt: Ich kann ja noch begreifen, dass der Bader im 16. Jahrhundert stocksauer auf den lokalen Kürschner wurde, weil er irgendeinem teuflischen Gerücht aufsaß, das Stille-Post-mäßig nach einmal Weitererzählen schon verfälscht wurde, oder bereits falsch gestrichelt im Heidelberger Sachsenspiegel des Eike von Repgow zu finden war. Es ist bestimmt schwierig, eine gemeinsame Realität zu identifizieren, wenn man sie noch nicht einmal verlässlich dokumentieren kann. Aber trotzdem unser gesamtes gemeinsames Leben heute aufgezeichnet, berechnet und nachgewiesen wird, eskalieren in modernen Zeiten die Situationen erst recht permanent.

Denn bei der "gemeinsamen Realität" geht es einzig um deren Interpretation. Das fängt mit der Interpretation von Coronazahlen an. Und endet bei der Interpretation von Wahlergebnissen noch lange nicht.


Altpapierkorb mit Melissa Khalaj und der Behinderung der Presse bei einer Demo

+++ Thematisch streift auch folgende Meldung die "gemeinsame Realität": Wie der Spiegel berichtet, hat die Sat 1-Musikshow "All together now" mit Melissa Khalaj eine neue Moderatorin gefunden. Eigentlich hatte die Unterhaltungssendung von Luke Mockridge moderiert werden sollen, dem von diversen, größtenteils anonymen Frauen und seiner Exfreundin Belästigung vorgeworfen wurde, wie es vor allem in einer langen Spiegel-Geschichte (€) heißt, in der es von anscheinend unterschiedlich empfundenen Realitäten nur so wimmelt. +++

+++ Die Berliner Polizei hat sich zu den Vorwürfen geäußert, bei einer Demonstration gegen die anstehende Räumung des Köpi-Wagenplatzes einen Fotojournalisten bei der Arbeit gehindert zu haben, obwohl er sich als Pressemitglied zu erkennen gegeben hatte, das berichtet die taz hier:

"Auf taz-Anfrage gibt eine Sprecherin der Polizei an, die Beamten hätten Pache nicht als Journalisten erkannt. Sie hätten ihn "vorläufig in seiner Freiheit beschränkt", weil er einen Demoteilnehmer in einer Polizeimaßnahme aus "unmittelbarer Nähe gefilmt" habe. Man habe Pache auf die Regularien des Kunsturhebergesetzes hinweisen wollen. Erst beim Überprüfen hätte sich der Beschuldigte als Journalist ausgewiesen. Pache widerspricht: Er habe den Presseausweis an einem Band um den Hals getragen und sich direkt als Journalist zu erkennen gegeben, sagt er der taz. Zudem habe er nicht eine Maßnahme gefilmt, sondern fotografiert, wie ein Teilnehmer von einem Polizisten angegangen wurde."

Das erinnert mich an Steven Soderberghs hübschen Film "Out of Sight", in dem Michael Keaton alias FBI-Agent Ray eine Jacke trägt, auf der in riesigen Lettern "FBI" prangt, sodass ein Polizeikumpel ihn spöttisch fragt: "Habt ihr auch eine mit UNDERCOVER drauf?" Wahrscheinlich wäre eine Jacke mit "PRESSE" in 7000 Punkt Schrift für Demonstrationen wie die oben erwähnte angebracht. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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